Harvard-Ökonom Robert Barro: "Konjunkturprogramme sind politisch verantwortungslos"

InterviewHarvard-Ökonom Robert Barro: "Konjunkturprogramme sind politisch verantwortungslos"

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Harvard-Ökonom Robert Barro

von Malte Fischer

Harvard-Ökonom Robert Barro lehnt sich gegen den Zeitgeist auf: Er hält staatliche Konjunkturprogramme für schädlich, fordert niedrigere Steuern – und verteidigt die Ökonomenzunft.

Professor Barro, die Weltwirtschaft hat die tiefe Rezession schneller überwunden, als viele Skeptiker erwartet haben. Wundert Sie das?

Nein. Die Wirtschaft tendiert nach einer Rezession immer dazu, sich aus eigener Kraft zu erholen. Diese immanenten Auftriebskräfte konnten sich in den vergangenen Monaten durchsetzen, weil dem Finanzsektor weitere negative Schocks vom Kaliber der Lehman-Pleite erspart geblieben sind.

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Moment. Waren es nicht vor allem staatliche Konjunkturprogramme und milliardenschwere Liquiditätsspritzen der Notenbanken, die der Konjunktur wieder auf die Beine geholfen haben?

Die Maßnahmen der Regierungen und Notenbanken zur Stabilisierung des Bankensystems haben geholfen, neue Schocks zu verhindern. Sie waren daher im Großen und Ganzen sinnvoll. Für die Konjunkturprogramme, die vor allem auf zusätzliche Staatsausgaben setzen, gilt das hingegen nicht. Es gibt keinen empirischen Beleg dafür, dass sie der Wirtschaft helfen. Manche Rettungsaktionen, etwa die für General Motors, sind sogar schädlich.

Das sehen die Wirtschaftsberater von US-Präsident Barack Obama aber anders. Jeder Dollar, den der Staat zusätzlich ausgibt, lasse die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung um 1,5 Dollar steigen – sagt das Weiße Haus.

Ich halte das für einen Witz! Die Zahl von 1,5 für den Staatsausgabenmultiplikator ist völlig aus der Luft gegriffen. Christina Romer, die wirtschaftspolitische Chefberaterin von Obama, hat herausgefunden, dass sinkende Steuern das Wachstum mit einem Faktor von 1,2 bis 1,5 anregen. Sie ist dann davon ausgegangen, dass Ausgabenprogramme noch größere Wirkungen haben, ohne das empirisch zu belegen. Das ist unwissenschaftlich und trägt nicht dazu bei, den akademischen Ruhm von Frau Romer zu mehren. Da hat die Politik wohl über die Wissenschaft gesiegt.

Konkret: Wie wirken staatliche Ausgaben auf die Konjunktur?

Das ist empirisch schwer zu quantifizieren. Am ehesten geht das für die Verteidigungsausgaben, da diese in Kriegszeiten kräftig ausgeweitet werden. Für die USA lässt sich für die Zeit ab 1939 feststellen, dass der Multiplikator, mit dem Staatsausgaben auf das Bruttoinlandsprodukt wirken, bei etwa 0,6 liegt.

Das heißt: Ein Dollar mehr an Staatsausgaben erhöht das BIP nur um 60 Cent. Für die zivilen Ausgaben des Staates dürfte der Multiplikator noch kleiner sein. Wenn der Staat seine Ausgaben erhöht, beansprucht er Ressourcen, die für private Aktivitäten nicht mehr zur Verfügung stehen. Das schlägt sich in niedrigeren Investitionen und Nettoexporten nieder.

Wären Steuersenkungen besser geeignet, das Wachstum anzukurbeln?

Ja. In meinen Studien habe ich herausgefunden, dass Steuersenkungen das Wachstum positiv beeinflussen, während höhere Steuern die Wirtschaft bremsen.

Der Steuermultiplikator ist größer als der Ausgabenmultiplikator. Es ist daher kontraproduktiv, wenn der Staat versucht, die Wirtschaft durch Ausgabenprogramme anzukurbeln, die er mit höheren Steuern finanziert. Die dämpfenden Effekte der Steuererhöhungen überkompensieren die positiven Impulse der Staatsausgaben, die Wirtschaft wird insgesamt negativ beeinflusst.

Sollten die Regierungen denn die Steuern auch senken, wenn dadurch die Defizite weiter steigen?

Während einer Rezession können kreditfinanzierte Steuersenkungen sinnvoll sein. Wenn die Wirtschaft aber wieder wächst, sollten Steuersenkungen durch Ausgabenkürzungen gegenfinanziert werden, um die Schulden und die künftige Belastung der Bürger nicht in die Höhe zu treiben. Je geringer das Defizit, desto größer ist der Spielraum, zur Abwehr von künftigen Rezessionen die Steuern senken zu können.

"Die Regierung will den Staatseinfluss ausweiten"

Trotz explodierender Staatsschulden machen die Regierungen derzeit keine besonderen Anstalten, die Haushalte zu konsolidieren. Sie begründen das mit der noch schwachen Konjunktur. Zu Recht?

Das ist eine Ausrede! Nehmen sie die USA. Es ist verrückt, dass die Regierung die angestrebten Mehrausgaben im Gesundheitssystem, in der Energiepolitik und beim Umweltschutz mit der Stabilisierung der Konjunktur begründet. Die Wahrheit ist: Die Regierung will den Staatseinfluss ausweiten. Die Finanzkrise kommt ihr da als Vorwand sehr gelegen. Wer sich so verhält, handelt politisch verantwortungslos.

Es gibt auch eine andere Sichtweise: Danach ist es verantwortungslos, wenn Politiker durch allzu rigoroses Sparen den Aufschwung aufs Spiel setzen.

Die Konjunkturprogramme sind ein großer Fehler, sie helfen der Wirtschaft nicht wirklich. Es wäre gut, wenn die Regierungen so schnell wie möglich ihre Haushalte in Ordnung brächten. Dazu sollten sie Ausgaben senken und nicht Steuern erhöhen.

Das ist doch reines Wunschdenken.

Das Risiko, dass sich die Regierungen für Steuererhöhungen entscheiden und dadurch den langfristigen Wachstumstrend der Wirtschaft senken, ist in der Tat groß. So könnte etwa die US-Regierung versuchen, eine bundesweite Mehrwertsteuer einzuführen, wie sie in Europa existiert. Die Mehrwertsteuer ist attraktiv, weil sie einfach zu erheben ist und ihr kaum jemand entgehen kann. Das macht sie aber auch so gefährlich.

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