Freytags-Frage: Müssen wir uns auf Deflation einstellen?

kolumneFreytags-Frage: Müssen wir uns auf Deflation einstellen?

Kolumne von Andreas Freytag

Die Angst vor einem Preisverfall treibt die EZB um. Befürchtet wird eine Abwärtsspirale, die die Wirtschaft in der Euro-Zone schwächeln lässt. Doch wie wahrscheinlich ist eine Deflation in Deutschland überhaupt?

EZB-Präsident Mario Draghi hat sich erneut mit der Sorge um das Preisniveau zu Wort gemeldet und den Ankauf von Staatsanleihen in Aussicht gestellt. Die Inflationsrate ist nicht zuletzt wegen des niedrigen und endlich an die Kunden weitergegebenen Ölpreises extrem gering. Im November lag sie im Durchschnitt der Eurozone bei 0,3 Prozent (Preisniveau im Vergleich zum Vorjahresmonat). Dabei fallen die recht großen Unterschiede zwischen den Mitgliedern ins Auge. In Österreich betrug die Inflationsrate 1,5 Prozent, in Deutschland 0,5 Prozent. In Griechenland (-1,2 Prozent) und Spanien (-0,5 Prozent) war sie negativ.

Das zeigt zweierlei: Erstens wird es für die EZB schwierig, eine Geldpolitik zu machen, die allen Ländern gerecht wird. Das gab es allerdings auch in Phasen deutlich höherer durchschnittlicher Inflation, und es gilt für jeden Währungsraum, also damals auch in der D-Mark-Zeit (auch zwischen Husum und Frankfurt gibt es eine unterschiedliche Preisentwicklung; die Inflationsrate in Frankfurt ist mit Sicherheit deutlich über der in Husum). Insofern ist dies ein Problem, das die Geldpolitik kennt und das lösbar erscheint.

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Meilensteine der Ölpreisentwicklung

  • Beginne der Ölförderung

    Die ersten gewinnbringenden Erdölbohrungen finden Mitte des 19. Jahrhunderts statt. In dieser Zeit entstehen auch die ersten Raffinerien. Bis 1864 steigt der Ölpreis auf den Höchststand von 8,06 Dollar pro Barrel (159 Liter); inflationsbereinigt müssen damals im Jahresdurchschnitt 128,17 US-Dollar gezahlt werden. In den folgenden Jahrzehnten bleibt der Preis auf einem vergleichsweise niedrigen Level, fällt mitunter sogar, bedingt etwa durch den Erfolg der elektrischen Glühlampe, durch die Öl im privaten Haushalt nicht mehr zur Beleuchtung nötig ist.

  • Vollgas mit Benzin

    Mit dem Erfolg des Automobils zu Beginn des 20. Jahrhunderts steigt die Öl-Nachfrage rasant; speziell in den USA, wo der Ford Modell T zum Massenprodukt wird. 1929 fahren insgesamt 23 Millionen Kraftfahrzeuge auf den Straßen. Der Verbrauch liegt 1929 in den Staaten bei 2,58 Millionen Fass pro Tag, 85 Prozent davon für Benzin und Heizöl. Die Preise bleiben allerdings weiter unter fünf Dollar pro Fass (nicht inflationsbereinigt), da auch mehr gefördert wird.

  • Negative Folgen der Weltwirtschaftskrise

    In den 30er Jahren kommt die Große Depression, die Unternehmenszusammenbrüche, Massenarbeitslosigkeit, Deflation und einen massiven Rückgang des Handels durch protektionistische Maßnahmen zur Folge hat. Während der Weltwirtschaftskrise verringert sich die Nachfrage nach Erdöl und der Preis sinkt auf ein historisches Tief. 1931 müssen bloß noch 0,65 Dollar pro Barrel gezahlt werden (inflationsbereinigt etwa zehn US-Dollar). So billig sollte das schwarze Gold nie wieder sei.

  • Goldene Zeitalter des billigen Öls

    Nachdem sich die Weltkonjunktur erholt hat, steigt der Preise für Öl wieder, bleibt aber konstant unter fünf Dollar pro Barrel. Für die Jahre zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Ölkrise im Herbst 1973 spricht man deshalb vom „goldenen Zeitalter“ des billigen Öls.

  • Erste Ölkrise

    In den 70er und 80er Jahren kommt der Ölpreis in Bewegung. Als die Organisation der erdölexportierenden Länder (Opec) nach dem Krieg zwischen Israel und den arabischen Nachbarn im Herbst 1973 die Fördermengen drosselt, um politischen Druck auszuüben, vervierfacht sich der Weltölpreis binnen kürzester Zeit. Zum Ende des Jahres 1974 kostet ein Barrel über elf Dollar (inflationsbereinigt fast 55 US-Dollar). Dies bekommen auch Otto-Normal-Bürger zu spüren: In Deutschland bleiben sonntags die Autobahnen leer, in den USA bilden sich Schlangen vor den Tankstellen.

