Nahrungsmittel: Wohlstand als Preistreiber

Nahrungsmittel: Wohlstand als Preistreiber

von Bert Losse

Dass die Lebensmittelpreise steigen, liegt auch an veränderten Essgewohnheiten in den aufstrebenden Schwellenländern.

Bild vergrößern

China

Es ist paradox. Ausgerechnet der wachsende Wohlstand in Schwellenländern wie China, Indien und Brasilien wird zum entwicklungspolitischen Bumerang. Bei den aufstrebenden Mittelschichten dieser Länder kommen immer häufiger Fleisch und Milchprodukte auf den Teller. Weltweit wandert deswegen immer mehr Getreide in die Futtertröge der Rinder- und Hühnerzüchter. Seit Mitte der Achtzigerjahre hat sich der Fleischkonsum in Brasilien verdoppelt, in China fast verdreifacht. Noch stärker stieg der Milchkonsum. Das Problem: Für die Produktion von einem Kilo Fleisch sind sieben bis acht Kilo Getreide nötig. Effekt: Die Getreidepreise steigen.  

Wie westliche Essgewohnheiten in Asien Einzug halten, lässt sich besonders in China beobachten, wo in den großen Städten die Einkommen seit Jahren um jährlich 15 bis 20 Prozent steigen. „China verwandelt sich infolge veränderter Essgewohnheiten immer stärker vom Agrarexporteur zum Importeur“, sagt Eugen Weinberg, Rohstoffanalyst der Commerzbank.McDonald’s hat rund 1000 Burger-Bratereien im Reich der Mitte eröffnen, die Konkurrenz von Kentucky Fried Chicken ist mit knapp 2500 Hühnchen-Stationen vertreten.

Anzeige

Die neue Nachfrage aus Asien, aber auch die stark wachsende Weltbevölkerung verlangt danach, den weltweiten Output der Landwirtschaft zu steigern. Nach derzeitigen Prognosen sinkt die zur Verfügung stehende Agrarfläche pro Einwohner bis 2050 in allen Weltregionen - außer Europa. Zwischen 1980 und 1997 stieg die globale Nahrungsmittelproduktion noch um rund 60 Prozent. Doch danach war es mit den Ertragssteigerungen weitgehend vorbei.

Schätzungen zufolge gehen vielerorts bei Getreide zwischen Aussaat und Nahrungsmittelproduktion mehr als 50 Prozent des Ertragspotenzials verloren, etwa durch Pflanzenkrankheiten und Schädlinge. Als landwirtschaftlich besonders unproduktiv gilt ausgerechnet China, das mit rund sieben Prozent der weltweiten Anbaufläche rund ein Fünftel der Menschheit ernähren muss. Der Agrarsektor ist von Kleinstbetrieben geprägt, die oft noch ohne Maschinen bewirtschaftet werden. Während in Europa die Wertschöpfung pro Mitarbeiter in der Landwirtschaft bei rund 40 000 Dollar liegt, sind es in China ganze 400 Dollar. Wegen der zunehmenden Industrialisierung und Verstädterung geht in China zudem immer mehr Agrarfläche verloren. Seit dem Jahr 2000 fiel dem Bau von Wohnsiedlungen und Fabriken jedes Jahr rund ein Prozent der Ackerfläche zum Opfer - das entspricht der Größe von Holland und Belgien zusammen. Hinzu kommt, dass immer mehr Menschen vom Land in die Städte abwandern. Bis 2020 dürften zwischen 300 und 400 Millionen Landbewohner in die Metropolen des Ostens ziehen. Die Höfe, die sie zurücklassen, müssen von den zurückbleibenden Alten bewirtschaftet werden.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%