Globalisierung: Deutschland tickt nicht global genug

13. Juni 2012
Frank Appel, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Post/ DHL, hat längst die Chancen des chinesischen Marktes für deutsche Unternehmen erkannt Quelle: dapdBild vergrößern
Frank Appel, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Post/ DHL, hat längst die Chancen des chinesischen Marktes für deutsche Unternehmen erkannt Quelle: dapd
von Florian Willershausen

Der Euro stürzt ab, der Westen versinkt in Schulden und Asien dominiert mehr und mehr die Weltmärkte. Die Wirtschaft nimmt den Aufsteiger ernst, die Politik nicht. Ein Fehler mit fatalen Folgen.

Frank Appel sollte einen Stapel kurzärmeliger Hemden mitnehmen, wenn er demnächst seinen Koffer für die große China-Reise packt. Just im Juli fühlt sich das Klima in Shanghai an, als verbinde ein unsichtbares Dampfbad die vielen Hundert Wolkenkratzer der Innenstadt. Der schwüle Sommer an Chinas Südküste ist im Freien kaum zu ertragen. Nur in Büros, Hotels oder Limousinen kann der Vorstandschef von Deutscher Post/DHL durchatmen.

Anzeige

Einen kühlen Kopf wird Appel brauchen. Der Chef des größten deutschen Logistikkonzerns will nicht bloß ein, zwei Tage in Chinas Wirtschaftsmetropole weilen, sondern sein Post-Imperium für vier Wochen aus dem Reich der Mitte regieren. Was ungewöhnlich klingt, ist nur konsequent: Die Zukunft des gelben Riesen und vieler anderer deutscher Unternehmen entscheidet sich in Asien, auf den Leitmärkten von morgen. In China setzte die Post voriges Jahr rund vier Milliarden Euro um. Das gesamte Marktvolumen, darunter auch die Transporte im Inland, wird nach Schätzungen der Bonner bis 2015 um zehn Prozent pro Jahr auf 417 Milliarden Euro steigen – insofern sieht Appel noch Luft nach oben.

Starre Politik

Nicht nur die Post sucht ihr Heil in Fernost. Inzwischen haben die meisten Konzerne erkannt, dass Wohl und Wehe der Weltwirtschaft von den sogenannten Schwellenländern abhängen, die es zu verstehen gilt. Daher ist es kein Zufall, dass jeder dritte Top-Manager bei Dax-Konzernen aus dem Ausland stammt. Nur die Politik denkt nicht global: Im Westen hält sie am werteorientierten Wirtschaftssystem als Blaupause für den Rest des Globus fest – und merkt nicht, wie die Welt im globalen Wirrwarr zerfällt. Dabei ist die Wirtschaft in einer Welt, in der die fluiden Regeln des Staatskapitalismus die Ordnung der freien Marktwirtschaft verdrängen, so stark wie nie zuvor auf Flankenschutz der Politik angewiesen.

Wie sich die Welt verändert hat

  • Kanada

    Bruttoinlandsprodukt in Milliarden Dollar:

    2000: 905

    2030: 2282

    Bevölkerung in Millionen:

    2000: 31

    2030: 40

  • USA

    Bruttoinlandsprodukt in Milliarden Dollar:

    2000: 12.423

    2030: 22.288

    Bevölkerung in Millionen:

    2000: 282

    2030: 362

  • Brasilien

    Bruttoinlandsprodukt in Milliarden Dollar:

    2000: 802

    2030: 4.944

    Bevölkerung in Millionen:

    2000: 174

    2030: 220

  • Deutschland

    Bruttoinlandsprodukt in Milliarden Dollar:

    2000: 2.379

    2030: 3.947

    Bevölkerung in Millionen:

    2000: 82

    2030: 79

  • Europäische Union

    Bruttoinlandsprodukt in Milliarden Dollar:

    2000: 10.641

    2030: 21.484

    Bevölkerung in Millionen:

    2000: 466

    2030: 473

  • Afrika

    Bruttoinlandsprodukt in Milliarden Dollar:

    2000: 274

    2030: 2380

    Bevölkerung in Millionen:

    2000: 811

    2030: 1.562

  • Russland

    Bruttoinlandsprodukt in Milliarden Dollar:

    2000: 324

    2030: 4.706

    Bevölkerung in Millionen:

