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Ökonomen der Krise: Irving Fisher: Kreislauf des Grauens

von Hendrik Buhrs

Die Mutter aller Krisen war für den US-Ökonomen Irving Fisher die Überschuldung, gepaart mit Deflation. Er forderte eine Entmachtung der Geschäftsbanken.

Skyline der Bankenmetropole Quelle: dpa
Skyline der Bankenmetropole Frankfurt: Die Finanzkrise könnte sich auch deutlich auf Deutschland auswirken, warnen Manager und Politiker Quelle: dpa

Er selbst war eines der ersten Krisenopfer: Irving Fisher, Starökonom im Amerika der Zwanzigerjahre, hatte sich in einer Zeitungskolumne zu weit aus dem Fenster gelehnt. „Die Kurse haben ein dauerhaft hohes Niveau erreicht“, schrieb Fisher, er werde sogar noch Aktien nachkaufen. Wenige Tage später brach die Wall Street zusammen, und die ganze Welt rutschte in die Depression. Fishers Privatvermögen und seine berufliche Reputation waren gleichermaßen dahin: Sein Arbeitgeber, die Universität Yale, kaufte sein Wohnhaus und ließ ihn zur Miete darin wohnen. Eine Schmach für den Wissenschaftler, der dank seiner vielseitigen Forschungen der meistzitierte Ökonom seiner Zeit war.

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Es war nicht der erste Nackenschlag, den er in seinem Leben wegstecken musste. Sein Vater stirbt, als der junge Irving gerade ein Mathematikstudium aufnehmen will, und hinterlässt ihm ganze 500 Dollar. Sparsamkeit und Stipendien bringen ihn durch die Semester, vor allem aber eine bemerkenswerte Begabung. 1891 legt er seine Dissertation über die Preistheorie vor und wird erster Doktor der jungen Disziplin Ökonomie in Yale. Er schreibt über Zinsen und Kaufkraft und ist Pionier für Methoden, die noch heute verwendet werden, zum Beispiel die Korrelationsanalyse. 1930 wird er erster Präsident der Econometric Society, die sich für die Verknüpfung ökonomischer Fragen mit Mathematik und Statistik einsetzt. Menschlich gilt Fisher allerdings als schwierig. Er hat nach einer Tuberkulose-Erkrankung einen Diätwahn und ist strikter Befürworter der Prohibition.

1933 erscheint im Fachblatt Econometrica Fishers Schulden-Deflations-Theorie. Er hatte die große Krise nicht vorausgesehen, aber nun will er sie wenigstens nachträglich erklären. In seiner Theorie analysiert er als erster Ökonom die Wechselwirkungen zwischen Überschuldung und Deflation. Für Irving sind diese zwei „Krankheiten“ verantwortlich für die Misere. Am Anfang der Kette steht ein Boom, der die Wirtschaftsakteure zu überbordendem Optimismus verleitet. In Erwartung weiter steigender Einkommen und Gewinne finanzieren Betriebe und Haushalte immer mehr auf Pump. Weil sie aber ihre Zins-und Tilgungslasten im Abschwung nicht mehr leisten können, kommt es zu Insolvenzen, Notverkäufen und sinkender Nachfrage. Daraufhin sinken die Preise, was dazu führt, dass die Schulden real wachsen. Kreditgeber rufen nun angesichts des Wertverfalls ihrer Sicherheiten Kredite zurück, es kommt zu weiteren Notverkäufen. Wohlhabendere Haushalte und Unternehmen versuchen ihrerseits, ihre real steigenden Schulden schnell zu tilgen – auf Kosten von Konsum und Investitionen. Die sinkende Nachfrage drückt die Preise abermals, ein Kreislauf des Grauens, und irgendwie kommt einem das alles sehr bekannt vor.

Fishers Gegenstrategie freilich lässt sich kaum auf die heutige Zeit übertragen. Er empfiehlt US-Präsident Roosevelt, die Deflation durch eine Abkehr vom damals geltenden Goldstandard zu bekämpfen. Roosevelt hört auf den Ökonomen. Amerika verlässt den Goldstandard, kann den Dollar abwerten und die Exporte ankurbeln; zudem kommen aus dem politisch instabilen Europa große Kapitalströme ins Land. Die Geldmenge wächst wieder.

