Finanzkrise: Kein Vertrauen, nirgends

Finanzkrise: Kein Vertrauen, nirgends

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EU-Kommissionspräsident Barroso (links), EZB-Chef Trichet: Europa und seine Institutionen haben immer noch keine gemeinsame Strategie gegen die Krise

Die Finanzkrise entwickelt sich zum Flächenbrand. Die Politik ist zerstritten, die Finanzwelt paralysiert, die Notenbank hilflos. Jetzt gerät auch noch der Euro unter Druck.

Irgendwann, wenn Historiker zurückschauen, werden diese Tage des Oktobers 2008 für eine ähnliche Zeitenwende stehen wie der 11. September 2001, der „Deutsche Herbst“ 1977 mit der Schleyer- und „Landshut“-Entführung, das Attentat auf Kennedy oder der Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929. Diese Daten stehen für einen tiefen Bruch in der Wahrnehmung von Wirklichkeit, in der Sicht auf Vertrautes und in dem Gefühl von Sicherheit. Die Deutschen trifft diese Krise schlimmer als andere Nationen, denn Wirtschaftswunder und Wohlstand, das Erfolgsmodell der sozialen Marktwirtschaft, sind eigentliches Fleisch und Blut deutscher Nachkriegsidentität. Gerät diese Identität aus den Fugen, droht der Halt des ganzen Landes verloren zu gehen.

Doch wer soll die Deutschen und ihr Vermögen retten? Wer stellt sicher, dass die immer noch stärkste Volkswirtschafts Europas nicht in den Abgrund steuert? Wer kann eine Welt retten, die uns bis vor wenigen Wochen – und selbst noch bei Beginn der Finanzkrise – als einigermaßen sicheres Wohlstandsversprechen galt? Ist es die Bundesregierung, ist es Brüssel, ist es Washington? Führt das politische Krisenmanagement tatsächlich aus der Krise? Können Unternehmer, Manager, Banker noch als vertrauensvolle Weisungsgeber gelten?

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Bürger und Unternehmen wollen Antworten – doch sie erhalten keine. Seit zwei Wochen, seit dem Zerfall der Wall-Street- Investmentbank-Ikone Lehman Brothers, versuchen sich Wirtschaft und Politik im Krisenmanagement. Dabei eskaliert die Krise weiter. Inzwischen hat die Politik das Heft des Handelns komplett an sich gerissen. In den USA wurde ein Rettungspaket von 700 Milliarden Dollar aufgelegt, Bundeskanzlerin Angela Merkel gab vorvergangenen Sonntag eine Einlagen-Garantie für alle Sparkonten, Island verstaatlichte seinen Bankensektor. London betreibt eine Teil-Verstaatlichung der berühmten City.

Die EU fühlt sich nicht zuständig

Damit werden die Defizite des Krisenmanagements deutlich: Es gibt kein abgestimmtes europäisches und internationales Vorgehen. Die EU, die sich ansonsten um jede Bananenkrümmung kümmert, fühlt sich nicht richtig zuständig. Die Nationalstaaten beschuldigen sich gegenseitig wegen eines verfehlten Krisenmanagements. Die deutsche Bundesregierung wiederum schwankt zwischen nationalen, teil populistischen Reaktionen und Schuldzuweisungen an die Adresse der USA und Großbritanniens. Und innerhalb der großen Koalition verfolgt die Kanzlerin eher sozialdemokratische Lösungen, als ordnungspolitisch halbwegs vertretbare Eindämmungspolitik der Krise zu betreiben.

Die jetzige Krise ist eine Krise mit Ansage. Seriöse Stimmen haben seit vergangenem Sommer davor gewarnt, dass es immer noch schlimmer kommen werde, dass die Salami-Taktik von Ackermann und Co. falsch ist, dass der Realwirtschaft schon bald der Abschwung droht. In Berlin wollte niemand etwas davon wissen. Die Devise war, wir werden mit einem blauen Auge davonkommen. Für die Absurdität des Regierungshandelns mag ein Zitat von Finanzminister Peer Steinbrück herhalten, der erst im „Handelsblatt“-Interview vom vergangenen Donnerstag sagte: „Die Auswirkungen auf die Realwirtschaft werden deutlich spürbarer sein, als wir es bisher eingeschätzt haben“. Kleinlaut wird die Bundesregierung nun ihre Konjunkturprognose von 1,2 Prozent für 2009 herunterfahren. Die politische Vorgabe lautet, dass man ein Null- oder Negativ-Wachstum vermeiden will. Jetzt wird wahrscheinlich ein Wachstum von 0,25 Prozent vorhergesagt.

Bei so viel politischer Sprunghaftigkeit ist klar, dass selbst sinnvolle und gemeinsame internationale Notoperationen nur begrenzte Wirkung zeigen. Wie soll vor diesem Hintergrund wiederhergestellt werden, was derzeit besonders fehlt: Vertrauen? Denn es war der Verlust von Vertrauen, der diese Krise – jenseits aller technischen Erklärungen – vor allem ausgelöst hat.

Der Erfolg bleibt aus

Euro-Kurs

Euro-Kurs in Dollar zwischen dem 1.1.2007 und Oktober 2008 (Klicken Sie auf die Grafik für eine erweiterte Ansicht)

Und so wird der Patient Weltwirtschaft am offenen Herzen operiert, mit unterschiedlichen Operationstechniken, Strategien und im Streit darüber, ob mit oder ohne Betäubung geschnitten wird. Die Folge: Die Krankheitsherde gedeihen weiter, drohen auf andere, gesunde Teile des Körpers überzugreifen. Trotz expansiver Geldpolitik leihen sich die Banken nichts mehr untereinander. Und nun droht sogar der Euro, bislang Hort der Stabilität, von der Krise infiziert zu werden.

Liquiditätskrise. Seit Wochen pumpen die Zentralbanken Milliardensummen in das Bankensystem. Doch der Erfolg blieb aus. Die Weltwirtschaft sitzt in der Liquiditätsfalle, einer Situation, die der britische Ökonom John Maynard Keynes bereits 1936 in seiner Untersuchung über die große Depression analysierte. Keynes bezog seine Analyse auf Unternehmen und private Haushalte – heute gilt seine Erkenntnis für die Banken. Die Pleiten im Finanzsektor haben das Vertrauen der Kreditinstitute untereinander zerstört. Statt das Geld, das ihnen die Notenbanken geben, für die Vergabe von Krediten zu nutzen, horten sie es oder legen es wieder bei der Zentralbank an. Der Geldkreislauf kollabiert, die Wirtschaft trocknet aus, der Absturz in Depression und Deflation droht. In einer solchen Situation, schlussfolgerte Keynes, sind die Zentralbanken machtlos. Nur die Regierungen können Kreditkreislauf und Wirtschaft wieder in Gang bringen. Während die Politiker in den USA und in Großbritannien den Banken mit mutigen und unkonventionellen Schritten frisches Eigenkapital zuführen, herrscht auf dem europäischen Festland hektische Kleinstaaterei.

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