Neue Deutsche Welle: Top-Ökonom mit Hang zur Praxis

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Hans-Theo Normann: "Ein ökonomisches Problem soll man in zwei Minuten seiner Mutter erklären können"

von Elke Pickartz

Hans-Theo Normann zählt zu den forschungsstärksten Ökonomen der jungen Garde. Er untersucht praktische Wettbewerbspolitik mit Hilfe von Experimenten, zum Beispiel mit Rollenspielen zu Preisabsprachen.

Ein ökonomisches Problem soll man in zwei Minuten seiner Mutter erklären können“ – diesen Satz des berühmten US-Ökonomen Paul Samuelson zitiert Hans-Theo Normann gerne. Ökonomische Forschung existiert für den 42-jährigen Volkswirtschaftsprofessor nie im luftleeren Raum, sondern muss sich immer dem Praxistest unterziehen. „Ich schreibe am liebsten viele kurze, einfache Papiere, die einen dicken Punkt machen. Das ist mir lieber, als die hundertste Umdrehung zu einer Detailfrage.“

Wahrscheinlich ist das eines der Erfolgsgeheimnisse von Normann, der in aktuellen Rankings zu den forschungsstärksten Ökonomen Deutschlands zählt. Nach Stationen an der Berliner Humboldt-Universität und der University of London kehrte er 2007 nach Deutschland zurück. Zunächst arbeitete er am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn, ab 2008 dann an der Goethe-Universität in Frankfurt. Im April übernimmt er eine Professur am neu gegründeten Düsseldorfer Institut für Wettbewerbsökonomie (DICE). Dort erhofft er sich ein Umfeld, in dem weniger Wert auf Hierarchien gelegt wird und mehr Zeit zum Forschen bleibt.

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Zentrales Feld ist die Wettbewerbspolitik

Normanns zentrales Feld ist die Wettbewerbspolitik. Sie erforscht er – neben den gängigen mathematischen und spieltheoretischen Methoden – mit Vorliebe experimentell. Im Labor übernehmen Studenten die Rolle von Unternehmensführern und testen, wie sich Wettbewerber zueinander verhalten und die Preise beeinflussen. Derzeit untersucht der Ökonom die Frage, wo Absprachen in einer Branche am wahrscheinlichsten sind. Dabei ist er auf erstaunliche Ergebnisse gestoßen: Entgegen der gängigen These sind explizite Absprachen nicht zwischen zwei oder drei Unternehmen am effektivsten, sondern zwischen vier bis sechs Anbietern. „Ist man zu zweit am Markt, reicht eine stillschweigende Kommunikation“, sagt er. Ab vier Unternehmen bestehe ein Anreiz zu offenen Absprachen. Erst wenn eine Branche über mindestens sechs bis acht Unternehmen verfüge, breche diese Kommunikation zusammen, und es herrsche Wettbewerb.

Für die Praxis fordert Normann, dass sich die Kartellbehörden neu ausrichten müssen. Oft suchen sie an der falschen Stelle nach Wettbewerbsverstößen, denn ihre Kriterienkataloge grenzen die Suche auf zwei bis drei Firmen ein. Den Vorstoß von Bundeswirtschaftsminister Brüderle, das Bundeskartellamt durch ein neues Entflechtungsgesetz zu stärken, hält er indes für Krawallrhetorik. Die Behörde brauche keine neuen Gesetze, sondern mehr Einfluss von Ökonomen – anstatt von Juristen.

Die experimentelle Wirtschaftsforschung ist Normanns Steckenpferd, und er hält sie noch für zu wenig praxisorientiert. Sein Traum sei, dass sich Experimente zur ökonomischen Standardmethode entwickelten. Stattdessen beschränke sich der Zweig weitgehend auf wenige Bereiche wie sogenannte Ultimatum- oder Diktator-Spiele, klagt Normann. Diese untersuchen, wie weit Akteure ihren Nutzen maximieren oder die Interessen anderer einbeziehen, haben jedoch wenig wirtschaftspolitische Relevanz. „Es ist schockierend, wie eng das Feld ist“, klagt der Ökonom. Viel wäre schon gewonnen, wenn die Ressentiments der theoretischen Ökonomen gegenüber der experimentellen Forschung abgebaut würden.

Ohne Praxis geht nichts

Sein Hang, in der Theorie immer den Praxisbezug zu suchen, kommt nicht von ungefähr: Der Vater zweier Kinder stammt aus einer Familie im Sauerland, die in der vierten Generation ein mittelständisches Unternehmen führt. Ursprünglich sollte er den Betrieb übernehmen und bewarb sich in Münster um einen Studienplatz in Betriebswirtschaftslehre. Als er den nicht sofort bekam, schrieb er sich für VWL ein. Dabei blieb er – und hat es nicht bereut.

Fragt man Normann nach seinen Vorbildern, fallen ihm spontan zwei Namen ein: der US-Ökonom Charles Plott, ein Pionier der experimentellen Wirtschaftsforschung, und der Inder Amartya Sen, der mit Studien zu Armut und Entwicklung bekannt wurde. An Sen schätze er, wie anschaulich er sich mit zentralen Problemen auseinandersetze, ohne den formalen Rahmen aufzugeben. Für Normann sind solche Ökonomen ein Ansporn: Es gilt, noch viele dicke Punkte zu setzen.

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