Kritik am freien Handel: Ist der Kapitalismus am Ende?

Kritik am freien Handel: Ist der Kapitalismus am Ende?

von Tim Rahmann

Unser Wirtschaftssystem gerät unter Druck: Steigende Arbeitslosigkeit und die Angst ums Ersparte in den Industrieländern radikalisieren die Bürger. Zudem sind die Wachstumsmöglichkeiten begrenzt. Was uns nun droht.

Uwe Möller, graue Haare, grüner Pullover und ein sympathisches Lächeln, sitzt auf der Couch und redet. Er erzählt von den Reibereien mit seiner Frau, wenn sie mal wieder fröstelt, weil Möller die Raumtemperatur im heimischen Wohnzimmer in Hamburg auf 20 Grad drosselt, um Energiekosten zu sparen. „Ich sage dann: ,Zieh‘ einen Pullover über und schnappe Dir die Decke; ist doch gemütlich!‘“, berichtet der 78-Jährige und grinst schelmisch.

Er spricht von seinen Kindern und Enkelkindern und von den Jungen und Mädchen aus der Dritten Welt, für die er eine Patenschaft übernommen hat. „Ich kann denen leider nicht allen helfen, aber man tut was man kann“, sagt er. Zu Weihnachten wünsche er sich jedenfalls keine Geschenke von seiner Familie, sondern dass auch sie eine Patenschaft übernehmen.

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Möller wirkt nachdenklich, dann wird seine Stimme ernster und der gutmütige Familienmensch wird zum strengen Crashpropheten: „Es läuft einiges schief auf der Welt. Wir überstrapazieren unseren Planeten. Das geht nicht mehr lange gut“, sagt Möller, der ehemalige Generalsekretär des wachstumskritischen Club of Rome.

Die Menschen würden die Ressourcen in einem Maße verschlingen, wozu vor allem der nachholende Wohlstandsbedarf der armen Menschenmassen des „Südens“ in den kommenden Jahrzehnten dramatisch beitragen wird, so dass wir eigentlich drei Planeten bräuchten. „Eine Dematerialisierung der Wirtschaft ist daher dringend erforderlich.“ Die Wirtschaft müsse ressourcen-effizienterer Technologien entwickeln und einsetzen. Notwendig wäre auch ein Umdenken der Bürger: weg vom „Turbokapitalismus“ hin zu einer „postmateriellen Gesellschaft“, sagt Möller.

Die wichtigsten Begriffe in der Kapitalismus-Debatte

  • Geldmenge

    Unter Geldmenge versteht man den gesamten Bestand an Geld, der in einer Volkswirtschaft zur Verfügung steht. Die Geldmenge kann durch Geldschöpfung erhöht und durch Geldvernichtung gesenkt werden. In der Volkswirtschaftslehre und von den Zentralbanken werden verschiedene Geldmengenkonzepte unterschieden, die mit einem M, gefolgt von einer Zahl bezeichnet werden. Für M1 und die folgenden Geldmengenaggregate M2 und M3 gilt stets, dass das Geldmengenaggregat mit einer höheren Zahl das mit einer niedrigeren einschließt. Eine niedrigere Zahl bedeutet mehr Nähe zur betrachteten Geldmenge und zu unmittelbaren realwirtschaftlichen Transaktionen. Die Geldbasis M0 stellt die Summe von Bargeldumlauf und Zentralbankgeldbestand der Kreditinstitute dar. Geldvolumen M-1 = Bargeldumlauf ohne Kassenbestände der Banken, aber einschließlich Sichteinlagen inländischer Nichtbanken. M-2 = Geldvolumen M-1 zuzüglich Termingelder inländischer Nichtbanken mit Laufzeiten unter vier Jahren. M-3 = Geldvolumen M-2 zuzüglich Spareinlagen inländischer Nichtbanken mit gesetzlicher Kündigungsfrist.

  • Goldparität

    Die Goldparität ist der fixierte Wert einer Währungseinheit gegenüber dem Goldpreis. Sie entspricht der Menge von Gold in Gramm, die man für eine Währungseinheit erhält. Diese Menge ist im Rahmen eines Goldstandards staatlich oder durch internationale Vereinbarungen festgelegt. Über den Wert des Goldes ist damit der Wert der Währung bestimmt. Bei der Goldparität handelt sich um einen Sonderfall der Wechselkursparität. Ein mögliches Beispiel hierfür ist die Festlegung des Wertes des Dollars im Bretton-Woods-System. Die Goldparität des Dollars besteht jedoch seit Ende der 1960er nicht mehr, da sie durch Sonderziehungsrechte des Internationalen Währungsfonds ersetzt wurde.

