Konjunktur: Deutschland gehen die Kunden aus

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Konjunktur: Deutschland gehen die Kunden aus

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FDP-Chef und Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler bekommt Zahlen zur Konjunktur auf den Tisch, die ihm Sorgen bereiten müssen

von Tim Rahmann, Angela Hennersdorf und Philipp Mattheis

Das deutsche Wirtschaftswunder gelangt an seine Grenzen. Aus der Eurozone, aber auch aus Brasilien, China und den USA kommen weniger Aufträge. Stürzt nun auch Deutschland in die Rezession?

Schlechte Nachrichten sind für den FDP-Chef und Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler nichts Neues. Doch seit wenigen Wochen kommen die Negativ-Meldungen nicht aus der eigenen Partei. Stattdessen bekommt Rösler Zahlen zur Konjunktur auf den Tisch, die ihm Sorgen bereiten müssen.

Ob Bundesbank oder das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW ), Finanzexperten oder Unternehmer: Alle sind sich einig, dass das deutsche Wirtschaftswunder an seine Grenzen gelangt. Wenn die Weltwirtschaft – und dafür gibt es viele Anzeichen – weiter abkühlt, wird auch die Exportnation nicht weiter wachsen können. Das Konjunkturbarometer des ZEW brach am Dienstag so stark ein wie seit 1998 nicht mehr, der Einkaufsmanagerindex für Deutschland ist im Juni auf den niedrigsten Stand seit Juni 2009 gefallen – und auch der Geschäftsklimaindex des Münchner ifo-Instituts gab am Freitag erneut nach.

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Selbst die Vorzeigebranche schwächelt

Die Vorboten des Abschwungs sind bereits in den Auftragsbüchern der Unternehmen angekommen. Die Industrieproduktion ist zuletzt um 2,2 Prozent gegenüber dem Vormonat gesunken, die Auftragseingänge gingen um 1,9 Prozent zurück. Während die Bestellungen aus dem Inland um 0,4 Prozent zulegten, brach die Nachfrage aus dem Ausland nach deutschen Gütern und Dienstleistungen um 3,6 Prozent ein. Zugleich meldete das Kraftfahrtbundesamt kräftige Bremsspuren in Deutschlands Vorzeigebranche, der Automobilindustrie. Die Zahl der Neuzulassungen brach im Mai um knapp fünf Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat ein. Besonders hart traf es die Hersteller Ford (minus 7,5 Prozent) und Opel (minus elf Prozent).

Die größten Risiken für die deutsche Wirtschaft

  • Deutschland in der Wirtschaftskrise

    Aus dem Schneider ist Europas größte Volkswirtschaft noch nicht, auch wenn sie mit einem kräftigen Wachstum im ersten Quartal eine Rezession verhindern konnte. Im Gegenteil: Die Risiken ballen sich wie selten zuvor - vor allem von außen droht jede Menge Ungemach.

  • Schuldenkrise

    „Das größte Abwärtsrisiko für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland geht nach wie vor von der Schulden- und Vertrauenskrise im Euroraum aus, die im Kern noch nicht gelöst ist“, warnen führende Institute in ihrem Gutachten für die Bundesregierung. Schon jetzt lastet die Krise auf der exportabhängigen Wirtschaft: Die Ausfuhren in die Euro-Zone schrumpften im März um 3,6 Prozent, weil Krisenländer wie Spanien und Griechenland wegen der Rezession ihre Importe einschränken. Da 40 Prozent der Ausfuhren in die Währungsunion gehen, spürt Deutschland die Schwäche der Nachbarn deutlich.

    Jede Zuspitzung der Schuldenkrise sorgt für Wirbel an den Finanzmärkten. Kann sich ein großes Euro-Land wie Spanien nicht mehr am Kapitalmarkt finanzieren und flüchtet unter die Rettungsschirme EFSF und ESM, würde das einen erneuten Vertrauensverlust auslösen. Unternehmen würden weniger investieren, Verbraucher größere Anschaffungen scheuen. Der Bund ist mit der Beteiligung an den Rettungspaketen enorme Risiken eingegangen. „Im Zuge der Rettungspakete summieren sich die Zusagen auf rund 80 Milliarden Euro“, so die Institute.

    Kann etwa Griechenland das Geld nicht zurückzahlen, belastet das den deutschen Staatshaushalt. Eine Herabstufung durch die Ratingagenturen droht dann, was höhere Zinsen zur Folge hätte. Der Spardruck würde steigen, Hauhaltslöcher müssten mit höheren Steuern und Ausgabenkürzungen gestopft werden. Beides würde die Konjunktur belasten.

  • Inflation

    Seit mehr als einem Jahr hält sich die Teuerungsrate in Deutschland über der Marke von zwei Prozent, bis zu der die Europäische Zentralbank (EZB) von stabilen Preisen spricht. Manche Experten befürchten, dass die Preise künftig deutlich schneller steigen könnten - um vier bis fünf Prozent. Das würde die Kaufkraft der Verbraucher erheblich einschränken.

