Kommentar: Rezessiönchen in Deutschland

KommentarKommentar: Rezessiönchen in Deutschland

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WirtschaftsWoche-Redakteur Bert Losse

von Bert Losse

Die Forschungsinstitute korrigieren ihre Konjunkturprognosen. Die Aussichten verdüstern sich. Die deutsche Wirtschaft könnte trotzdem glimpflich davonkommen.

Da ist es wieder, das fiese R-Wort, das wir eigentlich für Jahre nicht mehr hören und lesen wollten. Scharenweise meldeten sich in den vergangenen Tagen deutsche Ökonomen zu Wort, um ihre Sicht zur konjunkturellen Lage darzulegen. Während sich die Bankenanalysten noch optimistisch geben (müssen), sprechen Volkswirte von Forschungsinstituten erstmals seit 2009 wieder von: Rezession.

Technisch gesehen liegt eine Rezession vor, wenn das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwei Quartale hintereinander sinkt. Genau dies prognostizieren das Institut für Wirtschaftsforschung in Halle und das Institut Kiel Economics in einer gemeinsamen Studie. Der Euro-Raum stehe „vor einem erneuten Abschwung, die Konjunktur in Deutschland gerät aller Wahrscheinlichkeit nach in eine Phase der Stagnation“, warnen die Ökonomen – und sagen für die Winterquartale 2011/12 in Deutschland eine schrumpfende Wirtschaftsleistung voraus. Auch das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung warnt vor wachsenden Rezessionsgefahren und revidierte in der vergangenen Woche seine Wachstumsprognose für 2012 von 1,7 auf 1,0 Prozent drastisch nach unten. Zum Vergleich: 2010 legte das deutsche BIP um stolze 3,7 Prozent zu, 2011 dürften es noch zwischen 2,8 und 3,0 Prozent werden.

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Die Warnungen vor einem Abschwung sind plausibel. Der Glaube, die derzeit noch unter Volldampf stehende Realwirtschaft könne sich von den Turbulenzen an den Finanzmärkten und der eskalierenden Staatsschuldenkrise in Europa und den USA abschotten, ist naiv. Es gibt keine Brandmauer zwischen Finanz- und Unternehmenswelt; krankt das Finanzsystem, wankt die Kreditversorgung der Wirtschaft. Unsicherheit und Zukunftsangst dämpfen die Konsumlust der Verbraucher und die Investitionen der Unternehmen gleichermaßen.

Zinsen bleiben niedrig

Allerdings spricht vieles dafür, dass wir es in Deutschland allenfalls mit einem Rezessiönchen zu tun bekommen und nicht mit einem Totalabsturz. Denn die deutsche Wirtschaft ist strukturell intakt. Unter dem Einfluss der schwächelnden Weltkonjunktur sinken (vorübergehend) Inflation und Ölpreis. Die Zinsen dürften auf absehbare Zeit niedrig bleiben. Kaum jemand rechnet damit, dass die Europäische Zentralbank die Leitzinsen weiter anhebt, wie noch vor wenigen Wochen angedeutet. Zudem ist Deutschland (noch) ein fiskalischer Profiteur der Euro-Krise; weil alle Welt deutsche Staatsanleihen kauft, ist die Umlaufrendite auf rund 1,6 Prozent gesunken. Das Schuldenmachen ist für den Finanzminister derzeit so billig, dass Deutschland im Gegensatz zu den meisten anderen Euro-Staaten im Notfall noch einmal ein Konjunkturprogramm schnüren könnte.

Die größten Risiken lauern am Arbeitsmarkt: Dass die Betriebe eine Krise nochmals ohne größeren Personalabbau durchstehen, ist zweifelhaft. Und die Kasse der Bundesagentur für Arbeit, die damals mit Milliardensummen die Kurzarbeit finanzierte, ist nun komplett leer.

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