OECD-Studie: Kampf gegen die Kluft zwischen Arm und Reich

OECD-Studie: Kampf gegen die Kluft zwischen Arm und Reich

von Jan Willmroth

Wirtschaftskrisen treffen vor allem sozial Schwache. Die gebeutelten Industrieländer stehen vor einem Doppelproblem: Sie müssen Wachstum schaffen und soziale Ungleichheit bekämpfen. Forscher der OECD zeigen in einer Studie, wie beides zusammen funktionieren kann.

Krisen scheinen das moderne Deutschland nicht besonders zu kümmern. Die Auftragsbücher der Industrie sind voll, Ingenieure werden verzweifelt gesucht, deutsche Unternehmen schreiben Rekordgewinne. Die Finanzkrise hat Deutschland abgeschüttelt, die europäische Schuldenkrise kann Europas Wirtschaftsmotor bislang nicht viel anhaben. Doch gesamtwirtschaftliche Krisen bleiben hängen - besonders bei den Ärmeren, wie Forscher der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) errechnet haben.

Aus altbewährten Daten zum Wirtschaftswachstum wie dem Bruttoinlandsprodukt geht das aber nicht hervor. Während in den zwanzig Jahren vor der Finanzkrise 2008 die Haushaltseinkommen in Deutschland um durchschnittlich 0,9 Prozent pro Jahr stieg, kam davon in der untersten Einkommensklasse nur 0,1 Prozent jährlich an. Auch wenn das deutsche Wachstum in den Jahren nach der Finanzkrise beachtlich war - die Ärmsten profitieren davon kaum. Die Einkommen der Reicheren stiegen hingegen überdurchschnittlich. In den vergangenen 15 Jahren ging die Schere zwischen den obersten und untersten zehn Prozent der deutschen Arbeitnehmer um ein Fünftel weiter auf. In Deutschland wächst die Ungleichheit im OECD-Vergleich besonders schnell. Zudem bergen Wirtschaftskrisen gerade für junge Leute Gefahren: In den vergangenen beiden Jahren stieg die Jugendarbeitslosigkeit im OECD-Schnitt drastisch an.

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Vor allem westliche Industriestaaten wie die EU-Länder, aber auch Schwellenländer wie Russland stecken nun in einem Dilemma: Sie wollen ihr Wachstum ankurbeln und gleichzeitig die wachsende soziale Ungleichheit bekämpfen. In einem am Montag vorab veröffentlichten Auszug aus der März erscheinenden Studie "Going for Growth" (engl. etwa "Weg zum Wachstum") zeigt die OECD auf, wie künftig auch ärmere Schichten mehr vom Wirtschaftswachstum profitieren könnten:

  • Bildung: Wenn mehr junge Menschen ihr Abitur oder einen Uniabschluss machen und möglichst viele Zugang zu Bildung haben, verringert das die soziale Ungleichheit. Gleichzeitig wirken sich die Investitionen in Bildung positiv auf das Wachstum aus. Ökonomen nennen den Grad der Qualifikation der Arbeitnehmer Humankapital. In rohstoffarmen Ländern mit hohen Produktionskosten, etwa in Deutschland, lohnen sich Investitionen in Humankapital besonders.
  • Arbeitsmarktpolitik: Eine effiziente Arbeitsmarktpolitik zeigen die Autoren der Studie am Beispiel des Mindestlohns auf. Ein hoher Mindestlohn verringere die Ungleichheit. Sei er aber zu hoch, führe er zu Arbeitslosigkeit, was den Gleichheitseffekt wieder auffrisst. Auch starke Gewerkschaften reduzierten die Ungleichheit. Hier steht Deutschland mit seiner Tarifautonomie relativ gut da.
  • Integration: Die Integration von Immigranten in den Arbeitsmarkt sowie Antidiskriminierungsgesetze können für mehr Gleichheit sorgen. Deutschland hat es angesichts der alternden Bevölkerung bitter nötig, mehr qualifizierte Arbeitnehmer aus dem Ausland zu integrieren, um auch künftig zu wachsen. Angesichts der aktuellen Euro-Krise ist die Zuwanderung vor allem aus dem Euro-Raum wieder gestiegen.
  • Frauen im Arbeitsmarkt: Mehr Frauen in die Aufsichtsräte! Mehr Frauen in den Vorstand! - die Debatte um Frauenquoten ist bis auf EU-Ebene in vollem Gange. Die OECD fängt weiter unten an: Viele Staaten sollten erst einmal dafür sorgen, dass überhaupt mehr Frauen arbeiten. Hier sind die Industriestaaten schon sehr weit. Nachholbedarf gibt es vor allem in Schwellenländern.
  • Steuerpolitik: In vielen Staaten verläuft der Einkommensteuertarif progressiv - wer mehr hat, muss im Verhältnis zum Einkommen auch mehr zahlen. Bei Sozialabgaben, Konsumsteuern und Steuern auf Grund und Boden gibt es diesen Verlauf zumeist nicht. Wer mehr hat, zahlt relativ weniger. Hinzu kommen niedrige Steuern auf Kapitaleinkommen für Höchstverdiener. Laut OECD können die Staaten vor allem dort ansetzen, ohne Wachstum zu gefährden.

All diese Maßnahmen können dem zweiten vorab veröffentlichten Kapitel zufolge (pdf) dazu dienen, die unteren Einkommensgruppen weniger den Risiken wirtschaftlicher Schocks wie den jüngsten Krisen auszusetzen. Verschiedene Ländergruppen gehen mit dem höheren Risiko für Geringverdiener anders um. Im angelsächsischen und asiatischen Raum setzen die Staaten auf Institutionen und Anreize, um den Wettbewerb und die Mobilität der Arbeitnehmer zu fördern.

Andere, wie Deutschland oder Frankreich, setzen auf Sozialtransfers. Die sind zwar mit langfristig hohen Kosten verbunden und verschlingen viel Geld, das für Investitionen und damit für das Wachstum fehlt, schützen aber vor Armut und dämpfen die Ungleichheit. Und die ist in den USA von allen führenden Industriestaaten immer noch am stärksten ausgeprägt.

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