Neue BIP-Berechnung: Guten Morgen, wir sind reicher!

Neue BIP-Berechnung: Guten Morgen, wir sind reicher!

, aktualisiert 14. August 2014, 06:20 Uhr
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von Jan MallienQuelle:Handelsblatt Online

Deutschland ist über Nacht um Milliarden reicher geworden. Doch das ist leider nur ein einmaliges Wunder. Die Wirtschaftsleistung wird neuerdings ohne moralische Brille gemessen – mit spürbaren Folgen.

DüsseldorfMorgenstund hat Gold im Mund. Wer an Sprichwörtern zweifelt, wird heute eines Besseren belehrt: Deutschland ist über Nacht um viele Milliarden reicher geworden – zumindest, wenn es nach der Statistik geht. Allerdings ist dieses Wunder einmalig. Der Grund für die Einkommensvermehrung ist eine Umstellung in der Statistik. Am heutigen Donnerstag legt das Statistische Bundesamt zum ersten Mal Zahlen zur Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im zweiten Quartal nach einer neuen Berechnungsmethode vor – und setzt damit die Regeln des „Europäischen System der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung“ (ESVG) von 2010 um.  

Die neuen Regeln sind ab 1. September europaweit vorgeschrieben. Deutschland gehört zu den Vorreitern. Im März waren bereits die Niederlande und im Mai Frankreich vorgeprescht. Unterm Strich werden durch die Änderungen mehr Leistungen im Bruttoinlandsprodukt erfasst. Zum Beispiel Prostitution, Drogenhandel und Zigarettenschmuggel. Dadurch steigt insgesamt die Wirtschaftsleistung.

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„Grundsätzlich soll das Bruttoinlandsprodukt die gesamte Wirtschaftsleistung erfassen, unabhängig von einer moralischen Wertung“, sagt Norbert Räth, Leiter der Gruppe Inlandsprodukt beim Statistischen Bundesamt. „Für die Erfassung von Spezialfällen, wie zum Beispiel des illegalen Tabak- und Drogenhandels, hatten wir in Deutschland bisher keinen statistischen Ansatz. Durch die Umstellung wird dies nun auf europäischer Ebene vereinheitlicht.“

Zur Schätzung des Zigarettenschmuggels wird zum Beispiel eine Abfallstudie des Deutschen Zigarettenverbands herangezogen. Hierbei werden mindestens 12.000 Zigarettenschachteln in circa 22 repräsentativ ausgewählten Standorten hinsichtlich ihrer Steuerzeichen analysiert. Wie stark die Einbeziehung der Schattenwirtschaft das Bruttoinlandprodukt (BIP) beeinflussen kann, zeigt das Beispiel Italiens. Als dort 1987 erstmals die Schattenwirtschaft in die Berechnung miteinbezogen wurde, stieg das BIP über Nacht auf einen Schlag um 18 Prozent.


Finnland und Schweden profitieren am meisten

So krass fällt der Effekt diesmal nicht aus. Das Münchner Ifo-Institut geht von einer Niveauanhebung der deutschen Wirtschaftsleistung durch die Neuberechnung von zwei bis drei Prozent aus. Im Schnitt würde sich das BIP in den EU-Ländern nach dieser Schätzung um 2,4 Prozent erhöhen. Spitzenreiter wären demnach Finnland und Schweden mit einem Niveauzuwachs von vier bis fünf Prozent – weniger profitieren würden unter anderem Polen, Litauen und Lettland mit unter einem Prozent.

Die Neuberechnung hat auch Einfluss auf die Berechnung der Schuldenobergrenzen nach dem Europäischen Stabilitätspakt. Demnach muss das jährliche Haushaltsdefizit weniger als drei Prozent des BIP betragen und die Gesamtverschuldung muss unter 60 Prozent des BIPs liegen. Wenn nun das BIP aus statistischen Gründen steigt, gibt dies den Euro-Ländern mehr Spielraum für höhere Defizite.

Die Einbeziehung von Zigarettenschmuggel und Drogenhandel sind die prominentesten Beispiele für Änderungen bei der BIP-Berechnung. Ökonomisch bedeutender ist allerdings etwas anderes. „Der wichtigste Punkt bei der Umstellung ist die Berücksichtigung von Forschungs-und Entwicklungsausgaben als Investitionen“, sagt Statistiker Norbert Räth.

Ausgaben für Forschung und Entwicklung werden nicht mehr als Vorleistung, sondern als Investitionen behandelt. Gleiches gilt für Militärgüter. Bisher galten nur zivil nutzbare militärische Anlagen wie Flughäfen, Kasernen oder Lazarette als Investitionen – militärische Waffensysteme wie Panzer hingegen nicht. Die Umbuchung erhöht das BIP.

Auf dem Papier ist damit jeder Deutsche und sogar jeder EU-Bürger heute pro Kopf ein Stück reicher geworden. Am realen Reichtum allerdings hat sich nichts geändert.   

Quelle:  Handelsblatt Online
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