OECD-Ökonomin Catherine Mann: "Europa hinkt beim Schuldenabbau hinterher"

ThemaKonjunktur

InterviewOECD-Ökonomin Catherine Mann: "Europa hinkt beim Schuldenabbau hinterher"

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Catherine Mann, Cheföknomin der OECD.

von Malte Fischer

Die Chefökonomin der OECD Catherine Mann warnt vor einer weltweiten Investitionsschwäche und spricht sich für eine Stärkung der Nachfrage aus.

WirtschaftsWoche: Professorin Mann, die Weltwirtschaft wächst derzeit schwächer als erwartet, Unternehmen halten sich mit Investitionen zurück. Was ist der Grund dafür?

Catherine Mann: Die Unternehmensinvestitionen in den OECD-Ländern liegen derzeit nur um fünf Prozent über dem Niveau vor Ausbruch der Finanzkrise. Verglichen mit früheren Aufschwungphasen, müssten sie eigentlich um 20 bis 40 Prozent über dem Vorkrisenniveau liegen. Ein Grund für die Schwäche ist die erhöhte politische Unsicherheit, die die Investitionsbereitschaft der Firmen bremst. Dazu kommt, dass die Absatzaussichten für die Betriebe wackelig sind. Als Investitionshemmnis erweisen sich auch die Regulierungen auf Güter- und Dienstleistungsmärkten, die in den vergangenen Jahren zugenommen haben.

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Meilensteine der Ölpreisentwicklung

  • Beginne der Ölförderung

    Die ersten gewinnbringenden Erdölbohrungen finden Mitte des 19. Jahrhunderts statt. In dieser Zeit entstehen auch die ersten Raffinerien. Bis 1864 steigt der Ölpreis auf den Höchststand von 8,06 Dollar pro Barrel (159 Liter); inflationsbereinigt müssen damals im Jahresdurchschnitt 128,17 US-Dollar gezahlt werden. In den folgenden Jahrzehnten bleibt der Preis auf einem vergleichsweise niedrigen Level, fällt mitunter sogar, bedingt etwa durch den Erfolg der elektrischen Glühlampe, durch die Öl im privaten Haushalt nicht mehr zur Beleuchtung nötig ist.

  • Vollgas mit Benzin

    Mit dem Erfolg des Automobils zu Beginn des 20. Jahrhunderts steigt die Öl-Nachfrage rasant; speziell in den USA, wo der Ford Modell T zum Massenprodukt wird. 1929 fahren insgesamt 23 Millionen Kraftfahrzeuge auf den Straßen. Der Verbrauch liegt 1929 in den Staaten bei 2,58 Millionen Fass pro Tag, 85 Prozent davon für Benzin und Heizöl. Die Preise bleiben allerdings weiter unter fünf Dollar pro Fass (nicht inflationsbereinigt), da auch mehr gefördert wird.

  • Negative Folgen der Weltwirtschaftskrise

    In den 30er Jahren kommt die Große Depression, die Unternehmenszusammenbrüche, Massenarbeitslosigkeit, Deflation und einen massiven Rückgang des Handels durch protektionistische Maßnahmen zur Folge hat. Während der Weltwirtschaftskrise verringert sich die Nachfrage nach Erdöl und der Preis sinkt auf ein historisches Tief. 1931 müssen bloß noch 0,65 Dollar pro Barrel gezahlt werden (inflationsbereinigt etwa zehn US-Dollar). So billig sollte das schwarze Gold nie wieder sei.

  • Goldene Zeitalter des billigen Öls

    Nachdem sich die Weltkonjunktur erholt hat, steigt der Preise für Öl wieder, bleibt aber konstant unter fünf Dollar pro Barrel. Für die Jahre zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Ölkrise im Herbst 1973 spricht man deshalb vom „goldenen Zeitalter“ des billigen Öls.

  • Erste Ölkrise

    In den 70er und 80er Jahren kommt der Ölpreis in Bewegung. Als die Organisation der erdölexportierenden Länder (Opec) nach dem Krieg zwischen Israel und den arabischen Nachbarn im Herbst 1973 die Fördermengen drosselt, um politischen Druck auszuüben, vervierfacht sich der Weltölpreis binnen kürzester Zeit. Zum Ende des Jahres 1974 kostet ein Barrel über elf Dollar (inflationsbereinigt fast 55 US-Dollar). Dies bekommen auch Otto-Normal-Bürger zu spüren: In Deutschland bleiben sonntags die Autobahnen leer, in den USA bilden sich Schlangen vor den Tankstellen.

  • Preisexplosion während des Golfkriegs

    Während der zweiten Ölkrise in den Jahren 1979/1980 zieht der Ölpreis nach einem kurzfristigen Rückgang weiter an. Ausgelöst wird dies im Wesentlichen durch Förderungsausfälle und Verunsicherung nach der Islamischen Revolution. Nach dem Angriff Iraks auf Iran und dem Beginn des Ersten Golfkrieg explodieren die Preise regelrecht. Auf dem Höhepunkt im April 1980 kostet ein Barrel 39,50 Dollar (inflationsbereinigt 116 Dollar).

