Konjunkturkommentar: Das Grauen kommt auf leisen Sohlen

Konjunkturkommentar: Das Grauen kommt auf leisen Sohlen

Der Arbeitsmarkt sorgt weiter für positive Überraschungen. Doch Vorsicht: Die Krise wird ihn erreichen – und die Gefahr ist groß, dass die Politik alles noch schlimmer macht.

Der deutsche Arbeitsmarkt ist immer wieder für eine Überraschung gut. Obwohl die Wirtschaft im zweiten und wahrscheinlich auch im dritten Quartal geschrumpft ist, hat sich das Job-Wunder im August fortgesetzt: Die Arbeitslosenzahl ist um 14 000 zurückgegangen und liegt jetzt unter 3,2 Millionen. Rechnet man saisonale Schwankungen heraus, ergibt sich sogar ein Minus von 40.000. Auch die Zahl der Erwerbstätigen hat weiter zugenommen – saisonbereinigt um 37.000.

Wie passt das zusammen? Ganz einfach: Der Arbeitsmarkt hinkt der Konjunkturentwicklung in der Regel ein halbes Jahr hinterher und sagt daher wenig über den tatsächlichen Zustand der Wirtschaft aus. Hinzu kommt, dass die aktuelle Krise sich mit trügerischer Gemächlichkeit ausbreitet. Als vor acht Jahren die New-Economy-Blase platzte und die Konjunktur mit nach unten riss, ging alles ganz schnell. Diesmal geht der Abschwung vom amerikanischen Immobilienmarkt aus, und aus solchen Blasen entweicht die Luft viel langsamer. Auch das trägt dazu bei, dass der Aufschwung am Arbeitsmarkt länger anhält als erwartet. Die Krise wird aber ihren Lauf nehmen – schleichend und heimtückischer als die letzte. Sie folgt nicht der Dramaturgie eines Horrorfilms, sondern eher der eines alten Hitchcock-Thrillers: Das Grauen kommt auf leisen Sohlen.

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Die Gefahr dabei ist, dass Politik und Tarifpartner nicht sehen (wollen), was da auf sie zukommt – und dem Arbeitsmarkt deshalb Belastungen zumuten, die alles noch viel schlimmer machen. Das zeigt zum Beispiel die Forderung von bis zu acht Prozent mehr Lohn, mit der die IG Metall offenbar in die anstehende Tarifrunde gehen will. Das zeigt aber auch die Nonchalance, mit der die große Koalition Mindestlöhne vorantreibt. Die jüngste Mittelstands-Umfrage des DIHK zeigt deren verheerende Wirkung: Danach haben Reinigungsunternehmen, für die seit 2007 Mindestlöhne gelten, ihre Beschäftigungspläne drastisch nach unten gefahren. Das Gleiche gilt für die Sicherheitsbranche, in der Mindestlöhne drohen. So wurde die Chance vertan, im Aufschwung die Deregulierung des Arbeitsmarkts voranzutreiben. Das Zeitfenster dafür schließt sich gerade, ohne dass es in Berlin so richtig wahrgenommen wird. Schade.

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