Ölpreis: Die große Zeit des Erdöls ist vorbei

AnalyseÖlpreis: Die große Zeit des Erdöls ist vorbei

von Hans Jakob Ginsburg

Mit kaum 41 Dollar pro Fass ist der Ölpreis auf ein dramatisches Tief gesunken. Auch wenn kurzfristig Erholung in Sicht ist - langfristig ist es mit den hohen Preisen vorbei. Eine Analyse.

War es das schon wieder? Am Dienstag war der Ölpreis auf den tiefsten Stand seit Februar 2009 gefallen, Mittwochmorgen nach deutscher Zeit ging es schon wieder bergauf, ein bisschen wenigstens. Weil der chinesische Staat den Preisverfall zu großen Einkäufen für seine strategische Ölreserve nutzt, hieß es an den ostasiatischen Märkten. Es darf ja nicht dazu kommen, dass Peking der Stoff für die weitere Vergiftung seiner Luft ausgeht.

China und die Umweltfolgen des Erdölkonsums – das sind schon zwei wichtige Faktoren für die dramatische Preisentwicklung in diesem Winter, der kein Winter sein will. Überraschend flaue chinesische Konjunkturdaten haben seit vergangener Woche die Aktienkurse in vielen Ländern und fast alle Rohstoffpreise abbröckeln lassen – das Öl steht da in einer Reihe mit Eisen, Kupfer und anderen Materialien, deren Nachfrage schnell sinkt, wenn die Schornsteine nicht mehr rauchen.

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Beim Erdöl kommt natürlich hinzu, dass dieser Rauch selber suspekt geworden sind. Glaubt man den Worten der meisten Spitzenpolitiker aus den Industrieländern, hat der Energieträger Erdöl keine lange Zukunft mehr. Nicht nur beim Pariser Umweltgipfel ist Dekarbonisierung angesagt. Und darum der Preisverfall.

Schlechte Aussichten

Denn alle Ölproduzenten können inzwischen wissen, dass ihre Bodenschätze in wenigen Jahrzehnten kaum noch verkäuflich sein werden. Gewiss: Bei einem Ölpreis von rund 40 Dollar für das Barrel sinkt das Angebot von Produzenten außerhalb der Opec so stark wie seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr.

Meilensteine der Ölpreisentwicklung

  • Beginne der Ölförderung

    Die ersten gewinnbringenden Erdölbohrungen finden Mitte des 19. Jahrhunderts statt. In dieser Zeit entstehen auch die ersten Raffinerien. Bis 1864 steigt der Ölpreis auf den Höchststand von 8,06 Dollar pro Barrel (159 Liter); inflationsbereinigt müssen damals im Jahresdurchschnitt 128,17 US-Dollar gezahlt werden. In den folgenden Jahrzehnten bleibt der Preis auf einem vergleichsweise niedrigen Level, fällt mitunter sogar, bedingt etwa durch den Erfolg der elektrischen Glühlampe, durch die Öl im privaten Haushalt nicht mehr zur Beleuchtung nötig ist.

  • Vollgas mit Benzin

    Mit dem Erfolg des Automobils zu Beginn des 20. Jahrhunderts steigt die Öl-Nachfrage rasant; speziell in den USA, wo der Ford Modell T zum Massenprodukt wird. 1929 fahren insgesamt 23 Millionen Kraftfahrzeuge auf den Straßen. Der Verbrauch liegt 1929 in den Staaten bei 2,58 Millionen Fass pro Tag, 85 Prozent davon für Benzin und Heizöl. Die Preise bleiben allerdings weiter unter fünf Dollar pro Fass (nicht inflationsbereinigt), da auch mehr gefördert wird.

  • Negative Folgen der Weltwirtschaftskrise

    In den 30er Jahren kommt die Große Depression, die Unternehmenszusammenbrüche, Massenarbeitslosigkeit, Deflation und einen massiven Rückgang des Handels durch protektionistische Maßnahmen zur Folge hat. Während der Weltwirtschaftskrise verringert sich die Nachfrage nach Erdöl und der Preis sinkt auf ein historisches Tief. 1931 müssen bloß noch 0,65 Dollar pro Barrel gezahlt werden (inflationsbereinigt etwa zehn US-Dollar). So billig sollte das schwarze Gold nie wieder sei.

  • Goldene Zeitalter des billigen Öls

    Nachdem sich die Weltkonjunktur erholt hat, steigt der Preise für Öl wieder, bleibt aber konstant unter fünf Dollar pro Barrel. Für die Jahre zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Ölkrise im Herbst 1973 spricht man deshalb vom „goldenen Zeitalter“ des billigen Öls.

  • Erste Ölkrise

    In den 70er und 80er Jahren kommt der Ölpreis in Bewegung. Als die Organisation der erdölexportierenden Länder (Opec) nach dem Krieg zwischen Israel und den arabischen Nachbarn im Herbst 1973 die Fördermengen drosselt, um politischen Druck auszuüben, vervierfacht sich der Weltölpreis binnen kürzester Zeit. Zum Ende des Jahres 1974 kostet ein Barrel über elf Dollar (inflationsbereinigt fast 55 US-Dollar). Dies bekommen auch Otto-Normal-Bürger zu spüren: In Deutschland bleiben sonntags die Autobahnen leer, in den USA bilden sich Schlangen vor den Tankstellen.

