ThemaSchwellenländer

alles zum Thema
_

Lahmende BRIC-Staaten: Konjunkturalarm am Weltmarkt

von Florian Willershausen, Anne Kunz, Christian Ramthun und Christian Schlesiger

Jahrelang lief die deutsche Ausfuhr im Windschatten der BRIC- Staaten auf Hochtouren. Jetzt purzeln in Brasilien, Russland, Indien und China die Wachstumsraten. Säuft der Motor der Weltwirtschaft ab? Nein, sagen Experten. Aber das Turbo-Wachstum dieser vier Schwellenländer ist passé. Die deutschen Exporteure stellen sich auf magere Zeiten ein – und die Konjunktur gerät in Gefahr.

Grafik Deutscher Außenhandel mit den BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China
Klicken Sie auf die Grafik, um eine vergrößerte Ansicht zu erhalten

Anzeige

Wenn Englands Investmentguru Jim O’Neill der deutschen Sprache mächtig wäre, hätte er wohl eine andere Wortschöpfung kreiert. Im August empfahl der Chef der Vermögensverwaltung der Investmentbank Goldman Sachs, Erspartes in MIST-Staaten anzulegen. O’Neill versteckt hinter diesem Kürzel die Länder Mexiko, Indonesien, Südkorea und Türkei – Märkte, in denen aus seiner Sicht bald richtig die Post abgeht.

Vor zehn Jahren schon hatte O’Neill mit einem anderen Vier-Buchstaben-Kürzel einen weltweiten Erfolg gelandet. Damals entdeckte er die BRIC-Staaten als Wachstumsturbo der Weltwirtschaft. Sie beschleunigten vor allem auch die deutsche Exportwirtschaft, die vom Aufschwung in Brasilien (siehe 'Flaute am Zuckerhut' , Russland, (siehe 'Russland hängt am Öl wie ein Junkie an der Nadel') Indien und (siehe 'Indien taumelt am Rande einer Krise' ) China (siehe 'Mit Chinas Turbo-Wachstum ist es aus') übermäßig profitierte. Binnen zehn Jahren steigerte das Quartett den Anteil an der Weltwirtschaftsleistung von 11 auf 25 Prozent. Die deutschen Exporte in diese Länder verdreifachten sich.

Ausnahmeerscheinung Turbo-Wachstum

Jetzt zeigt sich, dass das Turbo-Wachstum in diesen vier Ländern eine Ausnahmeerscheinung war: Russland und Brasilien profitierten von hohen Rohstoffpreisen, China vom hohen Staatskonsum, Indien vom rasanten Bevölkerungswachstum. Dazu kommt: „BRIC-Länder sind zehn Jahre über dem Durchschnitt gewachsen, da ein Entwicklungsdefizit enorme Nachfrageschübe bei Konsum- und Industriegütern befeuert hat“, sagt Dirk Hällmayr vom Wirtschaftsprüfungsunternehmen Deloitte in Frankfurt.

Nun ist der Aufholprozess weit gediehen. Zwar wachsen alle vier Länder weiter (siehe Länderporträts Brasilien, Russland, Indien, China). Aber „das langfristige Wachstum in den BRIC-Staaten wird sich abschwächen“, sagt Dirk Schumacher, Chefvolkswirt für Europa bei Goldman Sachs.

Schlusslicht Brasilien

Reales Wirtschaftswachstum der Bric-Staaten

 

2010

2011

2012

Brasilien

7,5 %

2,7 %

2,5 %

Russland

4,3 %

4,3 %

3,0 %

China

10,4 %

9,2 %

8,4 %

Indien

8,2 %

7,5 %

5,9 %

Quelle: HSBC

Hohe Exportvolumina

Für die deutsche Wirtschaft hat dies einschneidende Folgen. Zu sehr haben sich hiesige Unternehmen an zweistellige Zuwächse in den BRIC-Staaten gewöhnt. Kippelig ist die deutsche Konjunktur schon jetzt: Hohe Exportvolumina von mehr als einer Billion Euro jährlich gaben ihr bis zuletzt noch Stabilität. Doch sinkt die Ausfuhr, kommt der Abschwung. Ist Deutschlands sonderbarer Boom infolge des Abschwungs der Weltwirtschaft und der Euro-Krise schon bald vorbei?

