Geld allein reicht nicht: Was uns wirklich glücklich macht

Geld allein reicht nicht: Was uns wirklich glücklich macht

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Glück schlägt Geld, ersetzt es aber nicht.

von Sven Prange und Bert Losse

Industriewachstum? Handelsbilanzen? Lohnentwicklungen? Alles Indikatoren von gestern, sagt eine wachsende Zahl an Ökonomen. In einem Finanzsystem, das an seine Grenzen stößt, und einer Arbeitswelt, die sich rasant wandelt, bemisst sich Wohlstand daran, wie viel Glück eine Gesellschaft produziert. Aber was macht glücklich? Und wie lässt sich eine glückliche Marktwirtschaft überhaupt beziffern?

Auf den Markt unserer Befindlichkeiten schiebt sich eine neue Währung. Nun, da der Euro schwach und der Dollar stark ist, aber instabil; da die Aktienkurse bedenklich steigen und die materielle Verlässlichkeit sinkt; da Stabilität einem Zustand permanenten Wandels weicht, ist es vermutlich nur selbstverständlich, dass sich ein neues Maß in die Bewertung unseres Wohlstands schleicht. Eine Währung, die nicht in Ziffern messbar und dennoch ein ökonomisches Maß ist; die nicht von Zentralbanken herbeigezaubert wird, sondern sich vermehrt, indem wir sie mit anderen teilen; die individuell und doch universell gültig ist: Glück.

Eine Währung also, die wie aus einer esoterischen Parallelwirtschaft wirken würde, wenn sie nicht durch jene aufgewertet würde, die in jüngster Zeit mit ihr handeln.

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Da ist etwa Bundeskanzlerin Angela Merkel, die schon im vergangenen Jahr vor Ökonomie-Nobelpreisträgern sagte: „Wir wollen intensiver als bisher die konkreten Vorstellungen der Bürger von einem guten Leben in Erfahrung bringen.“ Bisher waren Kanzler für Wirtschaftswunder (Adenauer und Erhard), Europas Einigung (Kohl) oder den Umbau des Sozialstaats (Schröder) zuständig. Merkel versucht ihr Glück nun mit dem Glück. Der Regierungschef als Chief Happiness Officer.

Die Deutschen suchen nach dem Glück

Da will auch Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel nicht nachstehen. Der Sozialdemokrat, so hört man von seinen Strategen, bastelt an einer Neu-Interpretation von Ludwig Erhards „Wohlstand für alle“. Statt schnöde auf Bruttoinlandsprodukt, Handelsbilanzen und Arbeitslosenquote zu starren, würden die Deutschen künftig gerne auch über den Wert besserer Arbeit oder besserer Bildung – für den Standort und den Einzelnen – reden.

Und die Deutschen selbst sind eh kaum zu bremsen bei ihrer Suche nach dem Glück im Leben: Man sieht das an Studien wie dieser Woche jener von der FH Köln, die unter 5000 Arbeitnehmern aus dem Mittelstand herausfand, dass ihnen sinnvolle Arbeit wichtiger sei als eine herausragende Bezahlung. An Umfragen wie jener des GfK-Vereins vor wenigen Wochen, bei denen Glücksmerkmale vor einem hohen Einkommen landeten. Beim Blick auf die Neuerscheinungen in diesem Frühjahr, da sich Titel wie „Die Macht des Mitgefühls“, „Ändere die Welt“, „Endlich frei“ oder „Anleitung zum Glücklichsein“ in den Buchläden stapeln. An den Zeitschriftenregalen, in denen die Verlage mit Titeln wie „Flow“ oder „My Harmony“ das Glücksinteresse der Leser bedienen wollen.

Grad der Lebenszufriedenheit in Deutschland

Grad der Lebenszufriedenheit in Deutschland. (Für eine vergrößerte Ansicht bitte klicken)

Das Schöne und Heile, das Harmonische und Übersichtliche reüssiert. Was auch an der Generation Y, der nach 1980 Geborenen, zu sehen ist, denen Soziologen mit Blick auf Berufswahl und Weltsicht eine Abkehr vom Materiellen hin zu einem mitunter diffusen Konzept von „Glück“ unterstellen. Und selbst der Kongress der Familienunternehmer, sonst eher nicht in der Abteilung für Esoterik angeordnet, stand vor wenigen Wochen unter dem Motto „Glück“.

Wirtschaft ist nicht nur eine Abfolge von Zahlen

Was zunächst wie ein Widerspruch zu einer Zeit scheint, in der das Traurige und Verstörende in unseren Alltag dringt wie schmutziges Wasser in ein undichtes Boot, soll harte Wirtschaftspolitik werden. Deswegen wird ab Mitte April die Bundesregierung, zunächst in Gestalt von Meinungsforschern, dann aber auch qua lebendiger Minister und Kanzlerin, zum „Zukunftsdialog“ ausschwärmen, um die deutsche Vorstellung von Lebensqualität zu erkunden.

Es geht dabei weniger um Konzepte wie das des Bruttonationalglücks, mit dem der sonderbare Himalaja-Zwergstaat Bhutan in den vergangenen Jahren auf sich aufmerksam machte. Auch nicht um ein Glücksministerium, wie es Venezuela vorhält. Glück politisch verordnen zu wollen, darauf wird noch zurückzukommen sein, führt eher zu obskuren Ergebnissen.

Weswegen auch viele Ökonomen, die den Zusammenhang von Zufriedenheit und Wirtschaftssystem erforschen, diese Parallelmetriken zum bisherigen System der Wohlstandsmessung skeptisch sehen.

Jene Ökonomen bereiten aber durchaus den Boden dafür, dass Lebensqualität und Zufriedenheit nicht nur über das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts zu messen sind: Indem sie an die gemeinsame Wurzel von Glück und Wohlstand erinnern – Freiheit und Selbstbestimmung. Und indem sie Wirtschaft nicht mehr nur als Abfolge von Zahlen begreifen, sondern begründen: Eine pumperlgesunde Volkswirtschaft reicht nicht, um Zufriedenheit zu schaffen. Monetäres, klassisches Wirtschaftswachstum als Maß des Kapitalismus bekommt Konkurrenz: Glück wird Teil der Wohlstandsindikatoren.

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