ThemaInflation

alles zum Thema
_

Geldentwertung: Warum die Inflation erst später kommt

von Anne Kunz

Die Inflationsangst ist im kollektiven Bewusstsein der Deutschen fest verankert. Kein Wunder also, dass viele Bürger angesichts der Euro- und Schuldenkrise derzeit Goldmünzen bunkern, Wald kaufen oder sich um überteuerte Immobilien reißen. Sie klammern sich an beständige Werte, weil sie fürchten, dass ihr Geld zukünftig weniger wert ist.

Ein Mann nimmt eingeschweißte 50-Euro-Noten aus einem Karton Quelle: Bundesbank
Noch sind die Geldbündel der Europäischen nicht im Kreislauf der Realwirtschaft angekommen. Wenn es soweit ist, wird die Inflationsrate steigen Quelle: Bundesbank

Anzeige

Angesichts der aktuellen Geldpolitik in Europa ist diese Angst durchaus begründet. Die Notenbanken des Euro-Systems haben im Zuge der Krise für mehr als 280 Milliarden Euro Staatsanleihen und Pfandbriefe gekauft und damit Geld geschöpft. Sie verleihen unbegrenzt Geld an Geschäftsbanken und haben mittlerweile Forderungen von 1,2 Billionen Euro gegenüber Kreditinstituten der Euro-Zone angehäuft. Ihre Bilanzsummen haben sich seit 2007 auf 3,1 Billionen Euro verdreifacht. In der Vergangenheit hat eine so stark anschwellende Zentralbankbilanz mittelfristig stets zu Inflation geführt.

Doch dieser Mechanismus scheint derzeit außer Kraft. Nach ersten Schätzungen des Statistischen Bundesamtes lag die deutsche Teuerungsrate im Juni bei 1,7 Prozent und damit 0,2 Prozentpunkte niedriger als im Vormonat. Der harmonisierte Verbraucherpreisindex, den die Wiesbadener zusätzlich für die EU berechnen und an dem sich die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) orientiert, ist zwar höher, erfüllt aber mit 2,0 Prozent das EZB-Stabilitätsziel. Von Inflation keine Spur. Wie kann das sein?

Bulgarien

Das niedrigste Preisniveau in Europa wurde 2011 in Bulgarien verzeichnet. Es liegt 49 Prozent unter dem Durchschnitt der 27 europäischen Vergleichsländer. Besonders für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke zahlen Verbraucher in dem osteuropäischen Staat vergleichsweise wenig: 67 Prozent des EU27-Durchschnitts. Auch die Preisniveaus für Bekleidung, Privatfahrzeuge sowie Dienstleistungen in Gaststätten und Unterkünften war 2011 nirgendwo so günstig wie in Bulgarien.

Bild: REUTERS

Inflation entsteht, wenn die Geldmenge schneller wächst als die Gütermenge. Der Nachfragesog treibt dann die Preise. Doch damit das passiert, muss das Geld der Zentralbank bei den Unternehmen ankommen. Momentan hängt es jedoch bei den Geschäftsbanken fest. Das Basisgeld – die Summe aus Bargeld und Einlagen der Banken bei der EZB – hat sich seit Januar 2008 auf 1,7 Billionen Euro verdoppelt. Theoretisch könnten die Banken zum derzeitigen Mindestreservesatz von einem Prozent das 100-Fache ihrer Zentralbankguthaben als Kredite vergeben. Doch sie begnügen sich mit dem Sechsfachen. In normalen Zeiten war es immerhin das Zehnfache. Die Geldmenge M3, also die Geldmenge, die sich tatsächlich im Wirtschaftskreislauf befindet, ist nahezu konstant geblieben.

Banken bunkern EZB-Geld

Der Grund: Die Banken geben die hohe Liquidität nicht in Form von Krediten an die Realwirtschaft weiter, weil sie selber unterkapitalisiert sind. Für jeden weiteren Kredit, den sie vergeben, müssen sie zusätzliches Eigenkapital bereithalten. Die neuen Vorschriften (Basel II und III) verlangen zudem, die bereits vergebenen Darlehen mit mehr Eigenkapital zu unterlegen. Die Banken müssten neue Aktien emittieren, doch für die dürfte es schwer sein, Käufer zu finden. Zudem würde die Verwässerung der Eigentümeranteile den Kurs der bereits ausgegebenen Papiere, der ohnehin bei den meisten Geldhäusern extrem niedrig ist, weiter drücken.

Die Euro-Inflation

Chefvolkswirt Die Euro-Inflation

Daher dampfen die Banken ihr Kreditgeschäft lieber ein oder verteuern Darlehen etwa für Gewerbeimmobilien oder zyklische Branchen, anstatt das Angebot auszuweiten. Das gilt nicht nur in Peripheriestaaten, sondern auch in Deutschland.

