Konjunkturkommentar: Tiefe Kratzer

Konjunkturkommentar: Tiefe Kratzer

Die Weltbank hat neu gerechnet: Chinas Wirtschaft ist kleiner als gedacht.

Neulich bei der Weltbank, es war kurz vor Weihnachten: Nachdem die Statistiker in Washington jahrelang Daten gesammelt und herumgerechnet hatten, um nichts weniger herauszufinden als die wahren Größenverhältnisse in der Weltwirtschaft, spuckte der Computer endlich die Ergebnisse aus. Und die hatten es in sich, vor allem dies: Den neuen Berechnungen zufolge ist die chinesische Volkswirtschaft 40 Prozent kleiner als bisher angenommen.

Wie das? Um die Wirtschaftsleistung verschiedener Länder addieren zu können, muss deren Bruttoinlandsprodukt (BIP) in eine gemeinsame Währung umgerechnet werden, in der Regel in Dollar. Das Problem dabei: Die Wechselkurse, zu denen die jeweiligen Währungen an den Finanzmärkten gehandelt werden, schwanken stark und sind von allen möglichen Einflüssen verzerrt, die mit ihrer tatsächlichen Kaufkraft gar nichts zu tun haben.

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Hinzu kommt, dass gerade die Währungen vieler Entwicklungs- und Schwellenländer notorisch unterbewertet sind. Wenn zum Beispiel eine Taxifahrt von der Düsseldorfer Innenstadt zum Flughafen 20 Euro kostet, zahlt man in Bombay für eine vergleichbare Strecke etwa 100 Rupien. Gemessen an der Kaufkraft für diese eine Dienstleistung wäre damit eine Rupie 20 Euro-Cent wert – nach dem aktuellen Wechselkurs sind es aber nur zwei Cent. Deshalb berechnen Ökonomen für Vergleiche der realen Wirtschaftskraft seit jeher lieber ihren eigenen Wechselkurs auf der Grundlage der Preise vergleichbarer Warenkörbe, der die tatsächliche Kaufkraft der Währungen widerspiegelt. Dadurch ergeben sich ganz andere Größenverhältnisse in der Weltwirtschaft als bei einer Umrechnung zu Marktkursen – der Anteil Chinas und Indiens an der globalen Wirtschaftsleistung erhöht sich zum Beispiel beträchtlich.

Dumm nur, dass die bisherigen Berechnungen auf Kaufkraftvergleichen aus den Achtziger- und frühen Neunzigerjahren basierten. Die neuen Zahlen der Weltbank zeigen jetzt: In vielen Schwellenländern hat das rasante Wachstum die Preise stärker in die Höhe getrieben als anderswo in der Welt. Die tatsächliche Wirtschaftsleistung dieser Länder ist deshalb beträchtlich kleiner als bisher gedacht. Auch die Anteile der Schwellenländer an der Weltwirtschaft verringern sich nach der neuen Berechnung: China produziert nur noch zehn Prozent des Welt-BIPs statt, wie bisher angenommen, 14 Prozent. Indiens Anteil verringert sich von sechs auf vier Prozent.

Das ist nicht bloß statistische Haarspalterei. Durch die Aufwärtsrevision des Preisniveaus in Schwellenländern schnellt zum Beispiel die geschätzte Zahl der Menschen, die (in Kaufkraft gerechnet) von weniger als einem Dollar pro Tag leben müssen, kräftig in die Höhe – allein in Indien verdoppelt sie sich auf 800 000. In China dürften 300 000 Menschen in „absoluter Armut“ leben, anstatt wie bisher geschätzt 100.000.

Auch die unmittelbaren Aussichten für die Weltwirtschaft müssen nun neu bewertet werden. So trauten viele Ökonomen China zu, die Rolle der Konjunkturlokomotive von Amerika zu übernehmen. Die Hoffnung: Wenn die USA in eine Rezession geraten, wie derzeit zu befürchten ist, wäre das für den Rest der Welt weit weniger schlimm als in der Vergangenheit. Diese Theorie war angesichts der Bedeutung Amerikas für die Weltwirtschaft ohnehin schon ziemlich gewagt. Nun, da die chinesische Superlativ-Ökonomie auf Normalmaß zurechtgestutzt wurde, wird sie noch unplausibler.

Zumal auch die globalen Wachstumsraten wegen des geringeren Anteils der Schwellenländer niedriger ausfallen: Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat gerade auf die Neuberechnungen der Weltbank reagiert und das globale Wachstum der vergangenen Jahre um jeweils einen halben Prozentpunkt nach unten revidiert. Damit ist die Weltwirtschaft 2007 nicht um 5,2 Prozent gewachsen, wie vom IWF im Oktober geschätzt, sondern nur um 4,7 Prozent. Das ist zwar immer noch viel, aber eben nicht mehr ganz so außergewöhnlich, wie es bisher den Anschein hatte. Der Nimbus der Krisenresistenz, der dem jüngsten Aufschwung der Weltwirtschaft anhaftete, hat jedenfalls einige tiefe Kratzer bekommen.

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