Jens Weidmann: "Der Geldwert ist stabil"

ThemaKonjunktur

InterviewJens Weidmann: "Der Geldwert ist stabil"

von Malte Fischer

Der Präsident der Deutschen Bundesbank verteidigt die Niedrigzinsen der EZB – warnt aber vor Gewöhnungseffekten und Reformstillstand.

Herr Weidmann, die deutschen Sparer zahlen durch niedrige Zinsen die Zeche für die Euro-Rettungspolitik der EZB. Haben Sie als Währungshüter noch Vertrauen in unser Papiergeld, oder legen Sie Ihre Ersparnisse schon in Bitcoin an?

Über die einzelnen Krisenmaßnahmen kann man zweifellos kontrovers diskutieren, und Sie wissen, dass ich mich nicht scheue, dies zu tun. Aber Ihre Behauptung kann ich so nicht stehen lassen. Der Euro-Raum erholt sich gerade vom schwersten Wirtschaftseinbruch der Nachkriegsgeschichte, entsprechend niedrig ist der Preisdruck. Die Geldpolitik hat auf diese außergewöhnliche Situation reagiert. Die niedrigen Zinsen treffen nicht nur die Sparer in Deutschland, sondern alle, die derzeit im Euro-Raum ihr Geld risikoarm anlegen möchten. Was Anlagen in das Internet-Geld Bitcoin angeht, wäre ich vorsichtig: Wegen der starken Kursschwankungen und der geringen Tiefe und Intransparenz des Marktes sind diese sicherlich nicht risikoarm. Genau daran hat die Europäische Bankenaufsicht EBA jüngst erinnert. Nach meiner Überzeugung ist das Vertrauen in das auf unabhängigen Notenbanken basierende Geldwesen ungebrochen.

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Der Erfolg von Bitcoin spricht aber dafür, dass die Anleger dem staatlichen Papiergeld zunehmend misstrauen...

...Bitcoins sind doch überhaupt keine Alternative zu unserem Geld. Sie sind als Zahlungsmittel ein absolutes Nischenprodukt. Versuchen Sie einmal, Ihren Samstagseinkauf mit Bitcoins zu bezahlen. Das treibende Motiv hinter der derzeitigen Nachfrage nach Bitcoins scheint mir eher die Hoffnung auf eine hohe Rendite als das von Ihnen behauptete Misstrauen gegenüber den bestehenden Währungen dieser Welt zu sein. Diese Hoffnung kann aber eben auch enttäuscht werden.

Euro-Krise Schlechte Noten für Europas Krisenländer

Marode Banken und wackelige Regierungen: Die Euro-Krise hat auch 2013 den Kontinent in Atem gehalten. Drei der acht Krisenländer fielen positiv auf – für die anderen hagelt es teils miese Noten.

Auch 2013 hat die Finanzkrise Europa in Atem gehalten. Welches der acht Krisenländer fiel positiv auf, welches negativ? Wir haben den Check gemacht und verteilen Zeugnisse. Quelle: WirtschaftsWoche Online

Bleibt das Problem der niedrigen Zinsen.

Das gesamtwirtschaftliche Umfeld und das schwache Kredit- und Geldmengenwachstum bremsen den Aufwärtsdruck auf die Preise. In unserer Dezemberprognose erwarten wir für das nächste und übernächste Jahr Inflationsraten von unter eineinhalb Prozent für den Euro-Raum. Das rechtfertigt eine expansive Geldpolitik. Allerdings entbindet uns Ruhe an der Preisfront nicht von einer sorgfältigen Kosten-Nutzen-Analyse der geldpolitischen Maßnahmen.

Wie fällt die aus?

Die Ruhe ist kein Freibrief für beliebige geldpolitische Lockerungen. Ich weise auch immer wieder darauf hin, dass mit den Niedrigzinsen auch Risiken und Nebenwirkungen verbunden sind, die mit der Dauer der lockeren Geldpolitik zunehmen. Es besteht die Gefahr, dass sich Staat und Private an das billige Geld gewöhnen, Strukturreformen unterlassen, Banken und Unternehmen ohne tragfähiges Geschäftsmodell am Leben erhalten. Auch können Vermögenspreisblasen entstehen. Ja, es stimmt: Derzeit wird der Ertrag sicherer Anlagen sogar von der Inflation aufgezehrt, der Vermögenserhalt fällt schwer. Negative Realzinsen gab es aber auch schon zu D-Mark-Zeiten. Sie dürfen jedoch kein Dauerzustand werden. Die Bürger müssen sich jedenfalls darauf verlassen können, dass die Zinsen wieder rechtzeitig angehoben werden, sobald der Preisdruck zunimmt.

Müssten die Zinsen nicht erhöht werden, damit der Reformdruck steigt?

Unsere Aufgabe ist es, Preisstabilität im Euro-Raum zu gewährleisten. Unser Mandat besteht nicht darin, Reformen zu erzwingen. Wettbewerbsfähige Wirtschaftsstrukturen und solide Staatsfinanzen sind im Eigeninteresse der Mitgliedsländer. Die Krise hat allerdings auch sehr eindringlich gezeigt, dass es der Geldpolitik schwerer fällt, ihr Ziel zu erreichen, wenn diese Voraussetzungen nicht gegeben sind. Deshalb sind für uns als Notenbanken entsprechende Reformen zentral.

Die EZB betont zwar, sie richte die Leitzinsen am Durchschnitt der Euro-Länder aus. Studien deuten jedoch darauf hin, dass sie die Zinsen an den Bedürfnissen der schwächsten Mitglieder orientiert.

Wenn das so wäre, hätten wir ja wohl kaum unser Primärziel erreichen können, die Inflationsrate unter, aber nahe zwei Prozent zu halten. Der Kaufkraftverlust des Euro während der 15 Jahre seiner Existenz liegt bei genau zwei Prozent pro Jahr. Damit war er geringer als der in den letzten 15 Jahren der D-Mark in Deutschland, auch wenn solche Vergleiche immer etwas oberflächlich sind, da sie die unterschiedlichen Rahmenbedingungen nicht berücksichtigen. Unsere Zinsentscheidungen lassen sich auch nicht einfach in Formeln abbilden. Klar ist natürlich: Wenn sich eine signifikante Anzahl von Euro-Ländern in der Krise befindet, wächst der Druck auf das Euro-System, die Anpassungslast zu mildern. Diesem Druck müssen wir standhalten und die Geldpolitik konsequent am Durchschnitt des Euro-Raums ausrichten.

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