Konjunkturkommentar: Mehr Gas, bitte, vor der nächsten Krise!

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Kolumne

Europa ist in der Finanzkrise im Gegensatz zu den USA bislang mit einem blauen Auge davongekommen. Doch das heißt nicht, dass wir für einen neuen Ernstfall gewappnet sind.

In der vergangenen Woche hat die US-Regierung ihr bislang schwerstes Geschütz aufgefahren: Die beiden großen Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac werden komplett verstaatlicht, vorerst zumindest. Dabei wird es nicht bleiben: Mittelfristig dürfte ein fundamentaler Umbau der beiden Häuser anstehen. Und auch die zersplitterte US-Bankenaufsicht wird bald einem starken, zentralen Regulierer weichen. Das Signal ist klar: Den ersten Notfalloperationen sollen strukturelle Reformen folgen, die das US-System krisenfester machen.

Und was tut Europa? Sind die europäischen Finanzaufseher vorbereitet, wenn die nächste Krise anrollt? Nein, lautet die klare Antwort von Experten wie Willem Buiter, der sich unlängst auf einer Ökonomentagung in Frankfurt kritisch zu Wort meldete. Die Finanzaufsicht im Euro-Raum sei ein einziger Sumpf, hoffnungslos zersplittert und damit im Ernstfall nicht handlungsfähig. Auf eine gemeinsame Währung könne Europa gut und gerne verzichten, nicht aber auf eine gemeinsame Bankenaufsicht, glaubt der renommierte Professor von der London School of Economics.

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Die Sorgen sind durchaus berechtigt: Niemand kann heute sagen, wer im Euro-Raum als „Lender of Last Resort“ in die Bresche springen würde, wenn eine große europäische Bank vor dem Kollaps stünde. Und würden die nationalen Regierungen, Aufsichten oder die EZB rechtzeitig davon Wind bekommen, wenn etwa das italienische Bankensystem aus dem Ruder liefe? Es ist zu bezweifeln. Dabei sind eindeutige Informations- und Entscheidungswege von zentraler Bedeutung, um in Krisenzeiten schnell, konzertiert und präventiv handeln zu können.

Für einen mächtigen europäischen Regulierer fehlt indes der politische Wille – zu viel nationaler Einfluss steht zur Disposition. Statt der Integration wird einmal mehr die Kooperation beschworen: Die 40 bis 50 grenzüberschreitenden europäischen Finanzkonzerne sollen künftig von sogenannten Supervisory Colleges beaufsichtigt werden, die sich aus Aufsehern und Zentralbankern mehrerer Mitgliedstaaten zusammensetzen. Bis Jahresende wird es rund vier Dutzend dieser Aufsichtsgremien geben, für jeden Konzern eines. Das klingt nach mehr Kontrolle, aber auch nach einer neuen Unübersichtlichkeit und nicht wirklich nach effizienter Kommunikation. Schließlich gibt es noch den neuen Krisenmanagementplan von EZB, nationalen Zentralbanken und Aufsehern, der bei Turbulenzen des Finanzsystems greifen soll. Einige Simulationsübungen hat es schon gegeben – was dabei herauskam, war nicht zu erfahren. Die nächste Krise wird es zeigen. Bis dahin wünschen wir uns etwas mehr Gas, bitte.

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