  • Preisexplosion während des Golfkriegs

    Während der zweiten Ölkrise in den Jahren 1979/1980 zieht der Ölpreis nach einem kurzfristigen Rückgang weiter an. Ausgelöst wird dies im Wesentlichen durch Förderungsausfälle und Verunsicherung nach der Islamischen Revolution. Nach dem Angriff Iraks auf Iran und dem Beginn des Ersten Golfkrieg explodieren die Preise regelrecht. Auf dem Höhepunkt im April 1980 kostet ein Barrel 39,50 Dollar (inflationsbereinigt 116 Dollar).

  • Niedrigpreise in den 80er und 90er Jahren

    Die 80er und 90er Jahre sind – abgesehen von dem kurzzeitigen Anstieg verursacht durch den Zweiten Golfkrieg – eine Phase niedriger Ölpreise. Die Industriestaaten befinden sich in einer Rezession und suchten aufgrund vorhergehenden Ölkrisen mit besonders hohen Preisen nach alternativen Energiequellen. Weltweit gibt es Überkapazitäten. Während der Asienkrise 1997/1998 sinkt die Nachfrage weiter. Ende des Jahres 1998 werden 10,65 Dollar pro Barrel verlangt.

  • Ein rasanter Anstieg

    Nach Überwindung der Krise wachsen die Weltwirtschaft und damit auch der Ölbedarf schnell. Selbst die Anschläge auf das World Trade Center 2001 sorgen nur für einen kurzen Rücksetzer. Anfang 2008 steigt der Ölpreis erstmals über 100 US-Dollar je Barrel, Mitte des Jahres sogar fast auf 150 Dollar. Ein Grund für den Preisanstieg wist der Boom des rohstoffhungrigen China, mittlerweile zweitgrößter Verbraucher der Welt.

  • Ölpreis 2015

    Die globale Finanzkrise und eine schwächelnde Konjunktur sorgen für einen Rückgang der Nachfrage. Gleichzeitig bleibt das Angebot durch die massive Förderung in den USA (Fracking) hoch. Die Folge: Der Ölpreis bricht ein. Ab Sommer 2014 rutscht der Preis für Brentöl innerhalb weniger Monate um rund 50 Prozent auf 50 Dollar. Erst im Februar 2015 erholte sich der Ölpreis leicht und schwankt um die 60 Dollar je Barrel.

  • Ölpreis heute

    Im Mai 2015 hatten sich die Ölpreise zwischenzeitlich erholt. Die Sorte Brent erreichte mit einem Preis von 68 US-Dollar je Barrel ein Jahreshoch. Von da aus ging es bis September des Jahres wieder steil bergab auf 43 Dollar. Nach einer Stabilisierung zwischen September und November nahm der Ölpreis seine wieder Talfahrt auf. Am 15. Januar hat der Ölpreis die 30-Dollar-Marke unterschritten.

Zweitens haben gerade die Länder, in denen die Inflationsrate niedrig bis negativ ist, fallende Kosten und damit fallende Preise nötig, damit die Wettbewerbsfähigkeit der dort ansässigen Unternehmen steigt. In der niedrigen Inflation drückt sich in gewisser Weise der Erfolg der Anpassungsstrategie und der wirtschaftspolitischen Reformen aus. Man muss auch davon ausgehen, dass die Preise wieder anziehen, wenn die Reformen wirklich durchschlagen. Insofern ist es grob fahrlässig, dort die Inflation anheizen zu wollen. Dieser Umstand macht nebenbei deutlich, dass es der EZB wohl nicht um Deflationsbekämpfung geht.

Ist Deflation wirklich das Problem?

Für diese Kolumne sind die Motive der EZB allerdings zweitrangig. Wichtig ist aber, ob Deflation wirklich das vorrangige geldpolitische Problem ist. Um dies beurteilen zu können, sollte man nochmals genauer auf die einzelnen Preise und deren Beiträge zur Inflation blicken. Ein wesentlicher Treiber der niedrigen Inflationsrate ist wie gesagt der sinkende Ölpreis.

Diese Entwicklung hat durchaus positive Wirkungen auf die Kaufkraft der Menschen. Die ökologischen Konsequenzen wären gesondert zu diskutieren. Fest steht außerdem, dass diese Tendenz nicht ewig anhalten wird. Man kann davon ausgehen, dass der Ölpreis früher oder später wieder steigen wird.

Außerdem ist es kein Ausdruck einer depressiven Stimmung, eines Abwartens, dass der Ölpreis fällt. Nur wenn die Menschen heute nichts kaufen, weil sie morgen eine weitere Preissenkung erwarten, und dann lieber bis übermorgen warten, wäre der Preisverfall wirklich gefährlich.

Der gesunkene Ölpreis ist nicht durch hiesige Konsumenten verursacht. Er ist vielmehr das Ergebnis strategischer Kalküle anderswo, und muss deshalb eher in die Kategorie Windfall-Profit eingeordnet werden. Denn im Winter muss geheizt werden, und viele Berufstätige brauchen das Auto unabhängig vom Spritpreis. Zusammengefasst: Der Ölpreisverfall ist kein Beleg für Deflation.

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