ThemaÖkonomen

kolumneFreytags-Frage: Welche Rolle spielen Ökonomen in der Gesellschaft?

06. September 2013
Ein Plädoyer für eine vielfältige Wirtschaftswissenschaft. Quelle: FotoliaBild vergrößern
Ein Plädoyer für eine vielfältige Wirtschaftswissenschaft. Quelle: Fotolia
Kolumne von Andreas Freytag

Als Ökonom wird man heutzutage des Öfteren mit der These konfrontiert, die Ökonomen hätten in der Krise versagt, weil sie sie nicht vorhergesagt haben. Überhaupt: was soll man mit dem Rat der Ökonomen anfangen; sie sind sich ja nie einig? Die Eurokrise zeige deutlich die Schwächen dieser Berufsgruppe auf.

Richtig ist daran natürlich erstens, dass die Krise wirklich nicht vorhergesagt wurde, zumindest nicht in dieser Schärfe. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen gibt es keine eindeutige Wahrheit der Ökonomik. Dazu ist die Realität viel zu komplex; es gibt kaum klare Kausalitätsbeziehungen; vieles ist Einschätzungssache. Anders als Naturwissenschaftler können Sozialwissenschaftler - und dazu sind Ökonomen wohl zu zählen - keine kontrollierten Experimente durchführen. Sie konstruieren statt dessen theoretische Modelle über Kausalitätsbeziehungen, die dann mittels statistischer Methoden und vorliegender Daten getestet werden. Es werden dabei politische Rahmenbedingungen vorausgesetzt, die natürlich eine gewisse Konstanz aufweisen müssen.

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Die Vorhersagekraft solcher Modelle hängt erst recht von der Konstanz der Rahmenbedingungen ab. Und da liegt das Problem hinsichtlich der Krisen. Denn sowohl die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise als auch die europäische Staatsschuldenkrise waren das Ergebnis eines grandiosen Politikversagens mit plötzlichem Politkwechsel. Im ersten Fall führte die als Eigenheimförderung ausgestaltete amerikanische Sozialpolitik im Verbund mit laxer Geldpolitik und innovativem (aber nicht unbedingt gemeinwohlorientiertem) Verhalten der Finanzmarktakteure (Stichwort strukturierte Anlageobjekte) zum Aufbau und zum Platzen einer Immobilienblase. Die Eurokrise ist vor dem Hintergrund der Notwendigkeit konstanter Rahmenbedingungen ebenfalls ein Problem für Prognostiker. Sie ist das Ergebnis unsolider Fiskalpolitik im Verbund mit zumindest ideenreicher – manche meinen sogar rechtswidriger - Interpretation der Regeln der EWU. Anders gewendet: Die Regeln der EWU galten nur solange, wie es den Eliten passte; das wurde in der Tat in vielen makroökonomischen Modellen nicht berücksichtigt.

Die Chronik der Finanzkrise Die Chronik der Finanzkrise

Wie die platzende Immobilienblase in den USA die Weltwirtschaft zum Wanken brachte.

Die Chronik der Finanzkrise: Die Chronik der Finanzkrise

Ökonomen dafür verantwortlich zu machen, dass sie unverantwortliches Handeln der politischen Eliten nicht korrekt antizipiert hätten, ist aber nicht schlüssig. Was würde es für einen Aufschrei in der Politik hervorrufen, wenn in den makroökonomischen Modellen der Bundesbank oder der Wirtschaftsforschungsinstitute systematisch eine Variable für kriminelle Energie europäischer Politiker eingebaut würde und diese auch noch zum Standardwissen in den Lehrbüchern erhoben würde?