  • Niedrigpreise in den 80er und 90er Jahren

    Die 80er und 90er Jahre sind – abgesehen von dem kurzzeitigen Anstieg verursacht durch den Zweiten Golfkrieg – eine Phase niedriger Ölpreise. Die Industriestaaten befinden sich in einer Rezession und suchten aufgrund vorhergehenden Ölkrisen mit besonders hohen Preisen nach alternativen Energiequellen. Weltweit gibt es Überkapazitäten. Während der Asienkrise 1997/1998 sinkt die Nachfrage weiter. Ende des Jahres 1998 werden 10,65 Dollar pro Barrel verlangt.

  • Ein rasanter Anstieg

    Nach Überwindung der Krise wachsen die Weltwirtschaft und damit auch der Ölbedarf schnell. Selbst die Anschläge auf das World Trade Center 2001 sorgen nur für einen kurzen Rücksetzer. Anfang 2008 steigt der Ölpreis erstmals über 100 US-Dollar je Barrel, Mitte des Jahres sogar fast auf 150 Dollar. Ein Grund für den Preisanstieg wist der Boom des rohstoffhungrigen China, mittlerweile zweitgrößter Verbraucher der Welt.

  • Ölpreis 2015

    Die globale Finanzkrise und eine schwächelnde Konjunktur sorgen für einen Rückgang der Nachfrage. Gleichzeitig bleibt das Angebot durch die massive Förderung in den USA (Fracking) hoch. Die Folge: Der Ölpreis bricht ein. Ab Sommer 2014 rutscht der Preis für Brentöl innerhalb weniger Monate um rund 50 Prozent auf 50 Dollar. Erst im Februar 2015 erholte sich der Ölpreis leicht und schwankt um die 60 Dollar je Barrel.

  • Ölpreis heute

    Im Mai 2015 hatten sich die Ölpreise zwischenzeitlich erholt. Die Sorte Brent erreichte mit einem Preis von 68 US-Dollar je Barrel ein Jahreshoch. Von da aus ging es bis September des Jahres wieder steil bergab auf 43 Dollar. Nach einer Stabilisierung zwischen September und November nahm der Ölpreis seine wieder Talfahrt auf. Am 15. Januar hat der Ölpreis die 30-Dollar-Marke unterschritten.

Der US-Ökonom Robert Gordon behauptet, die Weltwirtschaft stehe vor einer lang anhaltenden Schwächephase. Teilen Sie die These?

Gordon betont zu Recht, dass Investitionen in innovative Technologien den Kapitalstock und damit das langfristige Wachstumspotenzial der Wirtschaft bestimmen. Unsere eigenen Untersuchungen zeigen jedoch, dass das Innovations- und Investitionstempo bei Unternehmen, die in ihren jeweiligen Branchen zu den Top-Innovatoren gehören, unverändert hoch ist. Woran es mangelt, ist die Verbreitung der neuen Technologien bei der breiten Masse der Unternehmen. Das bremst die Produktivität.

Das spricht für eine anziehende Konjunktur

  • Niedriger Euro - billiges Öl

    Der Einbruch des Ölpreises und der niedrige Euro wirken wie ein Konjunkturpaket für die Wirtschaft. Vor allem günstiges Tanken und Heizen lässt den Verbrauchern Spielraum für zusätzliche Ausgaben. Die Stimmung der Konsumenten ist nach Berechnungen der GfK-Marktforscher derzeit so gut wie seit mehr als 13 Jahren nicht mehr. Viele Unternehmen werden auf der Kostenseite entlastet. Ihnen spielt zudem der billige Euro in die Karten, der die Exporte nach Übersee günstiger macht. Dies dürfte sich nach Ansicht von Experten künftig auch stärker in den Außenhandelszahlen niederschlagen.

    Quelle: Reuters

  • Guter Arbeitsmarkt

    2015 dürfte es wieder einen Beschäftigungs-Rekord geben. Zudem sank die Zahl der Arbeitslosen im vorigen Monat auf 2,93 Millionen - dies ist die geringste Arbeitslosigkeit in einem März seit 1991. "Das Risiko, arbeitslos zu werden, ist sehr, sehr gering", sagt Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit. Die Jobsicherheit schiebt - zusammen mit niedrigen Zinsen und höheren Löhnen - den Konsum der Deutschen an.

  • Krisenländer holen auf

    Nach Jahren der Rezession geht es in vielen ehemaligen Krisenstaaten wieder spürbar bergauf - allen voran in Irland und Spanien. Auch Portugal und Griechenland kommen besser in Schwung. Davon könnte Deutschland als Exportnation profitieren.

Können denn die Niedrigzinsen die Investitionen anregen?

Die politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten haben dazu geführt, dass die Investitionen kaum auf Zinssignale reagieren. Die Wirtschaft befindet sich in einer keynesianischen Investitionsfalle. Allerdings trifft das nicht für alle Sektoren zu. Die privaten Haushalte reagieren durchaus zinselastisch. In Ländern, in denen sich die Bürger zu variablen Zinskonditionen verschuldet haben, haben die niedrigen Zinsen den Schuldendienst verringert und den Konsum angeregt. Zudem wirken sich die gestiegenen Aktienkurse positiv auf das Vermögen und die Kauflaune aus. Die geldpolitischen Impulse stimulieren derzeit vor allem über den Sektor der privaten Haushalte die Konjunktur.

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