Als die Depression nachlässt, sucht Fisher nach grundsätzlichen Gegenmitteln zum ewigen Auf und Ab. Seine letzte große Reformschrift heißt 100% Money, und deren Kernthese birgt gewaltigen Zündstoff. Fisher fordert zwecks Disziplinierung des Bankensektors eine 100-prozentige Mindestreserve-Pflicht. Darlehen könnten dann nur noch vergeben werden, wenn die Geschäftsbank ein entsprechendes Guthaben bei der Zentralbank hat. Geld schöpfen könnte sie nicht mehr. Das bliebe allein der Zentralbank vorbehalten, die die alleinige Kontrolle über die Geldmenge hätte – und nicht gezwungen wäre, in Krisenzeiten faule Papiere der Kreditinstitute anzukaufen.

Ernsthaft diskutieren will das allerdings niemand. Die Zeitung American Banker witzelt über „Professor Fishers komisches Konzept“. Auch mit Blick auf die heutige Zeit und die aktuelle Kreditklemme erscheint Fishers Idee eher kontraproduktiv.

Gleichwohl schätzt die Nachwelt heute das ökonomische Gesamtwerk des 1946 gestorbenen Ökonomen. Die Universität Yale hat Fishers Artikel, Reden und Notizen archiviert, mehr als sechs Regalmeter, die heute zum Fundament der Makroökonomik gehören. Allein die Fisher-Gleichung zum Geldkreislauf kennt jeder VWL-Student. Doch im Archiv steckt auch manche Überraschung, zum Beispiel How to live, sein bestverkauftes Buch: Es ist ein Gesundheitsratgeber.

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10 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 06.11.2009, 17:27 UhrAnonymer Benutzer: Peter

    Diesem Artikel würde ich eine 0 geben, wenn es sie denn hier gäbe. Denn hier wird ein kluger Ökonom schlecht geschrieben:
    "Auch mit blick auf die heutige Zeit und die aktuelle Kreditklemme erscheint Fishers idee eher kontraproduktiv".
    Was Fisher forderte war die "Rückkehr" der Notenbanken, also ihr zuvorderst alleinig obligendes Recht zur Geldschöpfung, welches sie sich dummerweise vor 100 Jahren haben aus der Hand nehmen lassen (siehe www.berndsenf.de).
    Ebenfalls dummerweise sind ja immer noch die heutigen Notenbankchefs eben diejenigen, welche den Schlamassel verursacht haben, und logischerweise diesen Geldschöpfungsprozeß nicht aus der Hand geben wollen.
    Wieso nicht? Das wird sich jeder denken können. Wer das Geld macht hat die Macht ;-)
    Es scheint mir hier die Anwendung des Grundgesetzes Artikel 14 Absatz 1 Satz 2 angebracht: Eigentum verpflichtet.
    Wer also Massen verarmen läßt, ist per Gesetz dazu verpflichtet das Geld wieder in der breiten bevölkerung zu verteilen, also selbst abzugeben.
    Falls das nicht "von allein" geschieht wäre die Alternative dazu: Die Geldschöpfung wieder in die öffentliche Hand zu legen. Hierzu gibt es einen Vorschlag von Prof.Dr.Joseph Huber: www.monetative.de.