  • Schleichende Inflation

    Bezeichnung für eine Inflation, bei der die Preise langsam, nahezu unmerklich steigen. Meist wird von schleichender Inflation bei relativ geringen jährlichen Preissteigerungsraten von unter 5 Prozent gesprochen.

  • Kapital

    In verschiedenen Bedeutungen verwendeter Begriff. Wird häufig den Begriffen Geld oder Vermögen gleichgesetzt. Volkswirtschaftlich einer der drei Produktionsfaktoren neben Arbeit und Boden. Gesamtwert aller Güter, mit denen die Unternehmung arbeitet (Aktivseite der Bilanz). Buchhalterisch die Posten des Gesamtvermögens, die auf der Passivseite der Bilanz ausgewiesen werden. Auch: für Investitionen zur Verfügung stehendes Geld (Geldkapital).

  • Markt

    Der Markt ist ein ökonomischer Ort des Tausches, an dem sich durch ein Zusammentreffen von Angebot und Nachfrage Preise bilden.

  • Staatsquote

    Beziffert, welchen Anteil des BIP der Staat und die Sozialversicherungen ausgeben.

  • Steuern

    Steuern sind Zwangsabgaben, die ein öffentlich-rechtliches Gemeinwesen (der Staat) von Personen oder Unternehmen verlangt, um seinen Finanzbedarf zu decken und seine Aufgaben erfüllen zu können. Steuern sind die Haupteinnahmequelle von Bund, Ländern und Gemeinden. Ein Anspruch auf eine konkrete Gegenleistung besteht nicht. Rechtliche Grundlage für alle Steuern in Deutschland ist die Abgabenordnung (AO). Über Steuern hat der Staat die Möglichkeit, das Verhalten seiner Bürger zu lenken, z.B. kann die Erhöhung der Tabaksteuer oder der Stromsteuer zu einem verminderten Konsum führen. Wenn die persönlichen Verhältnisse von Steuerpflichtigen berücksichtigt werden, handelt es sich um Personen-Steuern, ansonsten um Objekt-Steuern. Artikel 106 im Grundgesetz teilt die Steuern in vier Kategorien ein: Gemeinschaftssteuern (Verbundsteuern), Bundessteuern, Ländersteuern und Gemeindesteuern.

Der Hamburger Ökonom trifft mit seinen Thesen einen Nerv. Das Platzen der Dotcom- sowie der Immobilienblase, die Schulden- und die Eurokrise sowie die Begleiterscheinungen der Globalisierung – Arbeitsplatzverlagerungen, Steuerschlupflöcher, Vermögensverschiebungen – haben Verunsicherung geschaffen und  den Weg in die große Krise des Kapitalismus gesäumt.

Macht ökonomisches Denken eine Gesellschaft ärmer, wie Autor Philip Roscoe behauptet? „Stirbt der Kapitalismus?“, wie Immanuel Wallerstein zusammen mit vier weiteren namhaften Wissenschaftler in einem gleichnamigen Buch fragt oder handelt sich bei dem Satz „Wachstum ist schlecht“ um einen klassischen Wirtschaftsirrtum?

Kapitalismus sorgte zunächst für Wohlstand für alle

„Die Menschen haben seit jeher vom Fliegen geträumt, nicht weniger wie von sozialer Gerechtigkeit“, schreiben Immanuel Wallerstein, Randall Collins, Michael Mann, Georgi Derluguian und Craig Calhoun. Auf beiden Feldern gab es Momente, die Hoffnungen weckten – und Momente, die verzweifeln ließen.

Heißluftballons und Zeppeline stiegen nach Jahrhunderten der Experimente in die Luft, am 6. Mai 1937 fing die „Hindenburg“ Feuer und beendete eine Ära. Der Kapitalismus sorgte in Deutschland ab Mitte der 1950er-Jahre für Wohlstand für alle, VW-Käfer rollten über den Brennerpass. Es kamen die Ölkrise, die deutsche Einheit, die Jahrtausendwende und eine Automatisierungswelle – und ewig stieg die Ungleichheit.

Die Autoren des Buches "Stirbt der Kapitalismus?" - das Buch ist im Campus-Verlag erschienen - sprechen vom Zusammenbruch des Kapitalismus. Quelle: PR

Die Autoren des Buches "Stirbt der Kapitalismus?" - das Buch ist im Campus-Verlag erschienen - sprechen vom Zusammenbruch des Kapitalismus.

Bild: PR

Inzwischen sollen in Deutschland laut dem Paritätischen Wohlfahrtsverband 15,2 Prozent der Deutschen arm sein. In den USA verdienen die Chefs der prominenten Fast-Food-Ketten mehr als 1000 Mal so viel wie die durchschnittlichen Angestellten – und in Schweden, 1996 noch die weltweit am meisten gleichgestellte Gesellschaft, ist die Kluft zwischen Arm und Reich seit 2007 so stark gewachsen, wie nirgendwo sonst.

