Interessengruppen: Warum Lobbyisten erfolgreich sind

Interessengruppen: Warum Lobbyisten erfolgreich sind

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Mancur Olson (1932-1998) warnte vor "institutioneller Sklerose" moderner Staaten

Weltweit nimmt der Einfluss von Interessengruppen zu. Mancur Olson hat untersucht, was das für moderne Gesellschaften bedeutet und warum kleine Gruppen oft die stärkeren sind.

Für nicht wenige Menschen klingt das Wort "Lobbyist" eher hässlich; so wie "Funktionär" oder "Nieselregen". Dabei geht es um einen zahlenmäßig wachsenden Berufsstand: Schätzungen zufolge tummeln sich allein in Brüssel, wo mittlerweile etwa 80 Prozent unserer Wirtschaftsgesetze beschlossen werden, über 25.000 Lobbyisten. Dass sich in pluralistischen Gesellschaften Gruppen bilden und ihre Interessen artikulieren, ist gut und richtig. Doch wo ist die Grenze? Wann hemmen Rentseeking und Lobbyismus die Produktivität und Flexibilität von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft? Und was genau macht Interessengruppen stark oder schwach?

Kein anderer Ökonom hat sich darüber so viele Gedanken gemacht wie Mancur Olson, der Nestor der Institutionenökonomik. In seinem 1965 erschienenen Buch "Die Logik des kollektiven Handelns" beschäftigte sich der US-Ökonom mit der Frage, warum sich in modernen Gemeinschaften oft kleine und vermeintlich schwache Gruppen durchsetzen und welche Effekte dies hat. Olson kam zu dem Schluss, dass die Agilität der Kleinen der entscheidende Vorteil gegenüber der großen, aber behäbigeren Überzahl ist. Für kleine Gruppen, die Sonderinteressen vertreten, ist es einfacher, eine gemeinsame Meinung zu entwickeln und sich straff zu organisieren, es herrscht ein hoher Interaktionsgrad. Bestes Beispiel dafür ist der Vormarsch kleiner Berufsgewerkschaften in Deutschland (Lokführer, Ärzte, Piloten), die mit ihrer Klientelpolitik den Platzhirsch DGB vor große Probleme stellen.

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Große Gruppen, höhere Kosten

Große Gruppen sind laut Olson inhomogen, blockieren sich oft in internen Diskussionen und Machtkämpfen – oder schaffen es erst gar nicht, sich zu organisieren. Dabei besteht die Gefahr, dass Partikularinteressen das Gemeinwohl verdrängen. Das Dilemma der großen Gruppen zeigte Olson am Beispiel der US-Gewerkschaften auf. Ende des 19. Jahrhunderts waren sie lokal organisiert, schlossen sich aber mit der Zeit zusammen, bis irgendwann eine national operierende Gewerkschaft entstand.

Auf den ersten Blick gewann sie an Einfluss, doch die Kosten stiegen, und die Programmatik musste einen größeren Personenkreis zufriedenstellen. Die Arbeitnehmer standen vor der Entscheidung, ob sich der Mitgliedsbeitrag im Vergleich zum Nutzen noch rechnet – oder ob es nicht sinnvoller sein könnte, sich als Trittbrettfahrer zu verhalten.

Große Anerkennung nicht nur unter Wirtschaftswissenschaftlern

Mancur Olson wurde 1932 in North Dakota geboren. Er studierte Volkswirtschaftslehre in Oxford, danach zog es ihn zur Promotion nach Harvard und von dort aus an die Princeton- Universität, wo er als Assistenzprofessor arbeitete. Es folgte ein Engagement beim US-Ministerium für Gesundheit, Erziehung und Wohlfahrt. 1969 übernahm Olson einen Lehrstuhl für Ökonomie an der Universität von Maryland. 1982 veröffentlichte er sein zweites bedeutendes Werk.

"The Rise and Decline of Nations" fand breite Anerkennung nicht nur unter Wirtschaftswissenschaftlern. Es erweiterte seine Theorie der Interessengruppen und kam zu dem Schluss, dass der Aufstieg oder Niedergang einer Nation davon abhängt, inwieweit die Gesellschaft zu institutionellem Wandel fähig ist. Dieser Wandel wird von Interessengruppen stark beeinflusst. Setzt sich eine Gruppe dauerhaft durch, droht eine "institutionelle Sklerose", die langfristig zum wirtschaftlichen Niedergang führt.

Um dies zu verhindern, muss die Gesellschaft dafür sorgen, dass sich jederzeit neue Gruppen bilden und ihre Interessen aktiv vertreten können. Politisch funktioniert dies nur mit einem Mehrparteiensystem – und ökonomisch sind für Olson offene Märkte mit freiem Marktzugang die einzig logische Konsequenz.

Hartnäckiger Wissenschaftler

Olson war unter seinen Kollegen als hartnäckiger Wissenschaftler geschätzt, der erst aufhörte zu forschen, wenn er ein Thema völlig erfasst hatte. Peter Murrell, ein Kollege an der Universität Maryland, beschrieb ihn als "Michael Jordan des Geistes, der die Kraft seiner Ideen mit starker Logik demonstrierte, während er mit Witz und netten Worten seine Menschlichkeit offenbarte". 1991 gründete Olson das Center on Institutional Reform and the Informal Sector (IRIS), ein Forschungszentrum für Entwicklungspolitik, das Regierungen in der Dritten Welt bei Reformen unterstützte. Olson war einer der ersten Wissenschaftler, die die traditionelle Entwicklungshilfe infrage stellten.

Sein Credo: Armut und Unterentwicklung sind zum Teil hausgemacht und lassen sich durch Transfers reicher Industriestaaten nicht nachhaltig lindern, solange korrupte Eliten und ihr Gefolge (kleine Gruppen!) ihre Länder ausplündern und institutionelle Reformen verhindern. Olson, der 1998 an einem Herzinfarkt starb, zählt damit zu einem Wegbereiter der Good-Governance-Theorie – und galt seit den Achtzigerjahren als Anwärter auf den Ökonomie-Nobelpreis.

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