  • 04.04.2009, 16:24 UhrAnonymer Benutzer: Bambusfackel

    Das Problem sind doch nicht nur die Spekulationen und Wetten, die da teilweise auf den Finanzmärkten betrieben worden und künstliche Wachstums und Rendite-Steigerungen erspielt haben, die aber von der Realwirtschaft völlig entkoppelt waren und in dem Moment als blase platzen, wenn in größeren Mengen versucht wird, sein Spekulationsgewinn in "reales" Geld umzuwandeln.
    Der Wachstumszwang, der durch das Pumpen von Unmengen an Geld in den Kreislauf verursacht und durch den Zins erst Recht noch verstärkt wird, konnte ja garnicht mehr auf den Realmärkten befriedigt werden. Wenn es die Spekulativen Finanzmärkte mit ihrer Abkopplung von der Realwirtschaft und die Erschließung neuer Märkte in der dritten Welt mit Hilfe der bretten-Woods-institutionen (World bank, iMF) nicht gegeben hätte, dann wäre unser System doch schon viel früher eingestürzt.
    insofern waren die Finanzmärkte, die ihre blasen aufblähen und nichts mehr mit der Realwirtschaft zutun haben, doch eine Notwendigkeit, das System überhaupt fortführen zu können.
    Das ist eben genau der Punkt, den die Linken nicht einsehen wollen, weil sie sonst Sylvio Gesell Recht geben müssten, der ihren geliebten Marx ja so arg kritisiert hat. Sie denken, es bräuchte Staatliche Kontrolle und Eingriff, um die Finanzmärkte und Spekulationsblasen zu unterbinden... Nun, wenn sie das tun, dann gehen diese Volkswirtschaften pleite auf Dauer, wenn sie nicht gleichzeitig die kreditweise Geldschöpfung sowohl privater Gben als auch die der Zentralbanken abschaffen bzw. reformieren, oder ?
    Ein recht hübscher Spruch trifft es haargenau auf den Punkt:

    Der Kapitalismus geht erst pleite und verstaatlicht dann (die Verluste^^)...
    Der Sozialismus verstaatlicht als erstes und geht dann pleite.

  • 04.04.2009, 16:19 UhrAnonymer Benutzer: Bambusfackel

    "Auch mit blick auf die heutige Zeit und die aktuelle Kreditklemme erscheint Fishers idee eher kontraproduktiv."
    Mal davon abgesehen, dass eine Geschäftsbank nicht die Aufgabe hat auf Geldwert-Stabilität oder sonstige Gesamtwirtschaftliche Ziele zu achten, sondern lediglich ihr eigenes Geschäftsinteresse verfolgt, wodurch die Geldschöpfung der Gben allein deshalb schon mindestens fragwürdig ist, sollte sich Herr Rüstow mal fragen, wie es denn zur Kreditklemme kam ?
    Da beißt sich die Katze in den Schwanz, hat die Geldschöpfung der Gben doch schließlich ihren wesentlichen beitrag zu dieser Klemme geleistet, indem die Geldmenge exorbitant erhöht wurde mit der Kreditvergabe ohne vorhandene Sicherheiten.
    Aber auch Fisher hat nicht erklärt, dass Gben allein schon aufgrund der kreditweisen Geldschöpfung der Zben gezwungen sind, immer mehr Schuldner zu finden, selbst wenn ihre Anleger keine immensen Renditen bzw. Zinsen von ihnen erwarten würden:
    Ein System, das sein Geld als Kredit schöpft, muss zum begleichen der Zinsen gesamtwirtschaftlich gesehen neues Geld schöpfen und zwingt sich quasi selbst immer mehr Schulden plus Zinslasten zu produzieren. Das zwingt wiederum die Wirtschaft zum Wachstum. Das ist ja das Hauptargument der Verfechter des Zinses, dass dieser Wachstum fördert und den Fortschritt beflügele.
    Was passiert denn, wenn sich Unternehmen und Haushalte nicht mehr verschulden wollen und der Staat als Schuldner einspringen muss?
    Die Staatsverschuldung schaufelt das Geld von unten nach oben, da der kleine Mann bei den Gläubigern und Geldvermögenden, die ihre Renditen ihrer Anlagen dann von der Geschäftsbank einfordern, in der Minderheit ist.
    Was passiert aber, wenn der Staat sich vielleicht nicht mehr weiterverschulden möchte?(z.b. Clinton in den 90ern)
    Dann müssen die banken z.b. wieder auf private Haushalte als Schuldner zurückgreifen, bei den Sicherheiten aber immer mehr Augen zudrücken-->Subprime-Krise.

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