Kapitalismus: "Der Kapitalismus droht unterzugehen"

InterviewKapitalismus: "Der Kapitalismus droht unterzugehen"

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VWL-Professor Giacomo Corneo

von Tim Rahmann

VWL-Professor Giacomo Corneo ist unzufrieden, wie sich die Marktwirtschaft entwickelt hat. Ohne Reformen hat unser Wirtschaftsmodell keine Zukunft, warnt Corneo, der sich nach Alternativen zum Kapitalismus umgeschaut hat.

WirtschaftsWoche Online: Herr Corneo, wir fliegen in den Urlaub, surfen im Internet und essen Erdbeeren im Winter: Sind Kapitalismus-Kritiker weinerlich?

Giacomo Corneo: Dem Großteil der Menschen in Deutschland und in den anderen Industrieländern geht es gut. Kritik ist immer relativ. Menschen in China, Peru oder Tansania werden sich mit der Hand vor dem Kopf schlagen, wenn sie unsere Debatte hören. Aber Fakt ist auch: Der Wohlfahrtstaat ist auf dem Rückzug – und das darf man auch kritisieren.

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Werden Sie jetzt etwa auch zum Kapitalismuskritiker?

Ich bin auf jeden Fall vergleichsweise aufgeschlossen für einige Punkte, die Kapitalismuskritiker vorbringen. Bei aller berechtigten Kritik müssen diese Leute dann auch konkrete Alternativvorschläge machen. Das erlebe ich leider zu selten. Deswegen habe ich das Buch „Bessere Welt“ geschrieben und geschaut, ob es Alternativen zu unserem System gibt.

In dem Buch "Bessere Welt. Hat der Kapitalismus ausgedient?" begibt sich Giacomo Corneo auf eine Reise durch alternative Wirtschaftssysteme. Es ist im März 2014 im Goldegg Verlag erschienen. Preis: 24.90 Euro. Quelle: Marcel Stahn für WirtschaftsWoche

In dem Buch "Bessere Welt. Hat der Kapitalismus ausgedient?" begibt sich Giacomo Corneo auf eine Reise durch alternative Wirtschaftssysteme. Es ist im März 2014 im Goldegg Verlag erschienen. Preis: 24.90 Euro.

Bild: Marcel Stahn für WirtschaftsWoche

Gleich zu Beginn stimmen Sie in den Chor der Kritiker ein und bemängeln, der Kapitalismus sei ineffizient und ungerecht.

Das kann ich auch gut begründen. Aus ökonomischer Sicht ist die Ineffizienz eindeutig. Es gibt viele Fälle, wo wir Ressourcen verschwenden. Schauen Sie auf die hohe Arbeitslosigkeit in Südeuropa. Das Potenzial von Millionen von Menschen bleibt ungenutzt. Oder schauen Sie in die USA: durch eine lasche Kreditvergabe wurde ein Immobilienboom geschaffen. Nun stehen landauf landab Häuser frei und verrotten. Die Materialen könnten wir an anderer Stelle gut gebrauchen.

Und auch beim Thema Gerechtigkeit sind die Defizite offenkundig. Die Wohlstandsunterschiede zwischen den Industrie- und den Entwicklungsländern sind riesig und können schwerlich gerechtfertigt werden. Selbst in sozialmarktwirtschaftlichen Ländern wie Deutschland oder Schweden geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. All das sind Dinge, die man kritisieren darf und muss.

Zur Person

  • Giacomo Corneo

    Professor Dr. Dr. Giacomo Corneo ist Professor für Volkswirtschaftslehre insbesondere Öffentliche Finanzen an der Freien Universität FU Berlin. Der Autor leitet ein
    Promotionskolleg über ökonomische Ungleichheit und Wohlfahrtsstaat. Außerdem ist er Schriftleiter des Journals of Economics und Herausgeber der Perspektiven der Wirtschaftspolitik (Publikationsorgan des Vereins für Socialpolitik). Er ist Research Fellow von CEPR (London), CESifo (Münich), IMK (Düsseldorf), IZA (Bonn) und hat zahlreiche Aufsätze in führenden internationalen Fachzeitschriften publiziert.

    Der renommierte Ökonom ist in Deutschland und international bekannt und bezieht in seinen Vorträgen hauptsächlich Stellung zu Problemen des öffentlichen Sektors. Prof. Corneo ist beliebter Interview- und Gesprächspartner für anerkannte Zeitschriften wie „Die Zeit“, „Der Spiegel“ und „taz“ sowie in Radio und TV.

Und in der Folge haben Sie sich nach Alternativen umgeschaut – sind aber nicht fündig geworden.

Ich habe mir verschiedene Systeme angeschaut. Zuerst den Wächterstaat, indem eine Elite ohne wirtschaftliches Interesse die Geschicke leitet. Das Problem: Machtmissbrauch und diktatorische Züge. Ich habe Utopia und die Gütergemeinschaft unter die Lupe genommen, eine basisdemokratische Gesellschaft, in der es keine Arbeitslosigkeit und gleichmäßig verteilten Wohlstand gibt. Leider ist das System nicht geeignet, die Menschen zu produktiver Arbeit und moderatem Konsum zu animieren. Auch die Planwirtschaft bietet keine zufriedenstellende Alternative. Sie vermag keine Innovationen anzutreiben und öffnet Missbrauch Tür und Tor. Nein, ich bin überzeugt: Ohne den Markt geht es nicht.

