
DüsseldorfIn Finanzkreisen sorgt seit einigen Wochen ein Index für großes Aufsehen, der eigentlich als Vorbote für die künftige Entwicklung der Weltwirtschaft gilt. Der Baltic Dry Index gibt die Verschiffungskosten für Rohstoffe - in erster Linie für Eisenerz und Kohle - wieder. Da beide Rohstoffe der Grundstoff für sämtliche Stahlprodukte sind, vom Auto bis zur Maschine, gilt der Index als guter Frühindikator für die Weltwirtschaft.
Nun ist der Baltic Dry Index (BDI) in den vergangenen Wochen dramatisch eingebrochen: Seit Mitte Dezember hat er über 60 Prozent seines Wertes verloren. Noch Mitte Dezember lag er bei fast 2000 Punkten - jetzt steht er bei rund 700 Punkten. Damit liegt er nur noch ganz knapp über dem Tiefstand 2009 von 670 Punkten
Während sich das Angebot an Schiffsraum auf kurze Sicht kaum ändert, schlagen Schwankungen der Nachfrage sofort auf den Preis durch. In der Finanzkrise brach der Index zum Beispiel von über 11000 Punkten im Mai 2008 auf 670 Punkte im Dezember ein. Einige Beobachter sehen die derzeitige Entwicklung nun mit großer Sorge. Auf Blogs und über den Kurznachrichtendienst Twitter warnen sie vor einem Absturz der Weltwirtschaft.
Experten sehen die Entwicklung allerdings gelassener. Burkhard Lemper vom Bremer Institut für Seewirtschaft und Logistik (ISL) führt die kurzfristigen Schwankungen vor allem auf das Verhalten chinesischer Produzenten zurück. „Bis Dezember hat es einen Sondereffekt gegeben, weil die Chinesen vor allem ihre Eisenerz-Lager aufgefüllt haben,“ sagt er. „Dieses antizyklische Verhalten hat dazu geführt, dass die Preise für Frachtraten bis Dezember 2011 überraschend gestiegen sind. Seit Januar ist dieser Zwischenboom zu Ende,“ sagt er.
Der Effekt ist vor allem bei großen so genannten Capesize-Schiffen zu spüren - mit einem Ladevolumen von über 80.000 Tonnen. Gerade in diesem Segment hat sich der Baltic Dry Index im Jahresverlauf 2011 überraschend positiv entwickelt. Die schlechtere Stimmung durch die Verschärfung der Euro-Krise machte sich hingegen bis Dezember nicht bemerkbar.
Für Lemper kommt der abrupte Absturz des Index nicht überraschend. „Es war absehbar, dass der Baltic Dry Index fallen würde. Die Angebotsseite macht im Moment den Markt kaputt. Durch den starken Zubau von Tonnage gibt es massive Überkapazitäten im Markt,“ sagt er. Neue Schiffe lassen sich nicht in wenigen Monaten bauen. Oft liegen zwischen dem Auftrag und der Auslieferung eines Schiffs Jahre. Wenn eine Reederei wegen voller Auftragsbücher ein neues Schiff bestellt, kann die Wirtschaftslage zum Zeitpunkt der Auslieferung schon wieder ganz anders aussehen - und dies bringt dann den Markt durcheinander. Allein 2012 sollen 20 Prozent zusätzliche Schiffraumkapazitäten hinzu kommen. Demgegenüber steht ein geschätztes Wachstum der Nachfrage nach Frachtraum von drei bis fünf Prozent.
Damit stellt sich die grundsätzliche Frage nach der Aussagekraft des Baltic Dry Index als Frühindikator für die Weltwirtschaft. Lemper sieht dies im Moment kritisch: „Der Baltic Dry Index funktioniert als Frühindikator für die Weltkonjunktur nur dann, wenn sich der Markt einigermaßen im Gleichgewicht befindet. Im Moment ist das nicht der Fall.“ Auch Eric Heymann von der Deutschen Bank Research kommt zu einem ähnlichen Fazit.„Auf kurze Sicht ist der Baltic Dry Index viel zu volatil um daraus Aussagen über die Weltkonjunktur abzuleiten. Auf lange Sicht folgt er aber ungefähr dem Trend,“ sagt der Analyst.













