Joachim Fels: "Das Modell der BRIC-Länder funktioniert nicht mehr"

InterviewJoachim Fels: "Das Modell der BRIC-Länder funktioniert nicht mehr"

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Joachim Fels

von Malte Fischer

Der Chefökonom der US-Bank Morgan Stanley sieht die Schwellenländer in einer strukturellen Krise – und schöpft neue Hoffnung für die Industrieländer.

WirtschaftsWoche: Herr Fels, das Wirtschaftswachstum in Brasilien, Russland, Indien und China hat sich abgekühlt. Warum?

Fels: Die BRIC-Staaten befinden sich in einer strukturellen Anpassungskrise. Die Wachstumsmodelle, die diese Länder in den vergangenen Jahren so erfolgreich gemacht haben, funktionieren nicht mehr. Sie müssen neue Strategien entwickeln, das lässt den Wachstumsmotor stottern. Das ist nicht ungewöhnlich für Länder, die lange Zeit hohe Wachstumsraten hatten. Die Industrieländer erlebten eine ähnliche Krise in den Siebzigerjahren, nachdem sie in den Nachkriegsjahrzehnten kräftig gewachsen waren.

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Worin besteht die Anpassungskrise?

Das ist von Land zu Land unterschiedlich. China hat vor allem auf den Export von Industrieprodukten gesetzt. In den vergangenen Jahren hat sich jedoch die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen verschlechtert. Die Lohnstückkosten sind gestiegen, und der Yuan hat gegenüber Dollar und Euro an Wert zugelegt. Dazu kommt, dass die Industrie in den USA eine Renaissance erlebt. US-Unternehmen verlagern ihre Produktion aus China zurück nach Amerika.

Welche Probleme haben Brasilien und Russland?

Beide Länder haben ein rohstoffgetriebenes Wachstumsmodell. Doch der Boom bei den Rohstoffpreisen ist vorbei. Die hohen Preise haben die Anstrengungen zur Förderung von Rohstoffen verstärkt, das Angebot ist gestiegen. Seit 2011 stagnieren die Rohstoffpreise oder gehen sogar zurück. Dazu kommt, dass sich Russland und Brasilien die holländische Krankheit eingefangen haben. Der Boom hat die Löhne im Rohstoffsektor in die Höhe getrieben und Arbeitskräfte aus anderen Branchen angelockt. Dadurch sind auch dort die Löhne gestiegen. Beide Länder haben an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt.

Indien hat keinen Rohstoffboom erlebt.

Indien hat stark auf staatlich geförderten Konsum gesetzt. Das hat den Staatshaushalt und die Leistungsbilanz tief in die roten Zahlen getrieben. Zudem mangelt es an privaten Investitionen in die Infrastruktur. Auch Indiens Wachstumsmodell ist nicht aufrechtzuerhalten.

Welche Rolle spielt die Wachstumsverlangsamung Chinas für die anderen BRIC-Länder?

Die Regierung in Peking scheint – anders als ihre Vorgänger – bereit, Wachstum zu opfern, um mehr Finanz- und Preisstabilität zu erreichen. Das bremst die Exportdynamik der Rohstoffländer und verschärft deren Anpassungsprobleme.

Kehrt China bald wieder zu zweistelligen Wachstumsraten zurück?

Das kann ich mir nicht vorstellen. Die strukturelle Umgestaltung der Wirtschaft drückt das Wachstum nach unten. Für die nächsten Jahre rechne ich mit Raten, die sich um 7,5 Prozent herum bewegen.

Gehen die Reformen Pekings in die falsche Richtung?

Ganz und gar nicht. Die Erfahrung aus anderen Ländern zeigt, dass zu Beginn des wirtschaftlichen Aufstiegs meist eine starke Orientierung auf Investitionen und Exporte erfolgt. Steigen die Einkommen, wächst die Nachfrage der Menschen nach Konsumgütern und Dienstleistungen. Die Reformen Pekings unterstützen diesen Prozess. Ein wichtiges Ziel der Regierung besteht ja darin, ein funktionierendes Sozialversicherungssystem aufzubauen. Derzeit sparen die Chinesen zwischen 40 und 50 Prozent ihres Einkommens, weil sie weder genug Kinder haben, die sie später versorgen noch auf staatliche Rentenzahlungen bauen können. Gelingt der Aufbau eines Sicherungssystems, wird die Sparquote sinken, und der Konsum steigt.

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