Ökonomen der Krise: Alexander Rüstow: Starker Staat in schwierigen Zeiten

Ökonomen der Krise: Alexander Rüstow: Starker Staat in schwierigen Zeiten

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Opel-Händler in Hanau (Hessen)

Alexander Rüstow erfand den Neoliberalismus und warnte vor den Folgen staatlicher Intereventionslust. Trotzdem forderte er einen starken Staat - gerade in schwierigen Zeiten.

Im September 1932 lädt der traditionsreiche „Verein für Socialpolitik“ namhafte Ökonomen nach Dresden ein. Es sind keine guten Zeiten. Die Wirtschaftskrise hält Deutschland im Würgegriff. Und so ist es kein Wunder, dass die Gelehrten vor allem über Strategien gegen die Misere diskutieren wollen. Hauptredner der Veranstaltung: ein gewisser Alexander Rüstow.

Der Ökonom hält an diesem Tag eine bemerkenswerte Rede gegen den Zeitgeist. Seine Kernbotschaft: Die Ursache für viele Missstände ist der um sich greifende Staatsinterventionismus, der notwendige Anpassungsprozesse in Wirtschaft und Gesellschaft verhindere. Rüstow propagiert aber keinen Nachtwächterstaat im Sinne Adam Smiths, sondern fordert „einen starken Staat, der über den Gruppen, über den Interessenten steht, einen Staat, der sich aus der Verstrickung mit den Wirtschaftsinteressen herauslöst“. „Dies“, so urteilt heute der Ökonom und Wirtschaftshistoriker Joachim Starbatty, „war die Geburtsstunde des deutschen Neoliberalismus.“

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Da ist es also, das böse N-Wort. Dieser Igitt-Begriff, der in Zeiten von Finanzkrise und raffgierigen Bankern in Deutschland mittlerweile einen Klang hat wie Nieselregen und Brechdurchfall. Doch nur die wenigsten, die heute den „Neoliberalismus“ als Synonym für soziale Kälte und ökonomische Unmoral geißeln, wissen, worüber sie im Kern reden. Was Rüstow als „neoliberal“ bezeichnet, hat nichts mit ungezügeltem Laissez-faire-Kapitalismus zu tun. Rüstow sieht sogar explizit ein „Versagen des Wirtschaftsliberalismus“ alter Prägung, der mangels eines wirksamen Kartellrechts eine wettbewerbsfeindliche Machtkonzentration zuließ – und den Staat, wie Rüstow es sah, zur Beute von Lobbyisten gemacht hatte.

Das „Chaos einer pluralistischen Beutewirtschaft“ will Rüstow durch eine Wettbewerbsordnung mit klaren Spielregeln bändigen. Wichtigste Aufgabe des Staates ist für ihn die Kontrolle und Entflechtung wirtschaftlicher Macht und die Garantie eines fairen Leistungswettbewerbs – ein Ansatz, der Rüstow später zu einem der Gründerväter der sozialen Marktwirtschaft werden lässt. Marktinterventionen betrachtet er in Ausnahmefällen für legitim, etwa um den Strukturwandel zu beschleunigen. Und er hält es für die moralische Pflicht des Staates, im Rahmen einer „Vitalpolitik“ den sozial Schwachen zu helfen. Allerdings redet er nicht dem Umverteilungsstaat das Wort, sondern betont das Prinzip der Subsidiarität: „Brauchst du eine hilfreiche Hand, so suche sie zunächst am Ende deines rechten Arms.“ Im Gegenzug muss der Staat absolute Chancengleichheit schaffen – wozu für Rüstow auch hohe Erbschaftsteuern gehören.

Mit großer Klarheit sah der eloquente Ökonom, der dreimal heiratete und sieben Kinder hatte, welche gefährliche Interventionsspirale droht, wenn sich der Staat in Krisenzeiten zum zentralen Akteur aufschwingt. Geradezu unheimlich erscheint angesichts der heutigen Situation, was Rüstow schon 1932 in einem Beitrag für den „Deutschen Volkswirt“ schrieb: „Wenn Kapitalverluste drohen oder eintreten, springt man mit Staatsgarantien ein oder füllt aus öffentlichen Mitteln auf. Da die Strukturveränderungen, denen man auf diese Weise entgegenwirken will, gewöhnlich nicht stehenbleiben, sondern sich fortsetzen, muss man immer von Neuem und immer schärfer in der gleichen Gegenrichtung eingreifen, um die beabsichtigte Wirkung zu erzielen. Außerdem gewöhnen sich die Interessenten rasch an diese Nachhilfe. Der Appetit kommt beim Essen, und so ergibt sich jene Schraube mit dem schlimmen Ende, an dem wir jetzt angelangt sind.“

Berater von Ludwig Erhards

Wer war der Mann, der vor über 70 Jahren exakt das aufschrieb, was wir heute erleben? Rüstow wird 1885 als Spross einer Offiziersfamilie in Wiesbaden geboren. Er geht in Berlin zur Schule und entwickelt sich danach zum Universalgelehrten – von 1903 bis 1908 studiert er an drei Universitäten insgesamt sechs Fächer, darunter Nationalökonomie und Philosophie. Nach der Promotion arbeitet er einige Jahre bei einem Verlag in Leipzig.

Dann kommt der Erste Weltkrieg. Rüstow meldet sich zur Armee, kehrt desillusioniert und behängt mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse zurück. Das politische Versagen des Wilhelminischen Deutschlands lässt ihn zunächst mit den Sozialisten anbandeln; im Sozialismus hofft er „die echte menschliche Verbundenheit wieder zu erringen“. Doch die Desillusionierung kommt schnell: Als „Referent für die Nationalisierung der Kohleindustrie“ im Reichswirtschaftsministerium erkennt er bald die Grenzen sozialistischer Planwirtschaft.

1924 wechselt der Ökonom zum „Verein deutscher Maschinenbauanstalten“. Als die Nationalsozialisten an die Macht kommen und die Gestapo seine Wohnung durchwühlt, emigriert Rüstow 1933 in die Türkei. 1938 reist er nach Paris zu einem Treffen führender Liberaler. Dort soll Rüstow erstmals den Begriff „Neoliberalismus“ eingeführt haben. 1949 kehrt er nach Deutschland zurück. Er erhält einen Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Heidelberg und wirkt fortan am Aufbau der Sozialen Marktwirtschaft mit – als Berater von Ludwig Erhard.

Robert Shiller Rufer in der Finanzwüste

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