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Kommentare | 16Alle Kommentare
  • 08.09.2013, 00:50 Uhrhdh

    Die Politiker haben sich nur von den Managementideen und den vermögensmehrenden Geschäftsmodellen der Wall Street, der Londoner City überzeugen lassen. Sie waren nötig, weil nur sie den rechtlichen Rahmen für die Ideen schaffen konten. Dem Pekunarismus eines Friedman. Ronald Reagan mit der Theorie einer "trickle-down-economy", die Wohlstand in Form von Sickerwasser unten ankomen lässt. Clinton von Robert Rubin und Larry Summers. Rubin, als Mitarbeiter der Ciy Bank, mit dem Zusammenschluss mit der Versicherung Travellers Inc., der Aufhebung des Glass-Stegall-Act, der die Freiheit der Banken zur Vermögensvermehrung bedrohte. Maggie Thatcher machte mit. Kohl und anschliessend Schröder machten die fremden Ideen zu eigenen Ideen. Schröder unterstützt von seinen Staatssekretären Assmussen und Weidmann. Immer wieder waren Banker, Wirtschaftswissenschaftler überzeugte Neoliberale als Berater und Ideengeber dabei, denn es ging und geht um Geld, sehr viel Geld und Macht. Die Grössenordnung ist so bei $850 Trillion im OTC Bereich zu verorten.

    Zurück zu Robert Rubin. Zuerst war er bei der City Bank, dann Finanzminister unter Clinton, dann wieder bei der neu gegründeten CityGroup (incl. Travellers Inc.). Erinnern Sie sich noch an den Finanzminister unter G. W. Busch? Das mm titelte: "GoldmanSachs Chef wird US Finanzminster" (30.5.2006). Nach seinem Rücktritt wurde er wieder Chef bei GoldmanSachs. Unter seiner Regie wurde die Finanzbranche der USA durch Übernehme der Forderungsausfälle durch geführt.
    Ohne zu berücksichtigen, dass es um Geld, sehr viel Geld geht und Macht geht, werden nur unbedeutnde Hilfswillige gebrandmarkt!


  • 07.09.2013, 13:54 UhrOikos

    Nicht nur die gegenwärtige Euro-Krise ist von Ökonomen wie Hankel und anderen exakt so vorhergesagt worden, wie wir sie derzeit erleben, sondern auch die Immobilienkrise in den USA wurde lange vorher als drohendes Crashszenario in öffentlichen Massenmedien hinreichend laut und deutlich diskutiert. So laut und deutlich, dass ich mein Aktiendepot schon frühzeitig - leider viel zu frühzeitig, um den letzten Anstieg noch mitzunehmen - stark zurückgefahren habe. Wer heute den Ökonomen diesbezüglich Vorwürfe macht, hat leider damals schon nicht hingehört. Und gehört wahrscheinlich zu den Unverbesserlichen.
    Was nicht heißt, das Kritik an Ökonomen nicht gerechtfertigt ist. Dem Autor des wiwo-Beitrages kann ich in seiner Kritik der gegenwärtigen Entwicklung der Ökonomik oftmals nur zu gut zustimmen.
    Vor allem stimmt aber seine politische Analyse, dass die Immobilienkrise genauso wie die Eurokrise das Resultat eines grandiosen Politikversagens sind. Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenige Menschen die politischen Ursachen der Immobilienkrise kennen - und wie viele Menschen vergessen haben, dass der Euro Teil des Projekts war, die stockende Politische Union durch eine Wirtschafts- und Währungsunion voranzutreiben. Die Warnungen der Ökonomen davor sind mir jedenfalls noch gut im Ohr.
    Es ist noch viel Aufklärung der Öffentlichkeit nötig. Weiter so!

  • 07.09.2013, 10:30 UhrKutte

    1. ist diese EURO Krise von einigen Ökonomen vorhergesagt worden. Es gibt gewisse ökonomische Gesetze, die so ähnlich fungieren wie physikalische Gesetze die man nicht ändern kann.
    2. Wenn man als Bundeskanzlerin einen ökonomischen Berater wie Josef Ackermann hinzuzieht muss man sich ja auch nicht wundern.

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