Forum: Deutschlands ökonomische Stärke ist eine Illusion

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Marcel Fratzscher, 42, ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Berlin (DIW).

Im längerfristigen Vergleich weisen selbst Euro-Krisenländer eine bessere wirtschaftliche Entwicklung auf als Deutschland. Für eine sichere Zukunft braucht das Land vor allem eines: mehr Investitionen!

Deutschland schwimmt auf einer Welle der Euphorie. „Die Wirtschaft brummt, und wir stehen so gut da wie seit Langem nicht“, so die öffentliche Meinung. Aber spiegelt die Stimmung reale Fakten oder eine Illusion? Wie gut geht es Deutschland wirklich – nicht nur im Vergleich mit anderen europäischen Ländern, sondern im Vergleich mit unseren eigentlichen Möglichkeiten? Schöpfen wir unser Potenzial aus? Ist die deutsche Wirtschaft für die Herausforderungen der Zukunft gewappnet?

Es gibt viele gute Gründe für die Euphorie in Deutschland – kaum ein Land in Europa hat sich so gut von der globalen Finanzkrise der Jahre 2007 bis 2009 erholt und ist heute wirtschaftlich und politisch so stabil. Eine außergewöhnliche Leistung ist der Rückgang der Arbeitslosenquote von fast 12 Prozent 2005 auf heute 6,9 Prozent. Seit 2009 haben 1,2 Millionen Menschen mehr einen Arbeitsplatz erhalten. Zu Recht stolz ist Deutschland auch auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit seiner Unternehmen.

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Eine weitere bemerkenswerte Leistung ist die Konsolidierung der öffentlichen Haushalte – diese schrieben bereits 2012 wieder schwarze Zahlen, und die Überschüsse sollen in den nächsten Jahren weiter steigen. Aber wieso hat Deutschland ein so kurzlebiges Gedächtnis – wieso blenden wir das Jahrzehnt vor der Krise heute aus? Die Fakten seit 1999, dem Beginn der Währungsunion, zeigen ein völlig gegensätzliches Bild: Kaum ein Land in Europa ist so schwach gewachsen wie Deutschland. Selbst im Euro-Krisenland Spanien ist seit 1999 die Wirtschaft bis heute stärker gewachsen als in Deutschland.

Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft wurde fast ausschließlich durch eine zurückhaltende Lohnentwicklung verbessert, das Produktivitätswachstum hat sich nur mäßig mit dem europäischen Durchschnitt entwickelt. Es gibt kaum ein Industrieland, in dem Reallöhne und reale Konsumausgaben so schwach gewachsen sind wie in Deutschland. Viele deutsche Arbeitnehmer stehen vom Reallohn her heute sogar schlechter da als vor 15 Jahren. Diese Fakten sollten uns Anlass geben, kritisch zu hinterfragen, ob Deutschland auf dem richtigen Weg ist.

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