Kapitalismus in der Kritik: Wachstums-Debatte braucht neue Richtung

Kapitalismus in der Kritik: Wachstums-Debatte braucht neue Richtung

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Oft wird über zu niedriges Wirtschaftswachstum gejammert. Doch eigentlich sollte es realistischer betrachtet werden.

von Nils Heisterhagen

Die Wachstumsdebatte in Deutschland läuft verkehrt. Sie muss endlich nüchtern und unideologisch geführt werden. Ein empirischer Wachstumsrealismus könnte als dritter Weg die Debatte fördern.

„Weniger ist mehr“ ist ein Motto von Wachstumskritikern wie Niko Paech, Professor an der Universität Oldenburg. Er fordert in seinem Buch „Befreiung vom Überfluss“ den Konsum deutlich zu minimieren, sich von Fremdversorgung unabhängiger zu machen und deshalb mehr auf Eigenproduktion und Gemeinschaftsnutzung zu setzen. Mehr Wachstum führt für ihn generell zu mehr Umweltschäden, mehr Ungerechtigkeit und mehr Unzufriedenheit. „Wachstum erzeugt immer neue materielle oder zumindest symbolische Ungleichheiten, zu deren Beseitigung neue Wachstumsraten gefordert werden. Dieses positiv rückgekoppelte Spiel kennt keine Ankunft“, so Paech gegenüber der Wirtschaftswoche. Die britischen Professoren Robert und Edward Skidelsky kritisieren in ihrem internationalen Bestseller „Wie viel ist genug?“ gar einen Wachstumswahn. Paech und die Skidelskys vermitteln die Botschaft: Die Jagd nach immer mehr Reichtum und Konsum ist verkehrt. Vielmehr muss man nach dem fragen, was ein gutes Leben wirklich ausmacht.

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Wachstum ist richtig

Auf der anderen Seite gibt es die, die Wachstum befürworten, weil es gut für den Arbeitsmarkt, den Wohlstand und dessen Verteilung sei. Henning Vöpel, Professor an der Hamburg School of Business Administration und ab September Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, sagt: „Wachstum erhöht den Wohlstand und schafft Verteilungsspielräume, die bei Stagnation schwieriger durchzusetzen wären. Das gilt auch für Transferleistungen. Auch Umwelt- und Sozialstandards werden oft in Zeiten von Wachstum etabliert, weil eine Gesellschaft sich diese leisten kann.“

Wachstumsprognosen für Deutschland 2014

  • EU-Herbstgutachten

    Die EU traut der deutschen Wirtschaft für das kommende Jahr ein eher schwaches Wirtschaftswachstum zu: Die heimische Konjunktur dürfte laut EU-Herbstgutachten 2013 um 0,5 Prozent anziehen, 2014 auf 1,7 Prozent beschleunigen und erreicht dann 2015 ein Wachstum von 1,9 Prozent.

  • Herbstgutachten der Bundesregierung

    Auch die Bundesregierung sagt Deutschland für 2014 einen Aufschwung voraus. Sie rechnet für das Bruttoinlandsprodukt mit einem Wachstumsplus von 0,4 Prozent und ist damit weniger optimistisch als die EU. Die Arbeitslosenzahlen fallen laut Gutachten positiv aus: Sie sollen im kommenden Jahr von 6,9 auf 6,8 Prozent sinken. Die Zahl der Erwerbstätigen dürfte damit um 235.000 zunehmen und klettert damit auf ein Rekordhoch von 41,8 Millionen Beschäftigten. Der private Konsum soll noch in diesem Jahr um 0,9 und 2014 dann um 1,4 Prozent zulegen.

  • Ifo-Institut

    Laut dem Münchener Ifo-Institut kann sich Deutschland als Wachstumsmotor im Euroraum bezeichnen. Es sagt Deutschland für 2014 die besten Konjunktur-Aussichten seit drei Jahren voraus und rechnet mit einer deutlichen Belebung. Das Barometer der Forscher für das vierte Quartal lag mit 114,7 Punkten erstmals seit Ende 2011 über seinem langfristigen Durchschnitt.

  • GfK

    Auch die Gesellschaft für Konsum prognostiziert Deutschland eine minimale Konjunktursteigerung von 0,4 Prozent auf 1,8 Prozent. Der Konsumklima-Index stieg zudem im Oktober um 0,1 Punkte auf jetzt 7,1 Zähler.

  • DIHK

    Die Deutsche Industrie- und Handelskammer rechnet für 2014 mit einem Zuwachs von rund 250.000 Arbeitsplätzen, also mit rund 115.000 mehr als die Bundesregierung. Vor allem der steigende privat Konsum schaffe Arbeitsplätze. Auch das Wirtschaftswachstum sieht die DIHK positiv: es soll im kommenden Jahr bei 1,7 Prozent liegen. Beim Außenhandelsumsatz wird ein Anstieg von über vier Prozent erwartet.

  • DIW

    Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung sagt für das kommende Jahr einen klaren Aufwärtstrend voraus. Die Konjunktur werde 2014 um 1,6 Prozent zulegen und 2015 um zwei Prozent.

  • RWI

    Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung hat seine Wachstumsprognose für 2014 nach unten korrigiert. Im kommenden Jahr werde nur noch ein Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um 1,5 Prozent erwartet. Im September waren die Wirtschaftsforscher noch von einem Plus von 1,9 Prozent ausgegangen.

  • IWH

    Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle rechnet 2014 mit einem geringeren Wirtschaftswachstum in Deutschland als ursprünglich angenommen. Das Bruttoinlandsprodukt werde um 1,8 Prozent zulegen. Im September waren die Experten noch von einem Wachstum von 2,0 Prozent ausgegangen.

Wachstum sogar gut für die Umwelt? Das glaubt auch Ralf Fücks, Vorstandsmitglied der Heinrich-Böll-Stiftung und Vordenker der grünen Partei. Er nennt sein Buch „Intelligent wachsen. Die grüne Revolution“. Er hält eine Sinneswandelrhetorik wie die von Paech und Co. für Realitätsflucht. Ein Ende des Wachstums sei nicht in Sicht. Fücks fordert ein grünes Wachstum mit dem die Deutschen als Vorreiter einer neuen Umweltindustrie sogar auch das Bruttoinlandsprodukt steigern können. Wachstum kann und soll nach ihm nicht gegen die Natur sein, sondern mit ihr. Auch wenn Fücks ein anderes Wachstum will, so steht auch für ihn fest: Wachstum ist prinzipiell richtig.

Die einen befürworten Wachstum, die anderen kritisieren es. Aber gibt es keinen dritten Weg über das Wirtschaftswachstum nachzudenken?

Es gibt ihn. Man kann ihn Wachstumsrealismus nennen. Diesem geht es um empirische Klarheit und dadurch grenzt er sich von der überzeugungsgeladenen Diskussion um das Wachstum ab. Gerade dies markiert seinen Charakter als dritten Weg.

Dieser Wachstumsrealismus besteht aus drei Thesen:

Erstens muss man von der starken Fixierung auf ein relativ zum Vorjahr höheres Wirtschaftswachstum abkehren. Zweitens muss man berücksichtigen, dass die Zeit des Wirtschaftswachstums möglicherweise langsam sich ihrem Ende zuneigt und man den Weg in die Postwachstumswirtschaft vielleicht politisch gar nicht aufhalten kann. Drittens muss man anerkennen, dass das Wirtschaftswachstum nicht mehr bei allen gleichermaßen ankommt.

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