Freytags-Frage: Wohin entwickelt sich die Volkswirtschaftslehre?

kolumneFreytags-Frage: Wohin entwickelt sich die Volkswirtschaftslehre?

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Nobelpreisträger Angus Deaton befasst sich mit aktuellen Themen wie der Ursache der Flüchtlingskrise

Kolumne von Andreas Freytag

Jahrelang wurde die Volkswirtschaftslehre von Theoretikern dominiert. Ob Klimawandel oder Armut – viele Themen sind zu kurz gekommen. Warum die Zeit der angewandten Forscher gekommen ist und wie das die VWL verändert.

Am Montag hat die Königliche Schwedische Akademie der Wissenschaften in Stockholm Angus Deaton mit dem „Wirtschaftsnobelpreis“ ausgezeichnet. Professor Deaton hat sich mit Armut und Konsumverhalten beschäftigt und ist ein profunder Kenner der Entwicklungspolitik und ihrer Probleme. Seine empirischen Studien basieren auf eigenen theoretischen Arbeiten, einem eigenen empirischen Modell und eigenen Datenerhebungen, die aber von ihm selber ständig weiterentwickelt wurden; sie sind also schlüssig in seine Forschungsagenda integriert.
Auch die wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen sind darauf aufgebaut. Damit unterscheidet sich Deaton wohltuend von den permanent in der Öffentlichkeit polemisierenden Nobelpreisträgern Stiglitz und Krugman, deren großartige theoretische Arbeiten wenig Eingang in ihre wirtschaftspolitischen Vorschläge gefunden haben.

Der Wirtschaftsnobelpreis: Die Preisträger der vergangenen zehn Jahre

  • 2016

    Oliver Hart (USA) und Bengt Holmström (Finnland). Mit dem Preis zeichnet die Jury die Forschungen zur Kontrakttheorie aus.

  • 2015

    Angus Deaton (Großbritannien) für seine "Analyse von Konsum, Armut und Wohlfahrt".

  • 2014

    Jean Tirole (Frankreich) für seine Analysen zu den Themen Marktmacht und Regulierung.

  • 2013

    Eugene F. Fama (USA), Lars Peter Hansen (USA) und Robert J. Shiller (USA). Die Drei wurden für ihre Methoden zur Beobachtung der Kursbildung an den Aktienmärkten ausgezeichnet.

  • 2012

    Alvin E. Roth (USA) und Lloyd S. Shapley (USA). Beide entwickelten wichtige Erkenntnisse, wie man verschiedene wirtschaftliche Akteure zueinander bringt.

  • 2011

    Christopher A. Sims (USA) und Thomas Sargent (USA). Ihr Gebiet: Modelle, mit denen sich das Wechselspiel von Inflation, Zinsen und Arbeitslosigkeit analysieren lässt.

  • 2010

    Peter A. Diamond, Dale T. Mortensen (USA) und Christopher A. Pissarides (Großbritannien). Sie wurden für ihre Untersuchung von Marktmechanismen ausgezeichnet.

  • 2009

    Elinor Ostrom (USA) und Oliver E. Williamson (USA). Sie haben gezeigt, „wie gemeinschaftliches Eigentum von Nutzerorganisationen erfolgreich verwaltet werden kann“. Zu Williamson hieß es, er habe Modelle zur Konfliktlösung mit Hilfe von Unternehmensstrukturen entwickelt.

  • 2008

    Paul Krugman (USA) für seine Forschungsergebnisse als Handelstheoretiker.

  • 2007

    Leonid Hurwicz (USA), Eric S. Maskin (USA) und Roger B. Myerson (USA) für ihre Arbeiten über die Grundlagen der „Mechanischen Designtheorie“.

  • 2006

    Edmund S. Phelps (USA) für seine Analyse zum Verhältnis kurz- und langfristiger Effekte in der Wirtschaftspolitik.