    2000: 147

    2030: 136

  • China

    Bruttoinlandsprodukt in Milliarden Dollar:

    2000: 1.496

    2030: 25.584

    Bevölkerung in Millionen:

    2000: 1.300

    2030: 1.400

  • Indien

    Bruttoinlandsprodukt in Milliarden Dollar:

    2000: 599

    2030: 7.174

    Bevölkerung in Millionen:

    2000: 1.100

    2030: 1.500

Der Aufstieg der anderen ist kein neues Phänomen. Aber seit Japan und die USA in Schulden versinken, Europas Wohlfahrtspolitik nicht mehr finanzierbar ist und der EU die Spaltung durch die eigene Währung droht, steckt der Westen in der Sinnkrise. Derweil blühen im Osten Autokratien, deren Politiker in der Weltpolitik zunehmend selbstbewusst auftreten, freiheitliche Prinzipien aushebeln und ihre Handels-, Investitions- und Standortpolitik nach Gutdünken ändern.

Über den Tellerrand blicken

Wieso sprechen wir noch von Schwellenländern? Auf der Schwelle zu wem oder was? Lebensqualität in Shanghai, Moskau und Rio de Janeiro ist heute für viele höher als in Detroit oder Eisenhüttenstadt. Die Weltbank erwartet, dass China 2025 die USA als größte Ökonomie der Welt überholen wird, bis dahin wird Indien vor China mit mehr als 1,3 Milliarden Einwohnern zum bevölkerungsreichsten Markt werden.

Es ist an der Zeit, die Aufsteiger als das zu betrachten, was sie sind – Motoren des globalen Wachstums. „Wir müssen akzeptieren, dass China und Indien das Gleichgewicht der Welt verändern werden“, sagt Dirk Messner, Chef des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik in Bonn. „Wir sollten sie ernst nehmen und einbinden, da wir ohne sie kaum mehr Politik machen können.“ Für die Bundesregierung bedeutet das: Berlin muss weiter über den Tellerrand der Innenpolitik schauen, Außenpolitik muss zur Wirtschaftspolitik werden – erst recht, seit die EU ein Sanierungsfall ist.

Es ist Zeit für mehr Realismus: Im Verhältnis zu den aufsteigenden Ökonomien verliert der Westen an Bedeutung. Er muss aber nicht in Bedeutungslosigkeit versinken, wenn er die Globalisierung als Chance statt als Bedrohung begreift. Wirtschaftslenker wie Post-Chef Appel haben das verstanden und reagieren – ganz pragmatisch.

Anzeige
Kommentare | 5Alle Kommentare
  • 08.08.2012, 21:03 UhrExil

    Das französische Firmen zwar von der Politik zuweilen mit Aufträgen versorgt werden, aber am Markt nicht führend sind,liegt u.a. daran, dass viel Versprochen wird, aber wenig gehalten. Kein Englisch, kein Respekt vor den Bedürfnissen der Kunden, wenns eng wird, wird man arrogant.

  • 13.06.2012, 15:44 UhrRatlos

    Deutschland muss aus dem Euro, so schnell wie möglich. Wenn Griechenland aus dem Euro aussteigt, hat das auch extreme Auswirkungen auf den Euro in Deutschland. Da stellt sich doch dann die Frage, ob Euro tatsächlich gleich Euro ist, oder ob da Unterschiede bestehen. Was wir aus den griechischen Y-Scheinen? Ein interessanter Artikel dazu unter: http://www.macht-steuert-wissen.de/artikel/139/achtung-euroscheine-y-bald-wertlos.php

  • 13.06.2012, 14:45 UhrHMo

    So ganz kann ich nicht verstehen, warum die französiche, wirtschaftsfördernde Außenpolitik besser sein soll als die deutsche zurückhaltende. Die Franzosen machen dies schon seit langer Zeit und französische Firmen dominieren keineswegs unter de europäischen Firmen sondern die Deutschen! Genauso ist es mit der Abschottung einiger Märkte durch die Schwellenländer, das schwächt doch nach einiger Zeit nur die Kompetenz der beschützten Firmen, die zeigte doch die entwicklung der letzten 50 Jahre.
    Beschützen schwächt immer, da sind Starthilfen für spezielle Sektoren sehr viel besser geeignet um Kompetenzen zu entwickeln und Märkte zu erobern.

Alle Kommentare lesen
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.