Lehre: Krisen-Doktor erklärt den Staatsbankrott

Lehre: Krisen-Doktor erklärt den Staatsbankrott

Bild vergrößern

Henrik Enderlein

von Christian Ramthun

Henrik Enderlein will an der Hertie School of Governance in Berlin die politische Ökonomie neu beleben. Sein Fachgebiet: der Staatsbankrott.

Das theoretische Ausfallrisiko eines Triple-A-Schuldners liege bei 1782 Jahren. Aus der Wirtschaftsgeschichte wisse man aber, dass es alle zwölf Jahre zu einer größeren Finanzmarktkrise komme, in der selbst erstklassige Forderungen nicht bedient würden. Kurz, hart und prägnant sind die Beispiele, mit denen Henrik Enderlein jongliert – in diesem Fall, um die mathematische Ökonomie mit ihrer so verlockenden Präzision zu entzaubern.

Enderlein zählt zur jungen Garde Wissenschaftler, die sich nicht von Dogmen eingrenzen lassen und die der politischen Ökonomie wieder mehr Gehör verschaffen wollen. Zu sehr, sagt der 38-Jährige, hätten sich die Wirtschaftswissenschaften in den Siebziger- und Achtzigerjahren mathematisiert, von der Lebenswirklichkeit entfernt – und der Politik nichts mehr zu sagen. Wie sehr, kann jeder Bürger im Fernsehen beobachten, wenn etwa die führenden Ökonomen Deutschlands im Herbst ihr Jahresgutachten an die Bundeskanzlerin überreichen – und diese sich nach einer kurzen Dankesfloskel gleich wieder ihren Regierungsgeschäften zuwendet.

Anzeige

Zentrale Lage

Enderlein will die entstandenen Parallelwelten von Wissenschaft und Politik wieder vereinen. Dazu bietet ihm die praxisorientierte Hertie School of Governance den richtigen Rahmen. Dort werden Hochschulabsolventen in einem zweijährigen Studiengang („Master of Public Policy“) auf öffentliche Führungsaufgaben vorbereitet. Hier lehrt Enderlein politische Ökonomie und ist gleichzeitig stellvertretender Dekan. Die Lage der Privatuniversität in der Berliner Friedrichstraße könnte nicht passender sein – exakt zwischen dem Bundesfinanzministerium und der Humboldt-Universität.

Promoviert hat Enderlein vor zehn Jahren am Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung über die „Auswirkungen der Wirtschafts- und Währungsunion in Europa auf Steuer- und Lohninstitutionen in den Mitgliedstaaten“. Eine Dissertation mit Weitsicht. Dank Euro-Krise ist der Hertie-Professor heute ein gefragter Gesprächspartner in Medien und Politik.

Auch sein zweiter Forschungsschwerpunkt, finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, ist erschreckend aktuell: Schuldenkrisen und Staatsbankrotte. Seit 2005 hat er nach eigenen Angaben die umfangreichste Datenbank über Staatsbankrotte zusammengetragen. 227 Fälle soll es demnach seit den Achtzigerjahren gegeben haben. Gute und schlechte Bankrotte seien darunter. Uruguay etwa habe einen „kooperativen Staatsbankrott“ hingelegt. Kooperativ, weil sich das kleine südamerikanische Land mit seinen Privatgläubigern auf einen Haircut von zehn Prozent verständigte und dank dieses Einvernehmens rasch an die Kapitalmärkte zurückkehren konnte. Ganz anders Argentinien, das für einen „unkooperativen, aggressiven Bankrott“ stehe, weil es einseitig seine Schulden zusammenstrich. Daran knabbert das Land noch immer.

Und nun Griechenland: Die Ungewissheit, was die Regierung in Athen wirklich wolle, verunsichere die Wirtschaft, treibe die Risikoprämien in die Höhe und erschwere den Kapitaldienst, analysiert der Ökonomie-Professor. Seine Prognose: „Ich gehe davon aus, dass sich der Staatsbankrott bei Griechenland nicht verhindern lässt.“ Allerdings dauerten politische Entscheidungsprozesse, zumal es hier nicht allein um einen schwächelnden Euro-Partner gehe, sondern gleich um mehrere und nicht zuletzt auch um deutsche Problembanken mit Griechen-Papieren im Depot. Vor allem aber gehe es beim Euro um ein europäisches Integrationsprojekt, das die Politik nur bedingt wirtschaftlichen Zwängen unterordnen wolle. Für Enderlein wieder ein Beispiel, dass die politische Ökonomie eher eine gesellschaftswissenschaftliche Disziplin sei, bei der mathematische Formeln versagten.

Einen Exkurs zur Europäischen Zentralbank zwischen 2001 und 2003 hat Enderlein dazu genutzt, sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter tief in die Finessen der Währungspolitik hineinzufuchsen. Doch die sichere Lebensstellung als EU-Beamter hat er ausgeschlagen und eingetauscht gegen eine wissenschaftliche Karriere. Nach einer Juniorprofessur an der Freien Universität Berlin wechselte er 2005 zur damals frisch gegründeten Hertie School of Governance. 

Anzeige

3 Kommentare zu Lehre: Krisen-Doktor erklärt den Staatsbankrott

  • Meine verstorbene Oma hatte mehr drauf,als dieser Grünschnabel !!!

    Plappert nur RTL nach !!!

  • Die Oma hätte ich gern kennengelernt. Muss ein teufelsweib gewesen sein!

  • Die bekannten Standardwerke für volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, Geld und Kredit und Kreislaufanalysen reichen völlig aus. Ein besuch im Fachbuchverlag Vahlen lohnt sich hier mehr.

    Die Euroeinführung war und ist für Deutschland ein unüberschaubares Risiko. bereits vor der Euroeinführung konnte man sich auf seriösen informationsveranstaltung (durchgeführt von renomierten VWL-Professoren) die Folgen der Euroeinführung für Deutschland vor Augen führen lassen. Selbst vielen normalen bürgern waren die Risiken bekannt (wir arbeiten für weiches Geld, die anderen drucken das Geld) --> Saldierung von Leistungsbilanzüberschüssen und -defiziten, Umlenkung von Kaptialströmen von 2002 bis 2007, dann Zentralbankfinanzierungen, jetzt Rettungsschirme.

    Die Erkenntnisse hatte der normale bürger und der einfache Wirtschaftsfachmann schon weit vor der Euroeinführung. Dazu brauchte und braucht man keine Promotion oder eine Professur. Nur willige und folgsame Politiker und Medienmacher!

Alle Kommentare lesen
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%