Konjunkturkommentar: Nicht ins Bockshorn jagen lassen

kolumneKonjunkturkommentar: Nicht ins Bockshorn jagen lassen

Kolumne

Die deutsche Industrie zeigt sich selbstbewusst. Die Wettbewerbsfähigkeit steigt. Doch Vorsicht: Die Volkswirtschaft ist noch lange nicht immun gegen die anrollende Krise.

Krise? Welche Krise? Wer sich in der vergangenen Woche auf der Hannover Messe herumtrieb, war plötzlich auf einem anderen Planeten. Sicher, es wurde über den Euro-Kurs geredet und über die mögliche Rezession in Amerika. Doch fast schien es, als hätte die deutsche Industrie mit alledem nichts zu tun. Pralle Orderbücher im Nacken, blicken Maschinen- und Anlagenbau, Elektro- oder Automatisierungsbranche voller Optimismus in die Zukunft.

Und dann lieferte das Statistische Bundesamt auch noch den makroökonomischen Überbau zur Leistungsschau in Hannover: 2007, so die Statistiker, stiegen die Arbeitskosten in Deutschland nur um 1,0 Prozent – so wenig wie in keinem anderen EU-Land. Deutschland hat also weiter an Wettbewerbsfähigkeit gewonnen. Kann uns das amerikanische Rezessionsvirus jetzt nichts mehr anhaben? Sind wir immun?

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Wohl kaum. An konjunkturellen Wendepunkten ist es immer so, dass erst noch Auftragsbestände abgearbeitet werden. Dass Teile der Industrie derzeit noch nichts von der Krise spüren, bedeutet daher nicht viel. Hinzu kommt: Auch in konjunkturellen Schwächeperioden gibt es immer Branchen, die kräftig weiter wachsen. Es kommt auf den Durchschnitt an: Wenn die deutschen Maschinenbauer trotz aller Widrigkeiten ihr angepeiltes Produktionsplus von fünf Prozent für 2008 erreichen, kann die Branche stolz sein. Für die Gesamtwirtschaft ist das aber kein Aufschwungsignal, denn im vergangenen Jahr legte der Maschinenbau um elf Prozent zu. Und schließlich kann auch die jüngste Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit nicht darüber hinwegtäuschen, dass Deutschland noch immer ein Lohnkostenproblem hat. So liegen die Stundenlöhne in der Industrie innerhalb der EU an vierter Stelle – und weit über dem Durchschnitt.

Fazit: Erstens sollten wir uns von der Hannover-Euphorie nicht ins Bockshorn jagen lassen – die Krise ist unterwegs, und sie wird spätestens im Herbst voll durchschlagen. Und zweitens: Bei den Arbeitskosten ist ein Anfang gemacht, nicht mehr. Wenn wir neben vielen Top-Unternehmen auch wieder mehr wettbewerbsfähige Jobs in Deutschland haben wollen, brauchen wir wieder ein paar Jahre mit moderaten Lohnabschlüssen.

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