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Der Bedarf an theoretischer Forschung sinkt

Mit seinen Arbeiten hat Deaton direkt viele Entwicklungsorganisationen beraten und war damit einflussreich. Der Nobelpreis 2015 geht also an einen angewandten Forscher, der ein wirklich wichtiges Themenfeld (Armutsbekämpfung und Entwicklung) mit innovativen Methoden behandelt und sich nicht vor wirtschaftspolitischen Aussagen drückt. Dazu kann man der Akademie in Stockholm (und natürlich dem Preisträger selber) nur gratulieren.

Auszeichnung Wirtschaftsnobelpreis geht an Angus Deaton

Der Wirtschaftsnobelpreis geht in diesem Jahr an Angus Deaton. Der britische Ökonom wird für seine Analyse von Konsum, Armut und Wohlstand geehrt.

Illustration des Ökonomen Angus Deaton von Johan Jarnestad/The Royal Swedish Academy of Sciences

Diese Verleihung – wie auch diejenigen zuvor – deutet zudem an, in welche Richtung sich die Volkswirtschaftslehre entwickelt hat und auch weiter entwickeln dürfte. Der Erkenntnisfortschritt in theoretischer Hinsicht dürfte im Zeitablauf geringer werden. Denn die meisten Zusammenhänge scheinen theoretisch erforscht; Neues dürfte bestenfalls inkrementell sein. Insofern scheint der Bedarf an theoretischer Forschung eher abzunehmen als zu wachsen.

Wichtiger hingegen wird mit Sicherheit die angewandte Forschung werden, denn es gibt zahlreiche ungelöste Probleme in der Weltwirtschaft.

Armut als Ursache der Flüchtlingskrise

Die Armutsbekämpfung ist eines der drängendsten, wie die Preisverleihung an Angus Deaton auch dokumentiert. Daran hängt sehr vieles: Ein großer Anteil der Flüchtlinge, die zur Zeit an Europas Grenzen auf Einlass und auf Teilhabe am Wohlstand drängen, kommen wegen der großen Armut und der Perspektivlosigkeit in ihren Heimatländern. Es ist davon auszugehen, dass die meisten von ihnen die Wanderung nicht als erste Option in ihren Lebensentwürfen geplant haben, sondern ihr Glück lieber zuhause und mit ihren Familien und Freunden suchen würden. Armutsbekämpfung vermindert wohl Flüchtlingsströme.

Zehn Mythen über den Nobelpreis

  • Hitler wurde für den Friedensnobelpreis nominiert

    Richtig. Adolf Hitler wurde 1939 von dem schwedischen Abgeordneten E.G.C. Brandt für den Preis nominiert, der „Brüderlichkeit unter den Nationen“ und weltweite Abrüstung vorantreiben soll. Brandt zog die Nominierung später zurück und erklärte, sie sei satirisch gemeint gewesen. Die Episode zeigt, dass praktisch jedermann nominiert werden kann. Über die Aussichten, den Preis tatsächlich zu bekommen, sagt eine Nominierung nichts aus.

  • Alle Nobelpreise werden in Stockholm verliehen

    Falsch. Der Friedensnobelpreis wird, wie von Alfred Nobel verfügt, in Oslo verkündet und verliehen. Warum Nobel das so wünschte, ist nicht bekannt, doch waren Schweden und Norwegen zu seinen Lebzeiten in einer Personalunion verbunden.

  • Der Preis für Wirtschaftswissenschaften ist kein echter Nobelpreis

    Richtig. Der Preis für Wirtschaftswissenschaften zählte nicht zu den fünf Auszeichnungen, die Alfred Nobel in seinem Testament für die Kategorien Medizin, Physik, Chemie, Literatur und Frieden forderte. Er wurde 1968 zu Ehren Nobels von der schwedischen Zentralbank gestiftet. Er wird gemeinsam mit den anderen Preisen bekanntgegeben, ist mit demselben Preisgeld in Höhe von acht Millionen schwedischen Kronen (878.000 Euro) dotiert und wird bei der jährlichen Nobelpreiszeremonie im Dezember verliehen. Doch formal ist er kein Nobelpreis. Der offizielle Name lautet „Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften der schwedischen Reichsbank“.

