Karl Marx: Joseph Schumpeter und das Vermächtnis Marx'

Karl Marx: Der bärtige Gelehrte

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Nach dem Mauerfall durfte Marx wieder sein, was er war: Soziologe, Journalist, Nationalökonom und Geschichtsphilosoph, schonungslose Kritiker der idealistischen Philosophie und der bürgerlichen Gesellschaft

Joseph Schumpeter und das Vermächtnis Marx'

Joseph Schumpeter hat das Betriebsgeheimnis von Marx’ zwiespältig-phänomenalem Welterfolg bereits 1942 entschlüsselt. Er verstand die drei zentralen Utopien Marx’ (Verelendung des Proletariats, Untergang des Kapitalismus, Sieg des Sozialismus) methodo-logisch: Marx wollte nicht nur zu revolutionären Ergebnissen kommen, sondern die historische Notwendigkeit der Revolution beweisen. Deshalb mobilisierte er das Proletariat als geschlossene Klasse, die „alle Lasten der Gesellschaft zu tragen hat, ohne ihre Vorteile zu genießen“, die „aus der Gesellschaft herausdrängt…, von der das kommunistische Bewusstsein ausgeht“. Wenn es stimmte, dass „die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft“ die „Geschichte von Klassenkämpfen ist“, wie Marx 1848 im Kommunistischen Manifest behauptete, dann brauchte es auch für diese letzte Ausgabe „Unterdrücker und Unterdrückte“, zwei unversöhnliche Gegner, die sich feindlich gegenüberstehen, zwei Menschenblöcke, die die soziale Dynamik der Geschichte aufrechterhalten und sich bekriegen, bis endlich das sozialistische Morgenrot aufscheint: Bourgeoisie und Proletariat. Doch wie wollte Marx die Zeitgenossen von seiner bipolaren Gesellschaftskonstruktion überzeugen?

Religion ist "illusorisches Glück"

Gewiss, Marx hat seinen Verehrern ein Arsenal „weißglühender Phrasen, leidenschaftlicher Anklagen und zorniger Gesten“ (Schumpeter) zur Verfügung gestellt, aber das ist es nicht, sein Erfolg gründet sich auf etwas anderem, auf der kühnen Kombination rationalistischer, deterministischer und eschatologischer Motive. Anders gesagt: Die Notwendigkeit der Revolution hat bei Marx eine dreifache Dimension. Sie ergibt sich erfahrungsgemäß aus der Analyse sozialer Tatsachen. Sie ist als logische Folge historischer Prozesshaftigkeit konzipiert. Und sie adressiert die (verlorene) Ganzheitshoffnung einer durch maschinelle Beschleunigung, Arbeitsteilung und unpersönliche Geldverhältnisse sich selbst fremd gewordenen Menschheit. Marx hat die Religion als „illusorisches Glück“ entlarvt, aber er hat nicht an den „Seufzern der bedrängten Kreatur“ vorbeigehört und die metaphysisch ausgefegte Welt mit einem säkularen Glaubenssurrogat beschenkt: mit der frohen Botschaft vom irdischen Paradies des Sozialismus. Gleichzeitig hat Marx den technischen Machbarkeitseifer eines bürgerlich-progressiven Milieus aufgegriffen, das in seiner neuen Gottlosigkeit noch reichlich verunsichert an der Schwelle zur Moderne stand – und an ein Vorwärts glaubte, ohne vorerst die Richtung zu kennen.

Leidenschaftliche Anhängerschaft

In dieser historischen Lage hat er nicht nur das Kunststück fertig gebracht, den neustädtischen Arbeitern Parolen und Argumente zu liefern gegen den parasitären Lebensstil vieler Kapitalisten; er reüssierte vor allem in bildungsbürgerlichen Kreisen mit der Behauptung, die sozialistische Erlösung von allen Weltübeln sei eine rational beweisbare Gewissheit. Es ist ihm gelungen, die Sehnsüchte, die die Religion auf ihrem unfreiwilligen Rückzug zurückgelassen hatte, mit dem positivistischen Geist eines Fortschritts zu verknüpfen, der als unausweichlich empfunden wurde – und der keinen Glauben duldete, der nicht wenigstens einen wissenschaftlichen Anstrich hatte: „Einfach das Ziel zu predigen wäre wirkungslos geblieben; eine Analyse des sozialen Prozesses hätte nur ein paar Hundert Spezialisten interessiert“, so Schumpeter: „Aber im Kleid des Analytikers zu predigen und mit einem Blick auf die Bedürfnisse des Herzens zu analysieren, dies schuf [Marx] eine leidenschaftliche Anhängerschaft.“

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Nirgends hat Marx mit mehr Herz studiert und mit mehr Verstand agitiert als im Kommunistischen Manifest. Die kleine Schrift ist von aufrüttelnder Sprachkraft, ein brillanter, mitreißender Text, der ständig zwischen Analyse und Dialektik changiert, munter Wissenschaft und Propaganda verquirlt – und eine schier unauflösbare Spannung aufbaut zwischen der Schilderung geschichtlicher Dynamik und Teleologie, zwischen unaufhörlichem Wandel und utopischem Endziel. Besonders bemerkenswert ist das Manifest deshalb, weil Marx in ihm die Leistungen des Kapitalismus geradezu hymnisch feiert.

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