Konjunkturprognosen: Ist Deutschlands Aufschwung nur geliehen?

Konjunkturprognosen: Ist Deutschlands Aufschwung nur geliehen?

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Die Konjunkturaussichten sind da: IfW, DIW, IWH und Allianz stimmen in vielen Punkten überein, sind sich bei den Wachstumsprognosen aber nicht ganz einig.

Die Konjunktur läuft auf Hochtouren. Droht die Wirtschaft also bald zu überhitzen? Ökonomen sind sich uneinig. Außerdem drängt sich die Frage auf: Ist das deutsche Wirtschaftswachstum nur geliehen?

Laut den Volkswirten der Allianz sei das deutsche Wirtschaftswachstum seit 2008 weitgehend von dem privaten und öffentlichen Konsum getragen. Das Problem: Die Investitionen sind zu gering. Würden diese steigen, käme eine dritte Säule für das deutsche Wirtschaftswachstum hinzu. Laut Allianz seien die Aussichten für steigende Investitionen in den nächsten Monaten besonders im Bereich der Bau-und Ausrüstungsinvestitionen günstig. Die Unternehmen seien liquide, die Finanzierungskonditionen sind günstig.

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Droht eine Überhitzung?

Die momentan geringen Investitionen der Unternehmen sieht der ehemalige EZB-Ökonom Marcel Fratzscher vom Berliner Institut DIW positiv. Das DIW erwartet ein Wachstum von 1,9 Prozent und nennt verhalten steigende Löhne und Preise neben den geringen Investitionen als Gründe dafür, dass der Wirtschaft aus seiner Sicht keine Überhitzung drohe. Laut ihren Prognosen sinke das Wirtschaftswachstum im Jahr 2019 auf 1,6 Prozent ab, ohne unterwegs zu überhitzen.

Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (ifW) sieht das anders. Es erhöhte seine Wachstumsprognose auf 2,0 Prozent, für 2018 sogar auf 2,2 Prozent. „Die deutsche Wirtschaft steigert ihre Leistung schneller, als ihr guttut“, schreibt das ifW und widerspricht somit den DIW-Ökonomen. Laut ifW kann ein starkes Wachstum zu späteren schmerzhaften Korrekturen führen.  

Aber was ist besser? Die Investitionen gering halten, um keine Überhitzung zu riskieren? Oder die Investitionen steigern, um die Finanzierungsüberschüsse der Unternehmen zu senken und die Innovationstätigkeit und somit das Wirtschaftswachstum weiter anzutreiben? Laut Allianz seien die Unternehmen dazu kaum angehalten, weil die Konjunktur ihnen in den vergangenen Jahren gut zugespielt habe. Die Unternehmen scheinen sich also für Variante eins zu entscheiden.

Konjunkturindikatoren

  • ZEW-Konjunkturerwartungen

    Der vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) herausgegebene Index beruht auf der Befragung von 350 Analysten und Finanzmarktexperten. Sie geben dabei ihre Einschätzung über die künftige Wirtschaftsentwicklung ab. Der Index zur mittelfristigen Konjunkturentwicklung ergibt sich aus der Differenz der positiven und negativen Erwartungen über die künftige Wirtschaftsentwicklung. Er wird zur Monatsmitte erhoben.

  • ifo-Index

    Der international beachtete Index basiert auf einer Befragung von etwa 7000 Unternehmen aus Bau, Einzelhandel und Industrie. In einem Fragebogen beurteilen sie ihre gegenwärtige Geschäftslage sowie die Erwartungen für die Zukunft. Beide werden im Geschäftsklima zusammengefasst. Der Index ergibt sich aus dem Saldo der Antworten gut und schlecht.

  • Einkaufsmanagerindex

    Wird von der britischen Forschergruppe Markit erhoben. Er beruht für Deutschland auf Umfragen unter Einkaufsmanagern von 500 repräsentativ ausgewählten deutschen Industrieunternehmen. Bestandteile des Index sind Auftragseingänge, Preise und Beschäftigung. Der Index hat einen relativ kurzen Vorlauf gegenüber der Produktion.

  • Geldmenge (M1)

    Umfasst den Bargeldumlauf und die Sichteineinlagen, wie zum Beispiel Sparbücher. Da die in M1 enthaltenen Bestandteile direkt für Transaktionen zur Verfügung stehen, deutet ein Anstieg darauf hin, dass die Kaufbereitschaft der Konsumenten und Unternehmen steigt. Der Indikator hat einen Vorlauf von zwei bis drei Quartalen.

