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Peter Bofinger im Interview: "Maßlos überschätzt"

von Rolf Ackermann und Andreas Große-Halbuer

Der Würzburger Wirtschaftsweise Peter Bofinger über die Lehren aus der Finanzkrise und die Folgen für die deutsche Konjunktur.

Peter Bofinger Quelle: AP
Peter Bofinger Quelle: AP

WirtschaftsWoche: Herr Bofinger, wird die Finanzkrise auch in Deutschland konjunkturell schädliche Auswirkungen haben?

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Bofinger: Das größte Risiko der Finanzkrise liegt in ihrer Auswirkung auf die Entwicklung der Wechselkurse. Der hohe Euro-Kurs drückt auf die Ertragslage unserer Unternehmen. Im Export sieht man schon jetzt Bremsspuren. Das Wirtschaftswachstum wird sich – wie vom Sachverständigenrat vorhergesagt – 2008 auf 1,7 Prozent verlangsamen. Es bestehen aber deutliche Abwärtsrisiken für diese Prognose.

Sollten die Notenbanken gegen den Euro-Höhenflug intervenieren?

Sie sollten dazu beitragen, dass der Euro nicht unkontrolliert immer weiter steigt. Es wäre sinnvoll, dass die Europäische Zentralbank mit Japan und China zusammenarbeitet, um eine geordnete Abwertung des Dollar zu organisieren. Zwar hilft ein niedriger Dollar beim Abbau der weltweiten Ungleichgewichte, aber der Euro sollte die Anpassungslast nicht alleine tragen.

Der amerikanischen Notenbank Fed macht das offenbar nichts aus. Sie senkt die Zinsen immer weiter und nimmt neben weiteren Kursverlusten für den Dollar auch eine neue Inflationsgefahr in Kauf. Ein Fehler?

Nein, ich halte den Kurs der Fed für richtig. Die Rezession wird die Inflation abbremsen. Die Fed sollte aber schon jetzt deutlich machen, dass sie die Zinsen schnell wieder anheben wird, sobald die Krise durchgestanden ist.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat entgegen vielfältiger Forderungen die Zinsen bislang noch nicht gesenkt. Ist das aktuelle Leitzinsniveau im Euro-Raum der aktuellen Krise angemessen?

Das Misstrauens der Banken untereinander führt zu steigenden Zinsen im Euro-Raum. Mit 4,7 Prozent ist der Drei-Monats-Zinssatz sehr hoch und höher als zu Beginn der Krise. Das belastet zum Beispiel den spanischen Immobilienmarkt besonders stark, weil sich die Hypotheken dort zum überwiegenden Teil an diesem Zinssatz orientieren. Deshalb hätte die EZB den Leitzins durchaus um einen halben Prozentpunkt senken können, sodass die Drei-Monats-Zinsen wieder auf dem alten Niveau wären.

Die amerikanische Regierung kämpft außerdem mit einem opulenten Konjunkturprogramm gegen die drohende Rezession. Brauchen wir eine solche Politik auch bei uns?

Eine akute Rezessionsgefahr sehe ich in Deutschland nicht. Wir müssen aber versuchen, stärker aus eigener Kraft zu wachsen. Seit sieben Jahren stagniert unsere Binnennachfrage, das Wachstum war ausschließlich exportgetrieben. Dies wird wegen der Finanzkrise in den kommenden Jahren nicht mehr so einfach weitergehen. Deshalb brauchen wir jetzt ordentliche Lohnabschlüsse, um die Binnennachfrage in Schwung zu bringen.

Das kann doch nicht Ihr Ernst sein! Die Lohnzurückhaltung der vergangenen Jahre hat doch den aktuellen Abbau der Arbeitslosigkeit erst möglich gemacht. Wollen Sie diesen Erfolg jetzt durch überhöhte Lohnabschlüsse aufs Spiel setzen?

