Nobelpreisträger: Rückenwind für die Makroökonomie

KommentarNobelpreisträger: Rückenwind für die Makroökonomie

von Malte Fischer

Die Vergabe des Wirtschaftsnobelpreises an die beiden US-Amerikaner Thomas Sargent und Christopher Sims ist ein starkes Signal, in den Zeiten der Finanzkrise die makroökonomische Forschung wieder zu stärken.

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WirtschaftsWoche-Redakteur Malte Fischer

Die Entscheidungen des schwedischen Nobelpreiskomitees sind in der Regel nicht nur eine Anerkennung der wissenschaftlichen Leistungen der Laureaten. Sie sind auch ein wirtschaftspolitisches Signal. Das ist diesmal eindeutig ausgefallen. Mit der Vergabe des Nobelpreises an Thomas Sargent von der New York University und Christopher Sims von der Princeton University haben die Stockholmer Juroren die makroökonomische Forschung gestärkt.

Die Makroökonomie ist der Forschungszweig der Wirtschaftswissenschaften, der nach dem Ausbruch der Finanz- und Schuldenkrise am meisten am Pranger stand, die Finanzkrise nicht vorher gesehen zu haben. Doch er ist zugleich der Zweig, von dem sich Politik und Öffentlichkeit nun Antworten und Lösungen für die drängenden Fragen der Weltwirtschaft erhoffen.

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Vor diesem Hintergrund hat das  Nobelpreiskomitee eine gute Entscheidung getroffen. Beide Preisträger haben sich große Meriten in der „Analyse von Ursache- und Wirkungszusammenhängen in der Makroökonomie“  erworben.

Im Zentrum stehen die Erwartungen

Sargent und Sims haben vor allem die empirischen Methoden des Faches vorangetrieben. Sargents Verdienst liegt darin, im Rahmen sogenannter struktureller Mehrgleichungsmodelle die Effekte wirtschaftspolitischer Maßnahmen auf die wirtschaftliche Entwicklung untersucht zu haben. Im Zentrum seiner Arbeiten steht die Bedeutung der Erwartungen, sowohl auf Seiten von Unternehmen und privaten Haushalten, als auch auf Seiten von Zentralbanken und Regierungen.

Sargent fand heraus, dass die Menschen Erwartungen durch Lernprozesse bilden. Erkennen die Arbeitnehmer etwa, dass die Zentralbank systematisch höhere Inflationsraten zulässt als versprochen, passen sie ihre Erwartungen an und fordern höhere Löhne. Nur durch eine unerwartete Beschleunigung der Inflation kann die Zentralbank die Arbeitnehmer überraschen und die Reallöhne und Arbeitslosigkeit senken.

Aufforderung zu mehr Makroforschung

Sims hat ein mathematisch-statistisches Analyseinstrument entwickelt, dass heute in allen Forschungsabteilungen von Zentralbanken, internationalen Organisationen und Instituten zum gängigen Handwerkszeug  gehört. Mit den von Sims entwickelten vektor-autoregressiven Analysetechniken (VAR) untersuchen Ökonomen die Zusammenhänge makroökonomischer Größen wie etwa Bruttoinlandsprodukt, Zinsen und Inflation.

Der Charme der Technik besteht darin, dass bei der Analyse keine theoretischen Vorfestlegungen getroffen werden müssen. Statt dessen lassen Sims Modelle die Daten sprechen. Auf Basis der ermittelten quantitativen Zusammenhänge lässt sich  untersuchen, wie ein exogener Schock, also etwa eine Zinsänderung, auf das Wirtschaftswachstum und die Inflation wirkt. Mithilfe der VAR-Techniken fanden Forscher zum Beispiel heraus, dass Zinserhöhungen der Zentralbanken recht rasch auf das Bruttoinlandsprodukt, aber erst mit größerer zeitlicher Verzögerung auf die Inflation wirken.

Es sind genau diese Zusammenhänge zwischen Zinsen, Inflation und Wirtschaftswachstum, die derzeit im Mittelpunkt des ökonomischen und politischen Interesses stehen.  Die Verleihung des Nobelpreises an Sargent und Sims ist daher eine eindeutige Aufforderung des Stockholmer Komitees, sich wieder der Makroforschung zu widmen, die bei manchen Ökonomen schon als out galt.

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