    Grund für die Inflationsgefahr: Wegen der guten Konjunktur haben die Arbeitnehmer kräftige Lohnerhöhungen durchgesetzt. Den Unternehmen fällt es angesichts der guten Beschäftigungslage leichter, steigende Lohnkosten an die Verbraucher weiterzureichen - sprich: die Preise für Waren und Dienstleistungen anzuheben. Es droht eine Spirale, bei der sich Löhne und Preise gegenseitig nach oben schaukeln. Bei ersten Anzeichen dafür müsste die EZB ihre Zinsen anheben, um Konsum und Investitionen zu drosseln, was die Nachfrage dämpfen und den Preisauftrieb dämpfen könnte. Aus Rücksicht auf die Wirtschaftskrise in Ländern wie Spanien wird sie ihren Leitzins aber vorerst wohl auf dem Rekordtief von einem Prozent belassen.

    Zusätzliche Gefahren gehen von der Politik der EZB aus, den Finanzhäusern billiges Geld in Hülle und Fülle zur Verfügung zu stellen. „Noch bleibt die zusätzliche Liquidität erst einmal im Finanzsektor“, sagt Postbank-Chefvolkswirt Marco Bargel. „Doch wenn die Kreditvergabe an die Unternehmen erst einmal steigt, kann das sehr schnell in Inflation münden.“

  • Immobilienblase

    Die Preise für deutsche Wohnimmobilien steigen immer schneller. 2011 legten sie mit 5,5 Prozent mehr als doppelt so stark zu wie 2010 mit 2,5 Prozent. „Erstmals seit dem Wiedervereinigungsboom Anfang der neunziger Jahre ist hierzulande somit ein konjunktureller Aufschwung wieder mit einer markanten Preisreaktion auf den Häusermärkten verbunden“, stellt die Bundesbank fest. Niedrige Bauzinsen und die Angst vor Inflation verlocken immer mehr Deutsche dazu, in Immobilien zu investieren. „Wenn das jahrelang so weitergeht mit den extrem niedrigen Zinsen, besteht das Risiko einer Immobilienpreisblase in Deutschland“, warnt der Konjunkturchef des Instituts für Weltwirtschaft, Joachim Scheide. Die hat es in Spanien gegeben, ihr Platzen hat eine schwere Rezession ausgelöst. „So etwas ist für Deutschland auch nicht ausgeschlossen“, sagt Scheide.

  • China

    China wird nach Prognose des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) in diesem Jahr zum zweitwichtigsten Kunden der deutschen Exportwirtschaft aufsteigen - nach Frankreich, aber noch vor den USA. Für viele Unternehmen ist die Volksrepublik schon jetzt der wichtigste Absatzmarkt, beispielsweise für die Autobauer Volkswagen, Audi und Porsche. Bekommt China einen Husten, wird auch die deutsche Wirtschaft krank. Erste Warnsignale gibt es bereits: Die chinesischen Importe stagnierten im April. „Das ist Besorgnis erregend“, sagte Ökonom Alistair Thornton von IHS Global Insight in Peking. „Das deutet auf eine echte Schwäche der Binnenwirtschaft hin.“ Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt wird einer Reuters-Umfrage unter Ökonomen zufolge in diesem Jahr um 8,2 Prozent wachsen. Das wäre das kleinste Plus seit einem Jahrzehnt. Die hohen Schulden der Kommunen, eine Immobilienblase und eine anziehende Inflation könnten das Wachstum aber noch kleiner ausfallen lassen.

„Deutschland ist nicht immun gegen die Krise“, sagt der Ökonom Peter Meister von der BHF-Bank. Das sehen andere Experten genauso. „Deutschland wird zwar nicht zurück in die Rezession fallen, denn dazu ist die Binnennachfrage zu robust“, so der Citigroup-Experte Jürgen Michels. „Aber es dürfte nur zu einem schwachen Wachstum reichen.“

Wie stark die deutsche Wirtschaft in den nächsten Quartalen einbricht, ist in erster Linie nicht von der Bundesrepublik beeinflussbar. Entscheidend ist, wie sich die Weltwirtschaft entwickelt. Der aktuelle Eindruck ist: Der Exportnation droht Ungemach aus allen Weltregionen. Das Wachstum der Euro-Zone ist im ersten Quartal des Jahres zum Erliegen gekommen, die Euro-Pleiteländer Griechenland, Spanien und Portugal stecken tief in der Rezession. Aber auch in den Niederlanden und in schrumpft die Wirtschaft. Zudem ist die Perspektive in den Schwellenländern wie Brasilien und Indien düster, auch China schwächelt, die USA sowieso.

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