Nobelpreis für Wirtschaft: Brisanter und hoch politischer Nobelpreis

KommentarNobelpreis für Wirtschaft: Brisanter und hoch politischer Nobelpreis

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Wirtschafts-Nobelpreisträger 2010: Peter A. Diamond (l), Christopher A. Pissarides (M) und Dale T. Mortensen (r)

von Malte Fischer

Die Vergabe des Nobelpreises an die drei Arbeitsmarktforscher Peter Diamond, Dale Mortensen und Christopher Pissarides ist eine brisante und hoch-politische Entscheidung.

Auf den einschlägigen Hit- und Tipplisten für den diesjährigen Wirtschaftsnobelpreis waren die Namen nicht auf den ersten Plätzen zu finden. Gleichwohl ist die Vergabe des diesjährigen Wirtschaftsnobelpreises an Peter Diamond vom Massachusetts Institute of Technology, Dale Mortensen von der Northwestern University in Illinois und Christopher Pissarides von der London School of Economics von hoher politischer und ökonomischer  Relevanz.

Zum ersten Mal seit zehn Jahren ging die begehrteste Auszeichnung für Ökonomen wieder an ausgewiesene Arbeitsmarktexperten. Mit ihren Arbeiten haben die drei Wissenschaftler die Grundlagen für die Analyse von Suchprozessen auf dem Arbeitsmarkt gelegt. Das von ihnen entwickelte Modell erklärt, warum es zu hoher Arbeitslosigkeit kommen kann, obwohl die Unternehmen dringend Arbeitskräfte suchen.

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Eine solche Situation ist in der  tradierten neoklassischen Modellwelt mit ihren flexiblen Löhnen und vollständigen Informationen aller Marktteilnehmer schier unmöglich. Denn dort finden Angebot und Nachfrage nach Arbeit immer und sofort zueinander.

Standardmodell für die Arbeitsmarktforschung

Dass es in der Realitiät anders läuft, erklären Diamond, Mortensen und Pissarides mit Suchkosten- und zeiten auf dem Arbeitsmarkt. Diese werden von den institutionellen Rahmenbedingungen bestimmt, zum Beispiel der Höhe des Arbeitslosengeldes, der Effizienz der Arbeitsvermittlung sowie den Einstellungs- und Kündigungskosten.

Je üppiger die finanzielle Absicherung der Arbeitlosen ist, desto mehr Zeit lassen sie sich bei der Suche nach einem neuen Job und desto wählerischer werden sie. Das hat zur Folge, dass offene Stellen nicht sofort besetzt werden und es entsteht friktionelle Arbeitslosigkeit.

Die Laureaten weisen in ihren Arbeiten darauf hin, dass die Suche nach einem neuen Job mit externen Effekten verbunden ist. So können die verstärkten Suchanstrengungen eines Arbeitslosen die Jobchancen der anderen Arbeitslosen beeinträchtigen. Daher führt ihrer Ansicht nach ein unregulierter Markt nicht in jedem Fall zu einem effizienten Ergebnis.

Das von den Diamond, Mortensen und Pissarides entwickelte Modell zur Suchtheorie hat sich in den vergangenen Jahren zum Standardmodell bei der  Evaluierung arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen entwickelt. Es lässt sich darüber hinaus auf andere Forschungsbereiche wie die Familienökonomie, Finanzmärkte und öffentliche Finanzen übertragen.

Entscheidung ist politisch aktuell

Die Vergabe des Nobelpreises an Diamond, Mortensen und Pissarides ist über deren Beitrag zur ökonomischen Forschung hinaus aus mehreren Gründen bemerkenswert: Erstens folgt das Nobelkomitee mit seiner Entscheidung dem allgemeinen Zeitgeist, der die neoklassische Wirtschaftstheorie gern in das Reich von Fabeln  und Lügen verweist und staatliche Eingriffe als notwendige Korrektur des Marktprozesses betrachtet.

Zweitens ist die Entscheidung von politischer Aktualität. Denn viele Länder leiden im Gefolge der Finanzkrise unter hoher Arbeitslosigkeit. Vor allem in den USA droht  Langzeitarbeitslosigkeit als Folge von mismatching-Problemen zum Normalzustand zu werden  - eine Entwicklung, die man bisher nur aus Europa kannte.

Drittens könnte sich die Vergabe des Nobelpreises für Peter Diamond zu einem Karrierebeschleuniger in fortgeschrittenem Alter entpuppen. Denn US-Präsident Barack Obama hatte den MIT-Ökonomen für einen der freien Posten in der amerikanischen Notenbank Fed vorgeschlagen. Der Senat hatte den Vorschlag mit dem Argument abgelehnt, Diamond verfüge nicht über ausreichende Kenntnisse in der Geldpolitik für das Amt.

Daraufhin hatte Obama angekündigt, Diamond erneut vorzuschlagen.

Schwer vorstellbar, dass der Senat den inzwischen mit dem Nobelpreis geadelten MIT-Forscher erneut als fachlich inkompetent zurückweisen wird.

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