Michael Hüther im Interview: „Mehr Flexibilität“

Michael Hüther im Interview: „Mehr Flexibilität“

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IW-Chef Michael Hüther

IW-Chef Michael Hüther über die neue Lage am Arbeitsmarkt und die Mitverantwortung der Regierung.

WirtschaftsWoche: Herr Hüther, Deutschland taumelt am Rand einer Rezession. Wie ernst ist die Lage?

Hüther: Ich halte nichts von der gängigen Definition, nach der ein zweimal schrumpfendes Quartalswachstum eine Rezession anzeigen soll. Das ist mir zu technisch gedacht und vernachlässigt den langfristigen Wachstumstrend. Die Wirtschaft befindet sich in einer Abschwungphase, die leider auch nicht schnell überwunden werden kann. Es gibt aber keinen Absturz, sondern eher das, was Ökonomen „soft landing“ nennen. 2008 wird das Wachstum knapp unter zwei Prozent liegen. 2009 wird sich die Wachstumsrate allerdings halbieren, also allenfalls ein Prozent erreichen.

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Wann und wie wird der Arbeitsmarkt auf den Abschwung reagieren?

Reaktionen auf dem Arbeitsmarkt zeigen sich normalerweise erst rund sechs Monate nach einem konjunkturellen Wendepunkt, weil die Betriebe erst mal abwarten, wie es für sie weitergeht. Auch diesmal werden sie als erste Gegenreaktion die Überstunden zurückfahren. Die Anpassung wird aber auch über einen spürbaren Abbau der Zeitarbeitskräfte verlaufen, die in den vergangenen Jahren massiv aufgestockt wurden. Hält die Flaute länger an, dürften viele Betriebe außerdem befristete Verträge nicht verlängern oder Vollzeit- in Teilzeitstellen umwandeln. Ich glaube indes nicht, dass die Unternehmen massiv bei ihren Stammbelegschaften kürzen.

Woher nehmen Sie diesen Optimismus?

Es gibt eine gravierende strukturelle Veränderung: Früher haben die Unternehmen im Abschwung viel Personal entlassen und bei der Aus- und Weiterbildung gekürzt. Wegen des eskalierenden Fachkräftemangels kann sich die Wirtschaft das nun nicht mehr leisten. Die Unternehmen erkennen vielmehr, dass Personalpolitik eine strategische Aufgabe ist und sie über die Konjunkturzyklen hinweg einen personellen Kernbestand brauchen. Wer bis aufs Skelett abmagert, kann im nächsten Aufschwung nicht mehr mithalten. Das gilt vor allem im High-Tech-Bereich.

2008 haben viele Gewerkschaften hohe Lohnzuwächse durchgesetzt. Kann das nun zum Pyrrhussieg werden – etwa weil die Unternehmen mehr Jobs ins Ausland verlagern?

Die Abschlüsse haben sicher keinen Beitrag zum Jobaufbau geleistet. Sie waren aber angesichts der hohen Produktivitätsfortschritte der Wirtschaft unter dem Strich im Rahmen des Verträglichen. Die Löhne sind nicht aus dem Ruder gelaufen wie Mitte der Neunzigerjahre. Große Sorgen machen mir dagegen die anstehenden Tarifrunden. Hier werden die ersten Pflöcke für das wirtschaftlich schwächere Jahr 2009 eingeschlagen. Forderungen von lokalen Gewerkschaftern bis zu neun Prozent liegen fernab meiner Vorstellungskraft. Man kann nur hoffen, dass solche Forderungen von der Gewerkschaftsführung rechtzeitig gebremst werden, damit die ohnehin schlechte Stimmung in der Wirtschaft nicht noch zusätzlich belastet wird. Sonst sind doch bald viele Jobs bedroht.

Ist die Politik mitverantwortlich für die schwierige Lage am Arbeitsmarkt?

Ja. Ein wichtiger Grund für den Jobaufbau der vergangenen Jahre waren – neben der guten Weltkonjunktur, der moderaten Lohnpolitik und der Restrukturierung der Unternehmen – eben auch die Hartz-Reformen der Regierung Gerhard Schröder. Dass die große Koalition diesen Weg nicht weitergegangen ist, sondern seit Sommer 2007 die Reformen sogar zurückgedreht hat, wird sich spätestens 2009 rächen. Gerade kleine und mittlere Unternehmen brauchen mehr Flexibilität – und es gibt noch eine Reihe von Stellschrauben. Nur ein Beispiel: Bei befristeten Arbeitsverträgen gilt ein sogenanntes Verbot der Vorbeschäftigung. Das heißt: Wenn wir beim IW einen Studenten als Praktikanten ins Haus holen, dürfen wir ihn nach seinem Examen nicht befristet einstellen. Das ist schlichtweg Unfug.

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