  • Preisexplosion während des Golfkriegs

    Während der zweiten Ölkrise in den Jahren 1979/1980 zieht der Ölpreis nach einem kurzfristigen Rückgang weiter an. Ausgelöst wird dies im Wesentlichen durch Förderungsausfälle und Verunsicherung nach der Islamischen Revolution. Nach dem Angriff Iraks auf Iran und dem Beginn des Ersten Golfkrieg explodieren die Preise regelrecht. Auf dem Höhepunkt im April 1980 kostet ein Barrel 39,50 Dollar (inflationsbereinigt 116 Dollar).

  • Niedrigpreise in den 80er und 90er Jahren

    Die 80er und 90er Jahre sind – abgesehen von dem kurzzeitigen Anstieg verursacht durch den Zweiten Golfkrieg – eine Phase niedriger Ölpreise. Die Industriestaaten befinden sich in einer Rezession und suchten aufgrund vorhergehenden Ölkrisen mit besonders hohen Preisen nach alternativen Energiequellen. Weltweit gibt es Überkapazitäten. Während der Asienkrise 1997/1998 sinkt die Nachfrage weiter. Ende des Jahres 1998 werden 10,65 Dollar pro Barrel verlangt.

  • Ein rasanter Anstieg

    Nach Überwindung der Krise wachsen die Weltwirtschaft und damit auch der Ölbedarf schnell. Selbst die Anschläge auf das World Trade Center 2001 sorgen nur für einen kurzen Rücksetzer. Anfang 2008 steigt der Ölpreis erstmals über 100 US-Dollar je Barrel, Mitte des Jahres sogar fast auf 150 Dollar. Ein Grund für den Preisanstieg wist der Boom des rohstoffhungrigen China, mittlerweile zweitgrößter Verbraucher der Welt.

  • Ölpreis 2015

    Die globale Finanzkrise und eine schwächelnde Konjunktur sorgen für einen Rückgang der Nachfrage. Gleichzeitig bleibt das Angebot durch die massive Förderung in den USA (Fracking) hoch. Die Folge: Der Ölpreis bricht ein. Ab Sommer 2014 rutscht der Preis für Brentöl innerhalb weniger Monate um rund 50 Prozent auf 50 Dollar. Erst im Februar 2015 erholte sich der Ölpreis leicht und schwankt um die 60 Dollar je Barrel.

  • Ölpreis heute

    Im Mai 2015 hatten sich die Ölpreise zwischenzeitlich erholt. Die Sorte Brent erreichte mit einem Preis von 68 US-Dollar je Barrel ein Jahreshoch. Von da aus ging es bis September des Jahres wieder steil bergab auf 43 Dollar. Nach einer Stabilisierung zwischen September und November nahm der Ölpreis seine wieder Talfahrt auf. Am 15. Januar hat der Ölpreis die 30-Dollar-Marke unterschritten.

Sollte das derzeitige Überangebot zum Ende des Jahres tatsächlich abgebaut sein, „dürfte sich der Ölpreis in der zweiten Jahreshälfte 2016 deutlich erholen“, schreiben die Energieexperten der Commerzbank diese Woche in einer Studie.

Sicher richtig, wenn man bedenkt, dass die großen westlichen Ölunternehmen ihre Investitionen zurückfahren, die Zahl der neuen Fracking-Bohrlöcher in den USA deutlich gesunken ist und weltweit 250.000 Beschäftigte in der Ölförderindustrie in diesem Jahr ihren Job verloren haben. All das macht die Prognose der Ratingagentur Fitch plausibel, die jetzt mit einem durchschnittlichen Barrel-Preis von 55 Dollar im kommenden Jahr und 65 Dollar im Jahr 2017 rechnet.

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Doch was ist das gegen die 110 Dollar von 2014 oder gar die 150 Dollar vom Sommer 2008? Die große Zeit des Erdöls ist vorbei, und niemand weiß das so gut wie die größten Produzenten. Energieunternehmen in den USA können daraus die Folgerung ziehen, ihr Geld in andere Geschäftsfelder zu investieren – für ökonomische Monokulturen von Saudi-Arabien über Russland bis Venezuela ist das viel schwieriger. Sie haben im Grunde nur die Option, möglichst schnell möglichst viel von ihren Vorräten zu fördern und zu verkaufen. Und weil das so ist, ist eine dauerhafte und massive Preissteigerung in den kommenden Jahren ganz unwahrscheinlich. Und in den Vorstandsetagen der multinationalen Ölkonzerne werden amerikanischen Medienberichten zufolge Szenarien für einen weiteren Preisrückgang bis auf 20 Dollar durchgespielt.

Wie die aussehen sollen, ist unklar. Unverkaufte Weihnachtsmänner aus Schokolade lassen sich bekanntlich ab dem 27. Dezember in Osterhasen umschmelzen. Für Erdöl ist so etwas noch nicht erfunden.

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