Hinzu kommt, dass die Unternehmen kaum Kredite nachfragen. Viele deutsche Banken würden gerne mehr Geld mit der Darlehensvergabe an solide mittelständische Unternehmen verdienen. Denn diese Kredite müssten sie mit nur sehr wenig Eigenkapital unterlegen. Doch die Unternehmen haben in den vergangenen Jahren so üppige Gewinne verbucht, dass sie Investitionen locker ohne Fremdkapital bezahlen können. Zudem sind sie immer noch vorsichtig, was Neuanschaffungen betrifft. Die kräftigen Anstiege bei Anlage- und Ausrüstungsinvestitionen in den vergangenen Monaten täuschen darüber hinweg, dass diese immer noch nicht das Vorkrisenniveau von Anfang 2008 erreicht haben.

weitere Links zum Artikel

Doch all dies könnte die Ruhe vor dem Sturm sein, zumal auch die hohen Tarifabschlüsse 2012 den Inflationsdruck erhöhen. Ein weiterer Inflationstreiber, der Ölpreis, ist derzeit zwar im Sinkflug; dies dürfte aber nur vorübergehend sein. Commerzbank-Analyst Ralph Solveen rechnet damit, dass spätestens in zwei Jahren die Inflation anzieht. Auch der ehemalige EZB-Chefvolkswirt, Jürgen Stark, warnt, Liquidität finde immer einen Weg. Wenn nicht die Verbraucherpreise stiegen, dann eben die Vermögenspreise.

Gefährlich wird es, wenn die Konjunktur kräftig anzieht. Dann werden die Banken die Milliarden der EZB nicht mehr horten, sondern großzügig verteilen. Die EZB müsste das Geld „absaugen“ und den Banken einen Zins deutlich über Marktniveau bieten. Dadurch würde sich das Zinsniveau generell erhöhen und wiederum den Aufschwung gefährden. Es ist fraglich, ob die EZB angesichts des massiven politischen Drucks einen restriktiven Kurs, der für die Inflationsbekämpfung nötig wäre, durchhalten würde. In der kommenden Woche könnten die Notenbanker den Leitzins sogar nochmals senken.

4 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 27.07.2012, 01:50 Uhrmeerwind7

    Wenn die EZB später die Zinsen (für Einlagen der Banken) erhöht, gleichzeitig aber niedrig verzinsliche Staatsanleihen im Bestand hat (sofern nicht ganz wertlos), entsteht ein chronisches Defizit...
    Mir stellt sich in der Situation die Frage, wie z.B. das ELA- Bargeld nach Griechenland kommt (gedruckt wird es je wohl woanders) und wer dies bewilligt.
    Mir scheint, die Bundesbank müsste längst die Geldanlage bei det faktisch überschuldeten EZB einstellen, mithin auch keine zusätzlichen Geldanlagen von den (deutschen) Banken mehr annehmen. Mithin würden auch die deutschen Banken einen Bargeldzufluss ablehnen, sofern der überweisende lediglich ein Guthaben bei einer anderen (tendenziell überschuldeten) Euro-Notenbank vorzuweisen hat. Das scheint der einzige Weg zu sein, die TARGET Risiken zu begrenzen. Das physikalische Euro-Bargeld könnte natürlich irgendwo hinterlegt sein und wie ein Bestand in einem Wertpapierdepot oder Goldbestand einem Eigentümer (z.B. einer deutschen Bank) zugeordnet sein.

  • 03.07.2012, 10:34 Uhresboern

    Vieleicht haben die Bürger der Europäischen Pleiteunion sich ein paar Hundert Euro unters Kopfkissen gelegt, weil sie den Pleitebanken nicht mehr vertrauen können, somit wäre auch schon Geld dem Markt entzogen

  • 03.07.2012, 09:33 UhrAlCapone

    Ein Unterschied besteht doch: Japan hat keine Südstatten am Hals, die, ohne dass sie es melden müssen, Geld drucken oder über Target2 etc. Geld ziehen und es in dunklen Kanälen verschwinden lassen.

Alle Kommentare lesen
weitere Fotostrecken

Blogs

Chinesen-Plage in Hongkong
Chinesen-Plage in Hongkong

Quer durch die Kulturen ist der Sonntag ein Tag der Ruhe, des Innenhaltens – im britisch geprägten Hongkong nicht anders...

Das Aktuelle Heft

Wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 21 vom 18.05.2013

iTunes Vorschau - WirtschaftsWoche

    Folgen Sie uns im Social Web

Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.