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46 Kommentare zu Kapitalismus: "Der Kapitalismus droht unterzugehen"

  • Das die Menschen - gerade hier in Deutschland - besser gebildet sind, als je zuvor ist ja wohl ein schlechter Treppenwitz. 95% der Leute halten den DAX für ein Tier mit Streifen und haben nicht den geringsten Schimmer, dass Sie permanent garantierte Verluste auf Ihren Sparbüchern einfahren und beschweren sich dann noch über böse Banken. Wer mehr Mitbestimmung durch Arbeitnehmer fordert, kannn z.B. die Aktienkultur fördern, da kann dann jeder auf der Hauptversammlung mitbestimmen, wo es hingeht mit seinem Unternehmen. Stattdessen reden Medien und wirre Professoren fortlaufend "den Markt" und den "Kapitalismus" schlecht und kaputt, ohne irgend eine sinnvolle Alternative anbieten zu können. Anstatt aus der richtigen Beobachtung, dass die Politiker immer unzuverlässiger werden, den Schluß zu ziehen, mehr Freiheit und mehr Markt zu wagen, indem man den Leuten mal auch nur einen Schimmer an "kapitalistischem" Grundwissen vermittelt, verhindern die linken Parteien (derzeit alle im Bundestag vertretenen) und die Gewerkschaften seit Jahrzehnten die flächendeckende Einführung des Fachs Wirtschaft an den Schulen. Warum Sie das tun ist auch klar: Jeder mit einem Funken wirtschaftlichen Sachverstandes erkennt sofort den Wahnsinn, den diese Politiker betreiben. Noch hätte Deutschland die Chance sich durch längere Arbeitszeiten und mehr Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt, ein strengeres Sparprogramm bei mehr Ausgaben für Bildung und Forschung und Unternehmensgründer (statt Milliarden für die Rentner, die nun mal leider unproduktiv sind, aber von höherer Produktivität der Gesamtwirtschaft ebenso profitieren würden), zu sanieren und den Anschluss an die Weltspitze zu halten. Stattdessen legt diese Regierung eine 180 Wende gegen den Strom hin & die ach so gebildete Mehrheit glaubt auch noch, dass das der richtige Weg ist. Man blicke kurz nach Frankreich, da sieht man, was uns blüht. Wenn wir erstmal den Anschluß an die Spitzentechnologie verlieren, geht hier schnell das Licht aus...

  • @ Aufklaerer

    Etwas haben Sie leider übersehen: Wir teilen uns eine neue multinationale Einheitswährung mit 17 anderen Volkswirtschaften. Viele davon sind mit dem Euro überfordert, sind also somit auch unser Problem. Und damit fangen die gravierenden Probleme an, die wir selbst kaum noch beeinflussen können. Viele Euroländer stecken in der Wettbewerbs- und Überschuldungsfalle des Euro, bedürfen der Rettungsfonds und der Dauernotintervention der EZB, Finnland, die Niederlande, Österreich und Deutschland sehen sich mit einer totalen Haftungs-, Transfer- und Verschuldungsunion konfrontiert. Der Euro hat den Währungswettbewerb ausgeschaltet, das Wechselkursrisiko wurde auf den Arbeitnehmer verlagert, Deutschland war, ist und bleibt der größte Kapitalexporteur der Welt.

    Der Schimmer an "kapitalistischem Grundwissen" fehlt besonders bei diesem Thema Euro, dank der Jubelpresse, die schönfärbt, verschweigt und umdeutet. Europa stünde heute ohne den Euro wesentlich besser dar, Währungssozialismus für eine völlig dysfunktionale und fragmentierte Währungs- und Wirtschaftszone.

  • Der "Kapitalismus", der untergehen wird, ist ein Staats-Kapitalismus und keine Marktwirtschaft. Wenn der Staat über sein Notenbank-Monopol das Lebenselixier einer kapitalistischen Wirtschaft, den Zins, politisch nach den Anforderungen eines kreditbasierten Wirtschaftswachstums-Modells mischt und darüber mittelbar den Preis eines jeden Wirtschaftsgutes mitbestimmt, dann handelt es sich eben nicht um eine freie, kapitalistische Marktwirtschaft, sondern um eine Spielart politischen Wirtschaftens. Insoweit war der Sozialismus dem "Kapitalismus" auch im Untergang 20 Jahre voraus, wenn man der historischen Einfachheit halber einmal "Lehman" als Ausgangspunkt der Implosionswelle ansieht. Der freie Markt und damit der Kapitalismus wird sich immer als überlegen erweisen, weil er der menschlichen Natur am ehesten gerecht wird. Also bitte keine falsche Sorge um den Kapitalismus !

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