Meinhard Miegel : "Machen wir so weiter, laufen wir gegen Wände"

InterviewMeinhard Miegel : "Machen wir so weiter, laufen wir gegen Wände"

von Ferdinand Knauß

In seinem neuen Buch "Hybris" wirft Meinhard Miegel den modernen Gesellschaften grenzenlose Selbstüberschätzung vor. Wenn die Menschen nicht Maß halten, werde die bestehende Ordnung in sich selbst zusammenfallen, erwartet der Sozialwissenschaftler.

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Meinhard Miegel ist einer der renommiertesten Sozialwissenschaftler Deutschlands. Er ist Vorstandsvorsitzender des "Denkwerks Zukunft" und war von 1977 bis 2008 Gründer und Leiter des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft Bonn. Miegel ist Autor zahlreicher Bücher, unter anderem "Die deformierte Gesellschaft - Wie die Deutschen ihre Wirklichkeit verdrängen" (2002) und "Exit - Wohlstand ohne Wachstum" (2010). Am 10. März erscheint sein neues Buch "Hybris - Die überforderte Gesellschaft".

WirtschaftsWoche: „Hybris“, also Größenwahn, war für die alten Griechen ein Frevel gegen die Götter. In ihrem Buch werfen Sie unserer Gesellschaft auf zahlreichen Feldern, nicht zuletzt in der Wirtschaft, totale Maßlosigkeit vor. Aber Ihr Schlusskapitel vermittelt auch den Eindruck, als stünde der Paradigmenwechsel von der Wachstumsgesellschaft zu einer des Maßhaltens unmittelbar bevor. Und wenn nicht, erfolgt dann die Strafe der Götter?

Meinhard Miegel: So könnte man sagen. Denn welche Optionen haben wir? Machen wir noch ein bisschen weiter wie bisher, werden wir absehbar gegen eine Wand laufen. Gerade hat John Kerry in Jakarta eine flammende Rede gehalten, die man noch vor wenigen Jahren nicht aus dem Munde eines amerikanischen Außenministers erwartet hätte. Nicht nur nannte er die Vereinigten Staaten einen der größten Umweltsünder der Welt, sondern er erklärte auch, dass Präsident Obama und er der Auffassung seien, es müsse dringend Abhilfe geschaffen werden. Und Nicholas Stern, der sich vor einigen Jahren im Auftrag der britischen Regierung mit diesen Problemen befasst hat, schreibt jetzt, dass sich alles noch viel schneller und dramatischer verschlechtere, als er 2006 vorhergesehen habe. Ebenso heftig schlagen zahllose weitere Wissenschaftler und internationale Organisationen Alarm. Entwarnung gibt es hingegen fast nirgendwo. Das Problem ist, dass diese Entwicklung noch nicht wirklich in das Bewusstsein breiter Bevölkerungsschichten eingedrungen ist. So reden alle über die hohe Arbeitslosigkeit in Spanien, doch dass dort in weiten Teilen der Grundwasserspiegel so weit abgesunken ist, dass über kurz oder lang Bäume nicht mehr wurzeln können, erregt nur eine kleine Zahl von Experten. Dabei ist Letzteres viel folgenreicher als die Arbeitslosigkeit. Und das ist nur die ökologische Dimension. Hinzu kommt die Überbeanspruchung der Gesellschaft.

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Meinhard Miegel, Hybris. Die überforderte Gesellschaft, Propyläen 2014, erscheint am 10. März. Quelle: PR

Meinhard Miegel, Hybris. Die überforderte Gesellschaft, Propyläen 2014, erscheint am 10. März.

Bild: PR

Woran erkennen Sie die?

An vielem, nicht zuletzt an der Scheu vieler junger Menschen, die Lasten von Kindern zu schultern. Das sollen andere tun. Sie selbst fühlen sich mit ihrem Alltag vollkommen ausgelastet. Kinder würden sie überfordern. Auf Dauer kann kein Volk so existieren. Die Menschen müssen sich umorientieren.

Und wenn Sie das nicht wollen?

Dann fällt die bestehende Ordnung in sich zusammen. Dieser Prozess ist weiter fortgeschritten, als viele meinen. Nehmen Sie zum Beispiel die sich ändernde Rolle des Geldes, des Kapitals. Auch wenn das von einer breiten Öffentlichkeit oft noch anders gesehen wird: seine Bedeutung schwindet rapide.

Aber scharf auf mehr Geld sind die Leute nach wie vor.

Gewiss. Unter anderen der Ex-Siemens-Chef Löscher, der sich gerade mit 30 Millionen Euro abfinden lässt. Doch was macht er dann mit diesem Geld? Gründet er ein Unternehmen und schafft Arbeitsplätze oder verwendet er es für wohltätige Zwecke? Es rentierlich anzulegen dürfte ihm nämlich ziemlich schwer fallen. Denn die Zeiten großer Expansion sind - zumindest in der entwickelten Welt - bis auf weiteres vorüber. Manche sprechen sogar von einer säkularen Stagnation. Was aber heißt das für die westliche Kultur? Fragen wie diese werden mittlerweile ziemlich drängend.

Forum der Freiheit

Bei den intellektuellen Eliten und in Teilen des Bürgertums kann man vielleicht eine Abkehr vom expansiven Denken feststellen. Aber in der Politik geht es weiterhin am Ende des Tages nur um eines: Wachstum ist der Maßstab. Bleibt es aus, hat man versagt.

Das ist nicht zu bestreiten. Aber die Politik ist nicht die Vorhut gesellschaftlicher Entwicklungen, sondern deren Nachhut. Das schmälert nicht ihre Rolle. Denn ohne funktionierende Nachhut zerstreut sich der Tross. Nur Wegweisungen sollte eine Gesellschaft von ihrer Nachhut nicht erwarten. Wegweisungen kommen von anderen: Wissenschaftlern, Künstlern, Medien und nicht zuletzt wachen und engagierten Bürgern.

Gibt es für den Paradigmenwechsel zum Maßhalten, den Sie wünschen, in der gegenwärtigen Parteienlandschaft überhaupt Ansprechpartner?

Durchaus, wenn auch nicht in Gestalt ganzer Parteien. Immerhin hat sich der Bundestag in der vorigen Legislaturperiode dazu durchgerungen, eine Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" ins Leben zu rufen, die einiges sehr Beherzenswerte zu Papier gebracht hat. So soll das Bruttoinlandsprodukt nicht mehr der entscheidende Wohlstandsindikator sein. Oder denken Sie an die Worte der Kanzlerin, wonach unsere derzeitige Art des Wirtschaftens die Grundlagen ihres eigenen Erfolges zerstört. Das ist doch schon etwas! Allerdings verkenne ich nicht, dass die jetzige Koalition in diesen Dingen eher rückwärts gewandt ist. Deutschland war da schon einmal weiter. Aber politische Entwicklungen verlaufen eben wie die Echternacher Springprozession: drei Schritte vor und zwei zurück.

Also muss sich die politische Landschaft nicht grundlegend verändern?  

Politiker rudern nur selten gegen den Strom. Wenn sie merken, dass viele beispielsweise umweltbewusster leben oder nicht immer mehr konsumieren wollen, schwenken sie darauf ein. Das politische System passt sich gleitend einer sich ändernden Wirklichkeit an. Im Falle einer ökologischen Katastrophe wäre das allerdings nicht möglich. Rutschte zum Beispiel das Grönland-Eis ins Meer und überflutete der steigende Meeresspiegel ein Sechstel Deutschlands und weltweit zahllose Städte und Regionen, wäre die Lage anders. Das aber ist nicht mein Szenario.

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