Gustav Stolper: Liberaler Kämpfer und brillanter Schreiber

Gustav Stolper: Liberaler Kämpfer und brillanter Schreiber

Bild vergrößern

Gustav Stolper war Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "Der deutsche Volkswirt", dem publizistischen Vorläufer der WirtschaftsWoche. Er schrieb gege die große Depression, kurzsichtige Wirtschaftspolitik, den Versailler Vertrag, gegen die Unheil bringende Sparpolitik des Reichskanzlers Brüning und die Inflationspolitik des John Maynard Keynes, vor allem aber gegen die Nationalsozialisten.

von Konrad Handschuch

Gustav Stolper brachte die Ökonomie zur praktischen Anwendung – als scharfsinniger Analytiker, brillanter Schreiber, begnadeter Redner, gefürchteter Kritiker und gescheiterter Politiker. Mit der Gründung des „Deutschen Volkswirts“, dem Vorläufer der WirtschaftsWoche, erfand er den Wirtschaftsjournalismus neu.

War er ein großer Ökonom? Hat er einen Platz in dieser Serie verdient? Gustav Stolper erdachte keine ökonomische Theorie. Die Wissenschaft verdankt ihm keine bahnbrechende Erkenntnis. Er löste keine knifflige Gleichung, das Stolper-Samuelson-Theorem, das bestimmte Preisentwicklungen in Außenhandel erklärt, geht auf seinen Sohn Wolfgang zurück. Vater Gustav hat es nicht einmal zum ordentlichen Professor an einer Universität gebracht. Stattdessen hatte er einen ausgeprägten Hang zur Politik. Zweimal wäre er in Österreich beinahe in die Regierung eingetreten, in Deutschland schaffte er es 1932 immerhin als Abgeordneter in den Reichstag. Alles in allem aber ist die Geschichte seines Wirkens in Österreich und in Deutschland die Geschichte eines doppelten Scheiterns. So gesehen lautet die Antwort: nein.

Aber andererseits? Sein ganzes Leben hat Gustav Stolper mit großer Leidenschaft der Ökonomie gewidmet. Der Verein für Socialpolitik, der traditionsreichste und renommierteste Zusammenschluss deutscher Volkswirtschaftler, hält die Erinnerung an Stolper jedes Jahr durch die Vergabe eines nach ihm benannten Preises wach, unter anderem an Hans-Werner Sinn (2008), Martin Hellwig (2009) Ernst Fehr (2010) und Otmar Issing (2011).

Anzeige

Gustav Stolper über...

  • den "Deutschen Volkswirt"

    „Das Weekly... wendet sich an Leute, die keine Zeit haben, eine große Tageszeitung regelmäßig und ausführlich zu verfolgen und denen man einmal in der Woche Gelegenheit gibt, in gut pointierter, sachlich hiebfester Form einen Über- blick über die wichtigen Zeitereignisse zu gewinnen“

  • die liberale Wirtschaftspolitik

    „Wir stehen vor der Entscheidung, ob und wo wir im Frieden diktieren wollen und können. In der kapitalistischen Wirtschaft ist der Konsument Diktator, ihm hat die Produktion zu gehorchen. Entscheiden wir uns für Planwirtschaft, dann diktiert die Produktion dem Konsumenten. Es wäre das Ende der persönlichen Freiheit“

  • das Proletariat

    „Die Sozialdemokraten wollen die Besitzenden proletarisieren, wir wollen die Proletarier zu Besitzenden machen“

Erinnert wird damit an einen brillanten Wirtschaftsjournalisten, Verleger und Politiker. Ab 1911 schreibt Stolper für den „Österreichischen Volkswirt“, übernimmt das Blatt später. 1926 hebt er in Berlin die Zeitschrift „Deutscher Volkswirt“ aus der Taufe – ein neuartiges und ungewöhnliches Magazin mit einer Mischung aus akademischen, außen- und wirtschaftspolitischen Themen und Unternehmensanalysen.

Daneben reist Stolper als erfolgreicher Redner durch das Land, ist wie kein Zweiter seiner Zeit vernetzt mit den Spitzen von Regierung und Unternehmen. Er und sein Blatt haben Erfolg – bis 1933. Mehr oder weniger gleichgeschaltet, erscheint das Blatt noch bis 1943 und lebt dann ab 1949 in seiner ursprünglichen Tradition wieder auf. 1970 wird aus dem „Deutschen Volkswirt“ die WirtschaftsWoche.

Vermögen verloren

Geboren 1888 in Wien als Kind jüdischer Einwanderer aus Polen, war ihm eine Karriere als Wirtschaftsexperte, Publizist und Politiker nicht in die Wiege gelegt. Schon früh musste er in der Familie Verantwortung übernehmen. Sein Vater, von falschen Ratgebern zur Börsenspekulation verleitet, hatte sein Vermögen im Börsencrash 1895/96 verloren und fand danach nicht mehr ins geregelte Leben zurück. Gustav war damals gerade acht Jahre alt.

Schon mit 13 muss er dazuverdienen, damit es für ihn, die Eltern und seine zwei Schwestern reicht. Weil er in der Volksschule reichlich Einser schreibt, darf er aufs Gymnasium. Im Sommer 1906 belohnt er sich für die Matura mit einer Reise – zu Fuß geht es über die österreichischen Alpen und hinunter bis zum Adriatischen Meer. Finanziert wird das Abenteuer, indem Stolper zwei junge Schüler mit auf den wochenlangen Marsch nimmt und sie auf den Rückweg in Bad Ischl wohlbehütet den Eltern übergibt.

Zurück in Wien, steht für den 18-Jährigen der Berufswunsch fest: „am liebsten Journalist“. Er studiert Jura; doch nicht weil ihm das Rechtswesen am Herzen liegt, ihn reizt das Nebenfach Nationalökonomie, das es damals als eigenständige Studienrichtung nicht gab. Nebenher arbeitet er sich in sein Metier ein, verfasst Wirtschafts- und Bilanzanalysen für den „Hamburgischen Correspondenten“ und den Wiener „Kompaß“. Doch „seine Persönlichkeit scheint ihm eines zu verwehren, die Arbeit unter einem oder mehreren Vorgesetzten“, wird Jahrzehnte später seine zweite Frau Toni über ihren Mann schreiben und so dauert es auch nicht lange, bis Stolper sein Ziel erreicht. Er übernimmt den „Österreichischen Volkswirt“ als Chefredakteur und Verleger in Personalunion.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%