Ölpreis: Schlechte Zeiten - auch für die Opec

Ölpreis: Schlechte Zeiten - auch für die Opec

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Durstiges Amerika: Die größten Erdölverbraucher in Prozent (Klicken Sie auf die Grafik für eine erweiterte Ansicht)

Gute Nachrichten für die Konjunktur sind derzeit so selten, dass sie nicht kleingeredet werden sollten. Das gilt auch für den Absturz des Rohölpreises seit Mitte Juli.

Ungefähr 19 Milliarden Euro habe die Preisexplosion im ersten Halbjahr 2008 die deutsche Volkswirtschaft gekostet, rechnet Claudia Kemfert vor, Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Das sei auch „die ungefähre Größenordnung, um die sie jetzt entlastet wird“.

Dass tankende Autofahrer oder industrielle Abnehmer von Ölderivaten vom Rückgang des Rohölpreises tatsächlich weniger profitieren, liegt nicht nur am großen Anteil der Mineralölsteuer am Benzinpreis oder an kleinen Tricks der Ölgesellschaften: Der Dollar, in dem Erdölpreise international verrechnet werden, hat sich gegenüber dem Euro in den vergangenen Wochen erholt. Das wiederum hat auch mit dem billigeren Rohöl zu tun, das die Importrechnung der amerikanischen Volkswirtschaft entlastet.

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Billiger wird das Rohöl, weil die Nachfrage in den großen Verbraucherländern wegen der Krise sinkt. Das gilt für die USA wie für Japan und die asiatischen Schwellenländer, deren energieabhängige Exportwirtschaft eingebrochen ist. In China, wo der Ölverbrauch in den vergangenen Jahren fast so schnell angestiegen ist wie das Bruttoinlandsprodukt, stehen Tausende von Fabriken vor der Schließung. In Indien hat die Regierung die auf Dauer unbezahlbaren Preissubventionen für das Benzin eingestellt.

Rohstoffmakler in London schätzen, dass die weltweite Krise schon heute Rohöl-Nachfrage in Höhe von zwei Millionen Barrel pro Tag zerstört hat, das wären ungefähr zweieinhalb Prozent des globalen Tagesverbrauchs vor einem Vierteljahr. Diese Entwicklung wird sich wahrscheinlich bis weit ins nächste Jahr fortsetzen, selbst bei einem noch niedrigeren Weltmarktpreis.

Opec-Tagung zeigt wenig Wirkung

Weil das so ist, tun die Erdölproduzenten ihren Abnehmern nicht weh, wenn sie ihre Produktion drosseln. Selten hat ein auf den ersten Blick dramatischer Beschluss eines wichtigen Akteurs so wenig Wirkung gezeigt wie das Ergebnis der Opec-Tagung vor gut einer Woche in Wien.

Immerhin hatten die Scheichs und ihre Kartellbrüder aus Teheran, Algier und Caracas beschlossen, ihre Produktion um insgesamt 1,5 Millionen Barrel pro Tag zu drosseln, also um fast fünf Prozent ihrer bisherigen Fördermenge. Ein ranghohes Mitglied der saudischen Delegation verriet, sein Ziel sei ein Weltmarktpreis von 90 Dollar für das Barrel, also ungefähr 40 Prozent mehr als heute. Im vorigen Jahrhundert haben derartige Nachrichten ökonomische Schocks und politische Hektik ausgelöst. Noch vor wenigen Monaten hätte eine Drosselung der Opec-Produktion ähnlich gewirkt.

In der gegenwärtigen weltwirtschaftlichen Krise ist der Wiener Beschluss wenig bedeutsam, und das ist frustrierend für die Ölminister des Kartells. Unmittelbar nachdem sie ihre Entscheidung bekannt gaben, setzte sich in New York der wichtigste Future-Preis für Rohöl in Bewegung: Er sank – in weniger als zwei Stunden um vier Dollar. In der zweiten Hälfte der darauf folgenden Woche stieg der Preis für das am selben Tag verkaufte Fass Rohöl dann doch noch ein wenig. Mit der Opec hatte das aber nichts mehr zu tun. Auslöser war vielmehr die Folge der Zinssenkung durch die amerikanische Notenbank, in deren Folge die Aktienkurse wieder zu klettern begannen.

Der Ölpreis kann nur steigen

Jäher Absturz

Jäher Absturz: Der Ölpreis an der New Yorker Rohstoffbörse/Entwicklung der Opec-Fördermenge (Klicken Sie auf die Grafik für eine erweiterte Ansicht)

Die Akteure auf den Ölmärkten schauen eben vor allem auf die reale Wirtschaft, die sie allerdings hauptsächlich auf dem Umweg über die Entwicklung von Dow Jones, Nikkei und Co. wahrnehmen. Die Ölproduzenten können da wenig ausrichten.

Darum sind Produktionsdrosselungen heute ein Zeichen der allgemeinen Misere und kein Vorbote einer neuen Ölkrise. Auf lange Sicht wird das vielleicht noch einmal anders: Nachvollziehbar befürchten die Saudis, ein anhaltend niedriger Ölpreis könnte bewirken, dass niemand mehr in die Exploration, Förderung und Verarbeitung des Rohstoffs investiert.

Die Internationale Energieagentur (IEA) in Paris bläst ins selbe Horn: Ohne zusätzliche Investitionen, heißt es in ihrem vorläufigen Jahresausblick für 2009, könnte die Produktion um neun Prozent gefährlich zurückgehen – weit mehr als die Nachfrage selbst im pessimistischsten Szenario. Die Analysten der Commerzbank fühlen sich durch den IEA-Ausblick in ihrer Annahme bestätigt, „dass das weitere Abwärtspotenzial begrenzt ist und dass ein fortgesetzter Preisrückgang langfristig preistreibende Auswirkungen hätte“.

Auf lange Sicht kann der Erdölpreis eigentlich sowieso nur steigen, meint die Berliner Forscherin Kemfert, weil ab etwa 2025 „mit einem deutlichen Rückgang der Ölvorräte“ und der Förderung zu rechnen sei. Geologische Tatsachen sind langfristig bedeutsamer als Marktturbulenzen.

Zur Mitte dieser Woche jedenfalls ist der Preis für Rohöl der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) wieder gestiegen. Nach Berechnungen des OPEC-Sekretariats vom Donnerstag kostete ein Barrel (159 Liter) gestern  58,94 US-Dollar im Vergleich zu 57,77 Dollar am Vortag. Die OPEC berechnet ihren täglichen Durchschnittspreis auf der Basis von 13 wichtigen Sorten des Kartells.

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