     

  • Baltic Dry Index (BDI)

    Der BDI ist ein Preisindex für die Verschiffungskosten wichtiger Rohstoffe wie Stahl, Eisenerz, Kohle und Getreide auf Standardrouten. Er wird durch das Angebot an frei stehendem Schiffsladeraum und die Hafenkapazitäten beeinflusst. Da Rohstoffe als Vorprodukte am Anfang der Wertschöpfungskette stehen, ist der BDI ein guter Frühindikator für die Weltkonjunktur.

  • GfK-Konsumklimaindex

    Der Index des Nürnberger Marktforschungsinstituts GfK prognostiziert die Veränderung der monatlichen privaten Konsumausgaben. Hierfür werden 2000 repräsentativ ausgewählte Personen nach ihren Einkommens- und Konjunkturerwartungen befragt.  

     

EZB-Politik hilft den großen Industrieländern

Bleiben der Preisauftrieb und die Lohnwachstumsrate in Deutschland trotz der guten Konjunktur verhalten, rechnet die Allianz für 2018 mit weniger starken Zunahmen des privaten Konsum als 2017. Jedoch setzen sie auf eine doppelt so hohe Zuwachsrate der realen Ausrüstungsinvestitionen im Jahr 2018. Laut den Allianz-Ökonomen könnte das reale Bruttoinlandsprodukt 2018 um 2,0 Prozent steigen. Begünstigt ist dies durch die lockere EZB-Geldpolitik und die geringen Preis-und Lohnwachstumsraten.

Der Berliner Forscher Fratzscher wirft noch ein anderes Thema in den Konjunktur-Topf. Für ihn ist die gute Konjunktur mehr Schein als Sein. „Der Aufschwung wird nicht von Dauer sein, denn er ist zu einem guten Teil geliehen. Die niedrigen Zinsen und die sehr gute Arbeitsmarktsituation werden nicht von Dauer sein.“

Weniger Arbeitslose trotz hoher Zuwanderung

Auch der Arbeitsmarkt profitiere von den aktuellen Marktbedingungen. Die Allianz prognostiziert eine weiter sinkende Arbeitslosenrate trotz gestiegener Erwerbsbevölkerung (Arbeitssuchende und Arbeitslose). Gestiegen ist die Erwerbsbevölkerung unter anderem aufgrund der hohen Zuwanderungszahlen. Trotzdem halte sich der deutsche Arbeitsmarkt wacker. Die Zahl der Arbeitslosen kann 2017 um 146.000 auf etwa 2.543.000 Personen sinken.

Wirtschaft der Währungsunion Erst Boom, dann Bust

Die Wirtschaft in der Euro-Zone wächst so stark wie in den USA. Höchste Zeit für die EZB, die Geldpolitik zu straffen. Sonst könnte sich das in Form einer neuen Euro-Krise bitter rächen.

Die Wirtschaft in der Euro-Zone legte im vierten Quartal 2016 um 0,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal zu – fast so kräftig wie in den USA (plus 0,5 Prozent). Quelle: dpa

Wie geht es anderen EU-Ländern?

Die Produktion stieg laut dem Ökonomen Oliver Holtemüller vom Forschungsinstitut IWH im zweiten Quartal in den USA, China und Japan deutlich schneller als zu Jahresanfang. Dies sei auch der EZB-Politik zu verdanken. Sie schiebe die Konjunktur in den Industriestaaten an. Bei Wachstumsprognosen zwischen 1,9 und 2 Prozent kann auch Deutschland nicht meckern. Allerdings konnten die Euro-Zonen-Schwergewichte Frankreich und Italien mit dem deutschen Wachstumstempo nicht ganz Schritt halten. Die Wirtschaftsleistung legte dort nur um 0,5 Prozent beziehungsweise 0,4 Prozent zu. Im Großen und Ganzen sieht Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der KfW Bankengruppe die Euro-Zone weit vorne. Er schätzt, dass das BIP im gesamten Währungsraum 2017 um 2,2 Prozent zulegen wird. „Damit wäre 2017 in der Euro-Zone das wirtschaftlich erfolgreichste der vergangenen zehn Jahre.“

Der Berliner Forscher Fratzscher wirft noch ein anderes Thema in den Konjunktur-Topf. Er sagt: „Der Aufschwung ist nur geliehen!“ Für ihn ist die gute Konjunktur mehr Schein als Sein. „Der Aufschwung wird nicht von Dauer sein, denn er ist zu einem guten Teil geliehen. Die niedrigen Zinsen und die sehr gute Arbeitsmarktsituation werden nicht von Dauer sein.“

Mit Material von Reuters

 

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