Neue Deutsche Welle: Der Mann hinter dem ifo-Index

Neue Deutsche Welle: Der Mann hinter dem ifo-Index

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Die Wirtschaftswissenschaftler (v.l.) Oliver Holtemoeller, Kai Carstensen, Joachim Scheide, Roland Doehrn und Torsten Schmidt

von Malte Fischer

Einmal im Monat bringt Kai Carstensen die Finanzmärkte zum Zittern. Er ist der Mann hinter dem ifo-Geschäftsklimaindex, dem wichtigsten Frühindikator für die Konjunktur.

Wer Kai Carstensen in seinem Büro in der Poschingerstraße in Münchens Nobelviertel Bogenhausen besucht, kommt sich irgendwie beobachtet vor. Von einem großen Bild an der Wand gegenüber dem Besprechungstisch blickt der US-Nobelpreisträger Robert Solow kritisch auf die im Raum Versammelten. „Das Bild stammt von meinem Büro-Vorgänger“, sagt Carstensen fast entschuldigend. Dabei ist das Sujet, mit dem sich der 38-Jährige beschäftigt, gar nicht so weit von dem entfernt, wofür Solow einst den Nobelpreis erhielt.

Der Amerikaner untersuchte die Faktoren, die den langfristigen Wachstumstrend der Wirtschaft bestimmen. Carstensen beschäftigt sich mit den Schwankungen der Wirtschaft um diesen langfristigen Wachstumstrend, dem Auf und Ab der Konjunktur. Seit Oktober 2007 leitet er den Forschungsbereich Konjunktur und Befragungen am ifo Institut in München – und ist damit Herr über den ifo-Geschäftsklimaindex, den wichtigsten Frühindikator für die deutsche Konjunktur.

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Das Interesse, das der Index allmonatlich unter Ökonomen, Politikern und Börsianern hervorruft, hat Carstensen ins mediale Rampenlicht befördert. „Seit ich in München bin, hab ich kaum noch Freizeit“, stöhnt er mit einem Augenzwinkern, das signalisiert, dass ihm der Job trotz Stress und am Wochenende klingelnder Telefone Spaß macht. Besonders heftig ist das Medieninteresse naturgemäß an den Tagen, an denen Carstensens Mannschaft den ifo-Index veröffentlicht.

Bis zur letzten Minute ermitteln die Computer aus den Antworten der befragten 7000 Unternehmen zur aktuellen Geschäftslage und den Aussichten für die nächsten Monate den Geschäftsklimaindex. Gegen acht Uhr morgens steht das Ergebnis fest. „Selbst für uns ist das manchmal eine Überraschung“, sagt Carstensen. Die Forscher haben daher eine interne Tipprunde für ihren Index eingerichtet. Um kurz vor neun Uhr treffen sie sich, um über den Text für die Pressemitteilung zu beraten. Um 10 Uhr geht das Ergebnis an die Agenturen.

Ziel: Bessere Prognosen

Weil der Index die Konjunktur gut voraussagt, haben die ifo-Ökonomen die Forschungsbereiche Unternehmensumfragen und Konjunkturprognosen in einer Abteilung unter Carstensens Leitung zusammengelegt. Das bringe Synergieeffekte und verbessere die Prognosegüte, sagt Carstensen, dessen Bereich mehr als 30 Mitarbeiter umfasst. Dass es ihn nach München verschlägt, hätte sich der gebürtige Flensburger nicht träumen lassen.

Nach dem Abitur hatte er sich an der Uni Kiel zunächst für Betriebswirtschaftslehre eingeschrieben. „Ich wollte selbstständig arbeiten, am liebsten als Steuer- oder Unternehmensberater.“ Doch im Hauptstudium, bei den Vorlesungen zum Rechnungswesen, habe er gemerkt: „Das ist nicht mein Ding. Zu viel Jura, zu viel Auswendiglernen.“ Er schwenkte auf Volkswirtschaft um, konzentrierte sich auf Ökonometrie und Statistik. Nach der Promotion mit der Note summa cum laude ging er 2002 ans Institut für Weltwirtschaft in Kiel, wo er den Bereich Grundlagen der Konjunkturforschung leitete.

Für den anschließenden Wechsel von der Förde zum ifo Institut nach München sei entscheidend gewesen, neben der Leitung der Konjunkturabteilung die Professur für Makroökonomie und Konjunkturforschung an der Münchner Uni zu übernehmen. „So kann ich beides machen – wissenschaftlich arbeiten und den Bezug zur Praxis und Politikberatung wahren“, sagt Carstensen.

Von abgehobener Forschung im akademischen Elfenbeinturm hält er nicht viel. Ökonomen hätten eine Bringschuld, bei der Lösung gesellschaftlicher Probleme zu helfen. Sie dürften ihr Terrain auf keinen Fall an die Nichtökonomen abtreten. „Sonst überlassen wir die Erklärung der Wirklichkeit dem Feuilleton.“ In seinen empirisch ausgerichteten Studien, die er in den angesehensten internationalen Fachzeitschriften veröffentlicht hat, beschäftigt sich Carstensen mit dem Zusammenhang zwischen Geldmenge, Zinsen und Inflation. Aktuell untersucht er, wie sich Inflationsunsicherheit auf die Zinsen und das Wachstum auswirkt.

Entspannung sucht der Wahl-Münchner an den Wochenenden bei seiner Familie, die mit in die bayrische Landeshauptstadt gezogen ist. „Als alter Fan des FC Bayern hätte ich jetzt zwar die Möglichkeit, häufiger ins Stadion zu gehen“, sagt Carstensen. Doch dazu fehle die Zeit – leider.

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