  • Fast alle Preisträger sind Männer

    Richtig. Von den 847 Personen, die bislang einen Nobelpreis erhielten, waren nur 44 Frauen - das sind gerade einmal rund fünf Prozent der Preisträger. 15 Frauen wurden mit den Friedensnobelpreis ausgezeichnet, während nur eine - die US-Forscherin Elinor Ostrom 2009 - den Preis für Wirtschaftswissenschaften erhalten hat. Das Geschlecht spiele bei ihrer Entscheidung über die Preisträger jedoch keine Rolle, sagen die Nobel-Juroren. Das Verhältnis spiegele nur die historische Dominanz von Männern in vielen Forschungsbereichen wider.

  • Nobelpreise können posthum verliehen werden

    Falsch. Seit 1974 werden von den Preiskomitees nur lebende Personen berücksichtigt. 2011 machte die Nobelstiftung allerdings eine Ausnahme: Erst unmittelbar nach der Bekanntgabe des Preises für Medizin hatte sich herausgestellt, dass einer der Geehrten, der kanadische Immunforscher Ralph Steinman, wenige Tage zuvor gestorben war. Die Stiftung beließ es bei der Entscheidung, Steinmans Anteil am Preisgeld ging an seine Hinterbliebenen.

  • Man kann nur in einer Kategorie nominiert werden

    Falsch. Die Französin Marie Curie gewann 1903 den Preis für Physik und 1911 den für Chemie. Der US-Chemiker und Friedensaktivist Linus Pauling erhielt 1954 den Nobelpreis für Chemie, acht Jahre später wurde er mit dem Friedensnobelpreis geehrt.

  • Churchill gewann den Friedensnobelpreis

    Falsch. Der redegewandte, konservative britische Politiker Winston Churchill erhielt zwar einen Nobelpreis, allerdings in der Kategorie Literatur. Er wurde damit 1953 „für seine meisterlichen historischen und biografischen Schilderungen sowie für brillante Rhetorik bei der Verteidigung erhabener menschlicher Werte“ ausgezeichnet.

  • Auch vier oder mehr Personen können sich einen Nobelpreis teilen

    Falsch. Die Nobelstatuten besagen, dass die Auszeichnungen unter mehreren Preisträgern aufgeteilt werden können, doch in keinem Fall „darf eine Preissumme unter mehr als drei Personen aufgeteilt werden“.

  • Ein Nobelpreis kann nicht wieder entzogen werden

    Richtig. Die Nobelstatuten sind diesbezüglich eindeutig. Wer einen Nobelpreis bekommen hat, behält ihn für immer. Paragraf 10 lautet: „Gegen die Entscheidung eines Preisgremiums dürfen keine Einsprüche bezüglich der Zuerkennung eines Preises erhoben werden.“ Online-Petitionen, die zum Entzug eines bestimmten Preises aufrufen, sind daher wirkungslos.

  • Man kann nur einmal einen Nobelpreis gewinnen

    Falsch. Es gibt keine Obergrenze, wie oft jemand mit einem Nobelpreis geehrt werden kann. Der US-Wissenschaftler John Bardeen gewann den Preis für Physik zweimal, 1956 und 1972. Der britische Biochemiker Frederick Sanger erhielt zwei Preise für Chemie, 1958 und 1980.

Ein anderes – verwandtes – Thema ist der mit Wachstum verbundene Umwelt- und Klimawandel. Hier können Ökonomen wenig zu den naturwissenschaftlichen Zusammenhängen sagen. Sie können aber sehr wohl Hinweise zur Organisation der weltweiten Ressourcennutzung, also der Allokation geben. Gerade in Verbindung mit der angestrebten Entwicklung vieler Regionen wird die Ressourcennachfrage eher steigen als sinken mit der Folge steigender klimaschädlicher Emissionen. Die Wahl eines Mechanismus zur Eindämmung dieser Emissionen ist entscheidend dafür, ob die Reduktion gelingt. Ökonomen haben einige Optionen aufgezeigt, die über Apelle und Verbote hinausgehen und erfolgversprechend sind.

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