Das Schreckgespenst der Rezession geht wieder um. Wenn Brasilien, Russland, Indien und China die Puste ausgehe, werde „die weltweite Nachfrage nach deutschen Produkten erheblich leiden“, sagt Kai Carstensen, Konjunkturchef beim Münchner ifo Institut.

Wirtschaftliches Zentrum

China ist nach Frankreich und den Niederlanden nicht nur Deutschlands drittwichtigster Handelspartner, sondern auch das wirtschaftliche Zentrum Asiens. Wenn China schwächelt, spüren das auch Länder wie Indonesien oder Malaysia – ebenfalls wichtige Absatzmärkte deutscher Exporteure.

Rückgang der Zuwächse Mit Chinas Turbo-Wachstum ist es aus

Die Zeiten der gigantischen Wachstumsraten sind passé – aber deutsche Unternehmen können sich auch über bescheidenere Zuwächse auf dem chinesischen Markt freuen.

Rückgang der Zuwächse: Mit Chinas Turbo-Wachstum ist es aus

Deutsche Konjunkturforscher haben das im Blick. Rolf Langhammer, Vizepräsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, sagt: „Eine deutliche Schwächung von Chinas Wachstums würde die deutsche Exportwirtschaft stark treffen.“

Die Zeichen, dass es so kommen könnte, mehren sich. Indien meldete jüngst das schwächste Quartalswachstum seit vier Jahren. In China, wo sich Investoren an zweistellige Zuwächse bei Konsum und Industrieproduktion gewöhnt hatten, zeigen fast alle Konjunkturindikatoren nach unten. Im Rohstoffreich Russland kommt der Konsum ins Stocken, Brasilien schockt mit schrumpfender Industrieproduktion.

2 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 04.09.2012, 09:51 Uhrhanji

    "In seinem MIST-Konzept zählt er neben Mexiko, Südkorea und der Türkei auch Indonesien als verheißungsvollen Zukunftsmarkt auf." Da ist von Alternativen zu den mutmaßlich lahmenden BRICs die Rede. Und Goldman Sachs wirft allen Ernstes einen kleinen, postmodernen Cyberstaat mit längst gesättigtem Konsumniveau, überentwickelter, topmoderner Infrastruktur, rasanter Überalterung und schrumpfender einheimischer Bevölkerung in einem Fondstopf mit 3 Schwellen-/Entwicklungsländern: Südkorea. Und noch absurder: Selbst Magazine dwie die WW rucken diesen volkswirtschaftlichen Unsinn ohne kritischen Kommentar ab. Dabei würde schon eine schnelle Internet-Recherche zeigen, dass das sozio-ökonomoische Profil von Südkorea etwa dem von Japan oder Finnland entspricht, also genau das Gegenteil der drei MI_T Länder.

  • 04.09.2012, 08:31 Uhrplaidt

    Es ist fast nicht mehr auszuhalten: Alle Pressemedien und natürlich auch die Wirtschaftswoche berichten uns, ob wir es hören wollen oder nicht, das das Wirtschaftswachstum wieder mal sinkt und dadurch auch der Konjunkturalarm ausgelöst werden muss.
    Liebe Schreiberlinge! Das wusste doch jeder aufgeklärte Bürger schon lange, das in einer Finanzkrise, die einfach nicht gelöst wird die Konkunktur in Gefahr ist. Was ist daran neues? Sollen jetzt die Löhne noch mehr runter? Oder was wollen Sie?
    Nach neoliberalem Verständnis dürfen doch Löhne und Renten nicht steigen, denn das ist ja inflationierend. Aber gleichzeitig ergießt sich eine der konservativsten Politikerinnen unseres Landes, nämlich die Ursula von der Leyen, in Mitleid mit den immer ärmer werdenden Rentnern.
    Wissen Sie was? Ich finde euch langweilig ihr Schreiberlinge.
    Arnold Dreis

Alle Kommentare lesen
weitere Fotostrecken

Blogs

Flattern auf der Stelle
Flattern auf der Stelle

Die SPD feiert pompös 150 Jahre Vergangenheit – und hat keine Zukunft, weil sie sich erst vergessen und dann selbst...

Das Aktuelle Heft

Wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 21 vom 18.05.2013

iTunes Vorschau - WirtschaftsWoche

    Folgen Sie uns im Social Web

Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.