IfW-Präsident: Ölpreistief hat keine Auswirkung auf die Weltwirtschaft

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IfW-Präsident: Ölpreistief hat keine Auswirkung auf die Weltwirtschaft

Der Ölpreissturz lässt Russland leiden, aber die Weltwirtschaft kaum - sagt der Ökonom Snower. Natürlich gebe es Verlierer, Deutschland gehört jedoch nicht dazu.

Der Preisverfall beim Öl hat aus Sicht des Ökonomen Dennis Snower für die Weltwirtschaft kaum negative Folgen. „Aber es gibt natürlich Verlierer, und der größte Verlierer unter den Öl exportierenden Ländern ist Russland“, sagte der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) der Deutschen Presse-Agentur. In Deutschland trage der niedrige Preis wesentlich dazu bei, dass 2015 das Wirtschaftswachstum um 0,2 Prozentpunkte höher als im Vorjahr erwartet wird. Insgesamt aber seien die direkten Effekte für Deutschland nicht so groß, weil es nicht sehr ölintensiv wirtschafte. Längerfristig erwartet Snower einen höheren Ölpreis, weil die Umstellung auf erneuerbare Energien lange dauern werde.

Wie dramatisch die Folgen für Russland sein werden, hängt aus Sicht Snowers wesentlich davon ab, wie die Finanzmärkte reagieren und wie viel Kapital aus dem Land abfließt. Bei einem entsprechenden Ausmaß der Krise könnte es dazu kommen, dass Russland seine Schulden nicht mehr bedienen kann. „Die Frage wird dann sein, wie es damit politisch umgeht“, sagte Snower. Heftige Reaktionen könnten große ökonomische Auswirkungen haben. Dieselbe Überlegung gelte für den Iran.

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Meilensteine der Ölpreisentwicklung

  • Beginne der Ölförderung

    Die ersten gewinnbringenden Erdölbohrungen finden Mitte des 19. Jahrhunderts statt. In dieser Zeit entstehen auch die ersten Raffinerien. Bis 1864 steigt der Ölpreis auf den Höchststand von 8,06 Dollar pro Barrel (159 Liter); inflationsbereinigt müssen damals im Jahresdurchschnitt 128,17 US-Dollar gezahlt werden. In den folgenden Jahrzehnten bleibt der Preis auf einem vergleichsweise niedrigen Level, fällt mitunter sogar, bedingt etwa durch den Erfolg der elektrischen Glühlampe, durch die Öl im privaten Haushalt nicht mehr zur Beleuchtung nötig ist.

  • Vollgas mit Benzin

    Mit dem Erfolg des Automobils zu Beginn des 20. Jahrhunderts steigt die Öl-Nachfrage rasant; speziell in den USA, wo der Ford Modell T zum Massenprodukt wird. 1929 fahren insgesamt 23 Millionen Kraftfahrzeuge auf den Straßen. Der Verbrauch liegt 1929 in den Staaten bei 2,58 Millionen Fass pro Tag, 85 Prozent davon für Benzin und Heizöl. Die Preise bleiben allerdings weiter unter fünf Dollar pro Fass (nicht inflationsbereinigt), da auch mehr gefördert wird.

  • Negative Folgen der Weltwirtschaftskrise

    In den 30er Jahren kommt die Große Depression, die Unternehmenszusammenbrüche, Massenarbeitslosigkeit, Deflation und einen massiven Rückgang des Handels durch protektionistische Maßnahmen zur Folge hat. Während der Weltwirtschaftskrise verringert sich die Nachfrage nach Erdöl und der Preis sinkt auf ein historisches Tief. 1931 müssen bloß noch 0,65 Dollar pro Barrel gezahlt werden (inflationsbereinigt etwa zehn US-Dollar). So billig sollte das schwarze Gold nie wieder sei.

  • Goldene Zeitalter des billigen Öls

    Nachdem sich die Weltkonjunktur erholt hat, steigt der Preise für Öl wieder, bleibt aber konstant unter fünf Dollar pro Barrel. Für die Jahre zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Ölkrise im Herbst 1973 spricht man deshalb vom „goldenen Zeitalter“ des billigen Öls.

  • Erste Ölkrise

    In den 70er und 80er Jahren kommt der Ölpreis in Bewegung. Als die Organisation der erdölexportierenden Länder (Opec) nach dem Krieg zwischen Israel und den arabischen Nachbarn im Herbst 1973 die Fördermengen drosselt, um politischen Druck auszuüben, vervierfacht sich der Weltölpreis binnen kürzester Zeit. Zum Ende des Jahres 1974 kostet ein Barrel über elf Dollar (inflationsbereinigt fast 55 US-Dollar). Dies bekommen auch Otto-Normal-Bürger zu spüren: In Deutschland bleiben sonntags die Autobahnen leer, in den USA bilden sich Schlangen vor den Tankstellen.

  • Preisexplosion während des Golfkriegs

    Während der zweiten Ölkrise in den Jahren 1979/1980 zieht der Ölpreis nach einem kurzfristigen Rückgang weiter an. Ausgelöst wird dies im Wesentlichen durch Förderungsausfälle und Verunsicherung nach der Islamischen Revolution. Nach dem Angriff Iraks auf Iran und dem Beginn des Ersten Golfkrieg explodieren die Preise regelrecht. Auf dem Höhepunkt im April 1980 kostet ein Barrel 39,50 Dollar (inflationsbereinigt 116 Dollar).