Der Traum der sozialen Gerechtigkeit „blieb ein Traum“, schlussfolgern die Autoren von „Stirbt der Kapitalismus?“. Die Ergebnisse der vergangenen Jahre seien „mäßig oder schlicht katastrophal“. Eine Trendwende sei nicht in Sicht. Im Gegenteil: Der Kapitalismus stoße an seine Grenzen, vieles deute auf einen Zusammenbruch hin.

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8 Kommentare zu Kritik am freien Handel: Ist der Kapitalismus am Ende?

  • Letztlich ist Nachhaltigkeit gefragt. Aber es fängt bei jedem selber an (zB durchschnittliche Wohnungsgröße vermindern, weniger Fleischverbrauch, öffentliche Verkehrsmittel nutzen, keine oder viel weniger Urlaubsflüge...), doch dem steht der Egosimus und die liebgewordene Lebensgewohnheit entgegen. Die Gesellschaft ist ja nicht mal in der Lage, eine Bevölkerungsverringerung, auf zB langfristig 50 Mio in Deutschland, ohne kompletten Zusammenbruch der Sozialversicherungen und Staatsfinanzen, zu bewältigen. Letztlich bedeutet Nachhaltigkeit auch teilwiese Konsumverzicht und geringere Ansprüche gegen den Staat oder die Gesellschaft. Bisher hat die Geschichte gezeigt, dass große Veränderungen nur mit großem Leid einherkommen - leider.

  • Herr Schmidt ich kann ihren Ausführungen nur vollumfänglich beipflichten.
    Die liebgewonnenen Lebensgewohnheiten sind auch zum großen Teil der geradezu verantwortungslosen BEQUEMLICHKEIT der Bevölkerung in den industrialisierten Ländern zuzuschreiben. Thema Nachhaltigkeit verbunden
    mit Umweltschutz und Zukunftsfähigkeit....alles schreit ABSOLUT WICHTIG UND NOTWENDIG um auch den nachfolgenden Generationen eine Lebensgrundlage
    zu erhalten. Nur bei der UMSETZUNG zeigt man dann gerne mit dem Finger
    auf den Anderen...den Nachbarn. Er bzw. Sie sollen mal mit gutem Beispiel
    vorangehen und dann kann ich ja immer noch folgen!!!!!!!!!!!!!!

  • Nicht der Kapitalismus ist am Ende, sondern unser bisheriges Finanzbetrugssystem. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Der Wohlstand der westl. Ind.staaten beruht fast ausschließlich auf Ausbeutung der Ressourcen, billige Arbeitskräfte durch die Globalisierung, ebenso auf Wirtschaftswachstum, das durch vorherige Zerstörung und Wiederaufbau wie durch WK I+II entstanden ist.
    Das Problem des Zusammenbruchs des westl. Finanzbetrugssystem, das seit 2007 durch immer neue und immer mehr Billionen am Leben erhalten wird, liegt am Geld- und Zinssystem, wo eine natürliche Grenze gegeben ist, die wir bereits überschritten haben.
    Die Lösung wäre ein Reset des Finanzbetrugssystems, ein Trennbankensystem, die Geldschöpfung zurück in staatliche Hände und in Europa die Wiedereinführung der Landeswährungen.
    Damit könnte Wohlstand bis in den hintersten Winkel des Amazonas für ALLE Bürger geschaffen werden und Kriege damit sinnlos!

    Doch genau diese Lösung wollen die 1% und deren Lobbyisten in den Regierungen mit aller Gewalt verhindern – notfalls wieder mit einem neuen Krieg auf dem Boden Europas.

    „Würden die Menschen das Geldsystem verstehen, hätten wir eine Revolution noch vor morgen früh“
    Henry Ford (30. Juli 1863 † 7. April1947)

    Allein zwischen Okt. 2008 und Okt. 2010 erhielten Europas Bankster von den „stupid“ Steuerzahlern 4589 Mrd. Euro geschenkt – Rückzahlung unmöglich. Damit könnte man die nächsten 100 Jahre jedem Europäer ein vernünftiges staatliches Einkommen bezahlen – so wie in Saudi-Arabien.

    http://siggi40.de/geld-iii/

    „Das unverzeihliche Verbrechen Deutschlands vor dem Zweiten Weltkrieg war der Versuch, seine Wirtschaftskraft aus dem Welthandelssystem herauszulösen und ein eigenes Austauschsystem zu schaffen, bei dem die Weltfinanz nicht mehr mitverdienen konnte.“ (Winston Churchill)

    „Gebt mir die Kontrolle über das Geld einer Nation und es kümmert mich nicht länger wer die Gesetze macht“. M.A. Rothschild 1744-1812

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