Kapitalismus: "Der Kapitalismus verliert an Rückhalt"

Kapitalismus: "Der Kapitalismus droht unterzugehen"

"Der Kapitalismus verliert an Rückhalt"

Also bleibt der Wunsch nach einer besseren, gerechteren Welt ein Traum?

Nicht unbedingt. Ich plädiere dafür, dass bisherige System zu reformieren. So ist sicherlich sinnvoll, die Selbstverwaltung größer zu schreiben. Also der Menge, in dem Fall: der Belegschaft eines Unternehmens, mehr Entscheidungsgewalt zu geben. Das erhöht die Motivation und die Effizienz. Der Arbeitgeber profitiert also auch davon. Wichtig aber: Zu viel Macht für die Mitarbeiter führt zu einem unsteuerbarem Konstrukt, das langsam und wenig flexibel auf nötige Veränderungen reagiert. Es geht darum, den richtigen Mittelweg zu finden.

Ein Problem, das damit nicht gelöst ist und an dem viele Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme gescheitert sind: Wie bekommen wir es hin, dass Politiker dem Gemeinwohl dienen?

Grundsätzlich haben wir in Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges viele gute Politiker gehabt. Menschen, die geprägt waren von dem Leid der Bevölkerung seit 1929  und deswegen Werte wie Ehrlichkeit und Pflichtbewusstsein verinnerlicht hatten. Seit einigen Jahren stelle ich einen Generationenwechsel und einen Mentalitätswandel fest: Politiker nehmen am Wertewandel der Gesellschaft teil und sind im Schnitt weniger zuverlässig. Wir könnten also die Regeln für Politiker verschärfen, also längere Karenzzeiten nach dem Ende der Politkarriere einführen, um die Neutralität zu wahren. Und wir könnten als Bürger weniger delegieren und mehr durch basisdemokratische Institutionen selbst in die Hand nehmen.

So lange arbeiten wir nur für den Staat

  • Was ist der Steuerzahlergedenktag?

    Zählt man alle Abgaben, direkten und indirekten Steuern zusammen, lässt sich ausrechnen, bis zu welchem Tag im Jahr wir statistisch gesehen nur für Staat und Sozialkassen arbeiten. Im Schnitt aller Einkommensgruppen ist dieser „Steuerzahlergedenktag“, wie ihn der Steuerzahlerbund getauft hat, 2013 am 8. Juli.

  • Der „Steuerzahlergedenktag“ im historischen Vergleich

    1960: 27. Mai
    1970: 9. Juni
    1980: 3. Juli
    1990: 24. Juni
    2000: 19. Juli
    2010: 29. Juni
    2011: 5. Juli
    2012: 8. Juli
    2013: 8. Juli


    Quelle: Bund der Steuerzahler

  • Bis zum 18. April...

    ... zahlt ein Hartz-IVEmpfänger mit einem Regelsatz von 382 Euro, an den Staat

  • Bis zum 21. Juni...

    ... arbeiten ein Ehepaar oder ein Alleinverdiener mit zwei Kindern mit einem Haushaltseinkommen von 4190 Euro, für den Staat

  • Bis zum 22. Juli...

    ... arbeitet ein Ehepaar als Doppelverdiener im Eigenheim mit zwei Kindern und einem Haushaltseinkommen von 13.630 Euro, für den Staat

  • Bis zum 14. August...

    ... arbeitet ein Single mit einem Haushaltseinkommen von 5760 Euro, für den Staat

  • Bis zum 4. September...

    ... arbeitet ein Unternehmer mit 100 Millionen Euro Umsatz und 5,4 Millionen Euro Gewinn vor Steuern, für den Staat

Halten Sie die Bürger für gebildet und verantwortungsvoll genug, um über die Art des Wirtschaftens zu bestimmen?

Ja. Die Menschen sind besser gebildet, als je zuvor. Und wir haben auch viel bessere Informationstechnologien. Entscheidungen können transparenter werden und durch das Internet steht allen Menschen potentiell viel Wissen zur Verfügung. Wählen wir diesen Weg der Offenheit, werden die Bürger mündiger und sind enger dran an der politischen Diskussion.

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Bitte wagen Sie abschließend einen Blick in die Zukunft: Glauben Sie, dass die Unzufriedenheit mit dem Kapitalismus weiter steigern wird – und überlebt dieses Wirtschaftssystem die nächsten Jahrzehnte?

Ohne Veränderungen, politischer wie ökonomischer Natur, wird das System an Stabilität verlieren. Der Kapitalismus droht erst an Rückhalt zu verlieren – und dann unterzugehen. Fakt ist derzeit nur: Die Ungleichheit und der Unmut nehmen zu. Die USA sind seit jeher für Europa ein gutes Beispiel, um zu schauen, was auf uns zukommt. Und in den Vereinigten Staaten ist die Schere zwischen Arm und Reich inzwischen so groß geworden, wie wir es bisher nur aus Ländern in Lateinamerika kannten. Diese Gesellschaften waren über die Jahre extrem instabil und gekennzeichnet durch Putsche, wackelige Demokratien und dem Aufstieg von Populisten. Reformen sind also – bei all den Vorteilen des Kapitalismus, die wir besprochen haben – unumgänglich. Wir brauchen mehr Demokratie und wir müssen die Soziale Marktwirtschaft wiederbeleben. Die Arbeiter brauchen mehr Rückhalt, wir brauchen eine minimale Spitzenbesteuerung und einen wirksamen Kampf gegen Steueroasen. Dann lassen sich auch soziale Wohltaten finanzieren.

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