Hans-Werner Sinn: "Die Konjunktur brummt wegen der Krise"

InterviewHans-Werner Sinn: "Die Konjunktur brummt wegen der Krise"

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Hans-Werner Sinn

von Konrad Handschuch und Malte Fischer

Warum Deutschland boomt – und der Euro am meisten unter dem Versuch seiner Rettung leidet.

WirtschaftsWoche: Herr Professor Sinn, die Euro-Krise spitzt sich zu, die Angst vor Staatspleiten wächst – gleichzeitig brummt die Konjunktur. Wie passt das zusammen?

Sinn: Die Konjunktur brummt wegen der Krise.

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Das müssen Sie uns erklären.

Nach Einführung des Euro haben Banken und Versicherungen die Ersparnis der Deutschen der inländischen Verwendung entzogen und ins Ausland getragen. Dort hofften sie, höhere Renditen erzielen zu können. Diese Phase ist vorbei. Wer jetzt Geld im Ausland anlegt, muss Angst haben, es nicht wiederzubekommen. Der Markt für griechische Staatsanleihen ist genauso pulverisiert wie der für strukturierte amerikanische Immobilienpapiere. Da die Kapitalanleger wieder deutsche Anlagen suchen, geht bei uns jetzt die Post ab.

Waren die Klagen der vergangenen Jahre über die Standortnachteile Deutschlands übertrieben?

Nein, weiß Gott nicht. Von 2002 bis 2010 exportierte Deutschland insgesamt 1050 Milliarden Euro Kapital ins Ausland, das waren ziemlich genau zwei Drittel der gesamtwirtschaftlichen Ersparnis. Dieser Kapitalabfluss hat Deutschland in die Flaute getrieben, die Löhne gedrückt und das Land einer Zerreißprobe ausgesetzt. Hätten wir dieses Geld in dieser Zeit in Deutschland investiert, wäre ein proper Land entstanden.

Aber haben wir nicht wegen unserer Exportüberschüsse am meisten vom Euro profitiert? Das sagen die französische Finanzministerin Christine Lagarde und auch Finanzminister Wolfgang Schäuble.

Beide verkennen, dass der Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands nicht nur definitorisch dem Kapitalexport gleich ist, sondern in den letzten Jahren tatsächlich durch den Kapitalexport bewirkt wurde. Der Kapitalabfluss brachte die Flaute. Er drückte die Nettoinvestitionen auf das niedrigste Niveau aller OECD-Staaten und machte uns neben Italien zum Schlusslicht beim Wachstum. Die Flaute hielt die Importe zurück. Außerdem reduzierte sie die Lohn- und Preissteigerungsraten, was uns im Verhältnis zum Ausland immer billiger machte und die Exporte beflügelte. Der Exportüberschuss folgte aus der Standortschwäche.

Hat nicht die Stärke unserer Exportwirtschaft der Flaute ein Ende gemacht?

Der Güterexport hat geholfen, die für die Kapitalexporte nötigen Überschüsse in der Leistungsbilanz zu erzeugen. Hätte die ganze Anpassung über die Importe laufen müssen, wäre die Flaute noch viel stärker ausgefallen. Auch im jetzigen Boom hilft uns der Güterexport. Der Außenhandel ist aber weniger wichtig, als viele denken. Die deutsche Wirtschaft wächst dieses Jahr um etwa 3,7 Prozent. Diese Zahl wird nur zu einem Viertel vom Außenhandel erklärt, der ganze Rest ist Binnennachfrage, vor allem nach Investitionsgütern. Die Banken sind heute wieder bereit, mehr Kredite im Inland zu vergeben, weil sie die Risiken im Ausland höher einschätzen.

Die Unternehmen investieren doch nicht, weil sie Kredite bekommen, sondern weil sie künftige Absatzchancen sehen.

Klar. Aber wo sie investieren, hängt von der Standortqualität ab. Heute profitiert Deutschland von den im Vergleich zu anderen Ländern gesunkenen Löhnen und den Zinsunterschieden zum Ausland.

Statt sich darüber zu freuen, haben die Deutschen Angst, im Zuge der Schuldenkrise könne es zu einem Schock wie nach der Lehman-Pleite kommen.

Wegen Lehman kann sich der Lehman-Gau nicht wiederholen. Nachdem im Herbst 2008 der Interbankenmarkt zusammengebrochen war, haben die Staaten Rettungspakete im Umfang von 4900 Milliarden Euro geschnürt und versprochen, keine systemrelevante Bank mehr pleitegehen zu lassen. In Deutschland hält der Soffin noch 50 Milliarden Euro als Eigenkapitalhilfen bereit. Die Befürchtung, es könne eine neue Welle von Bankpleiten geben, ist also nicht begründet.

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