  • Niedrigpreise in den 80er und 90er Jahren

    Die 80er und 90er Jahre sind – abgesehen von dem kurzzeitigen Anstieg verursacht durch den Zweiten Golfkrieg – eine Phase niedriger Ölpreise. Die Industriestaaten befinden sich in einer Rezession und suchten aufgrund vorhergehenden Ölkrisen mit besonders hohen Preisen nach alternativen Energiequellen. Weltweit gibt es Überkapazitäten. Während der Asienkrise 1997/1998 sinkt die Nachfrage weiter. Ende des Jahres 1998 werden 10,65 Dollar pro Barrel verlangt.

  • Ein rasanter Anstieg

    Nach Überwindung der Krise wachsen die Weltwirtschaft und damit auch der Ölbedarf schnell. Selbst die Anschläge auf das World Trade Center 2001 sorgen nur für einen kurzen Rücksetzer. Anfang 2008 steigt der Ölpreis erstmals über 100 US-Dollar je Barrel, Mitte des Jahres sogar fast auf 150 Dollar. Ein Grund für den Preisanstieg wist der Boom des rohstoffhungrigen China, mittlerweile zweitgrößter Verbraucher der Welt.

  • Ölpreis 2015

    Die globale Finanzkrise und eine schwächelnde Konjunktur sorgen für einen Rückgang der Nachfrage. Gleichzeitig bleibt das Angebot durch die massive Förderung in den USA (Fracking) hoch. Die Folge: Der Ölpreis bricht ein. Ab Sommer 2014 rutscht der Preis für Brentöl innerhalb weniger Monate um rund 50 Prozent auf 50 Dollar. Erst im Februar 2015 erholte sich der Ölpreis leicht und schwankt um die 60 Dollar je Barrel.

  • Ölpreis heute

    Im Mai 2015 hatten sich die Ölpreise zwischenzeitlich erholt. Die Sorte Brent erreichte mit einem Preis von 68 US-Dollar je Barrel ein Jahreshoch. Von da aus ging es bis September des Jahres wieder steil bergab auf 43 Dollar. Nach einer Stabilisierung zwischen September und November nahm der Ölpreis seine wieder Talfahrt auf. Am 15. Januar hat der Ölpreis die 30-Dollar-Marke unterschritten.

Die Sanktionen des Westens gegen Russland sind nach Einschätzung Snowers nicht primär aus wirtschaftlicher Sicht zu beurteilen, sondern haben eher eine politische Dimension. „Wenn ein Land sich nicht an abgeschlossene Abkommen hält oder Sachverhalte nicht korrekt darstellt, wie von Russland oft behauptet wird, dann muss es Konsequenzen geben, denn sonst wird es ein Präzedenzfall, der dann künftig große Konsequenzen haben kann.“

Russland sei nicht in der Lage, wichtige Produkte zu erzeugen, die es infolge der Sanktionen nicht mehr aus dem Ausland bekommt. „Das Land hat sich in der Zeit unter Putin nicht erfolgreich umgestellt, weg von der Rohstoffabhängigkeit.“ Dem Westen schadeten die Sanktionen hauptsächlich wegen der damit verbundenen Unsicherheiten. „Man kennt ja nicht die politischen Konsequenzen und weiß damit auch nicht, welche ökonomischen Folgen eine Überschuldung Russlands hätte.“ Die Situation sei brenzlig, weil die Finanzmärkte nicht nachhaltig aufgestellt sind. „Wir haben weiterhin die Möglichkeit systemischer Krisen und da könnten relativ kleine Schocks große Wirkungen haben.“

Europa braucht eine nachhaltige Fiskalpolitik

Um den Euro dauerhaft stabil zu halten, müssten die Euro-Länder aus Sicht Snowers noch wichtige Voraussetzungen schaffen. So müsse mit einer nachhaltigen Fiskalpolitik gesichert werden, dass sich kein Euro-Land unendlich überschulden kann. Zudem würden noch zahlreiche Regulierungsinstrumente gebraucht, um Ansteckungsgefahren in der Eurozone zu verhindern. Ländern wie Griechenland sollte mit Mitteln der Europäischen Investitionsbank geholfen werden, das Wachstum anzukurbeln und das Ausbildungsniveau der Menschen zu erhöhen. Dies könne dazu beitragen, dass innerhalb Europas die Wettbewerbsfähigkeit der Länder nicht zu sehr auseinanderklafft.

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„Man muss an mehreren Schrauben zugleich drehen“, sagte Snower. Würden die vorgeschlagenen Maßnahmen umgesetzt, könnte sich auch die Geldpolitik darauf konzentrieren, die Inflation im Griff zu behalten, und müsste sich nicht auch um die Stabilisierung der Finanzmärkte kümmern.

Beim Bankensektor sei das größte Problem das Fortbestehen systemrelevanter Institute, die zwangsläufig unterstützt werden müssen, wenn sie ins Wanken kommen. „Sie können in guten Zeiten die Gewinne behalten, während in schlechten Zeiten der Steuerzahler geradesteht.“ Dies sei nicht der richtige Anreiz, die Risiken zu begrenzen. „Dem Problem können wir aus dem Weg gehen, indem sich die Institute zunehmend mit Zwangswandelanleihen finanzieren müssen.“

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