Unsinn, die Bedeutung der Löhne für die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen wird maßlos überschätzt. Wir hatten in den vergangenen Jahren einen Exportzuwachs von 67 Prozent. Hätten wir jedes Jahr die Löhne um einen zusätzlichen Prozentpunkt erhöht, wären bei einem Lohnanteil von 20 Prozent die deutschen Exporte um ein Prozent teurer geworden. Und das soll die Wettbewerbsfähigkeit der Jobs in Deutschland gefährden? Das glauben Sie doch selbst nicht.

Sie argumentieren mit Durchschnittswerten. Es gibt dennoch eine Reihe von Unternehmen, die unter hohen Lohnabschlüssen leiden würden.

Die 67 Prozent Exportwachstum sind schon von der Breite der Unternehmen generiert worden. Außerdem: Marktwirtschaft ist keine Veranstaltung, bei der es darum geht, alle Unternehmen am Leben zu erhalten. Wenn ein Unternehmen dauerhaft keine normalen Löhne bezahlen kann, muss es vom Markt verschwinden.

Der Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hat den Staat bei der Bewältigung der Finanzkrise um Hilfe gerufen. Zu Recht?

Ich habe mich über diese Aussage gewundert. Man kann nicht in guten Zeiten sagen, der Staat soll sich heraushalten und in schlechten Zeiten nach ihm rufen. Außerdem ist der Staat doch längst aktiv und kämpft mit Hochdruck darum, das Bankensystem zu stabilisieren. Denken Sie an die Notenbanken, denken Sie an die Verstaatlichung von Northern Rock in England, denken Sie an die Rettung der IKB und der Landesbanken.

Müssen Banken härter reguliert werden, damit sich eine solche Krise nicht wiederholt?

Noch vor einem Jahr haben Experten die Entwicklung weg vom der bankbasierten hin zur marktbasierten Kreditvergabe bejubelt. Wie die Entwicklung der vergangenen Monate gezeigt hat, war dieser Trend aber ausgesprochen gefährlich. Er hat dazu geführt, dass Kreditketten nicht über regulierte Banken, sondern über unregulierte Schatten- oder Zombiebanken gelaufen sind.

Noch mal, brauchen wir eine härtere Regulierung?

Zumindest muss die Regulierung diesen Prozessen Rechnung tragen. Ein Beispiel: Wenn eine Bank einem Hedgefonds Kredite gibt und dieser keinerlei Informationen über seine Geschäfte preisgeben will, muss das Regelwerk für die Bankenaufsicht dafür einen Risikoaufschlag vorsehen. So hätte dieser Hedgefonds einen Anreiz, sich freiwillig Transparenzregeln zu unterwerfen.

Hätte man die Probleme verhindern können, wenn Basel II früher in Kraft getreten wäre?

Ich glaube kaum. Bisher mussten die Banken kurzfristige Kreditlinien, die sie ihren Zweckgesellschaften einräumten, nicht mit Eigenkapital unterlegen. Unter Basel II brauchen sie 20 Prozent. Hätten sie diese Aktivitäten der Zweckgesellschaften aber in ihren Bilanzen, bräuchten sie 100 Prozent Eigenkapital. Der Anreiz, riskante Geschäfte in Zweckgesellschaften auszulagern, besteht also fort, wenn auch etwas abgeschwächt.Brauchen wir also so etwas wie Basel III?

Zumindest sollte Basel II noch einmal grundsätzlich überdacht werden. Das Regelwerk beruht ja sowohl auf internen als auch auf externen Ratings. Beide haben sich in der Krise als äußerst fragwürdig erwiesen. Damit sind die beiden Pfeiler, auf denen Basel II ruht, infrage gestellt.

Was lernen wir aus dem Versagen von Ratingagenturen und Bankenaufsicht?

Ich würde noch nicht einmal sagen, dass die Ratingagenturen versagt haben. Sie haben einfach mikroökonomisch und vergangenheitsbezogen ihre Urteile abgegeben. Hinter jedem dieser komischen Kredite oder Papiere steht ja ein Häuschen, es wurde ja nicht mit Luft gehandelt. Nur: Wenn es immer mehr dieser Häuschen gibt und dann viele Eigentümer gleichzeitig verkaufen, bricht das System in einer Art und Weise zusammen, die man aus mikroökonomischer Perspektive schlecht antizipieren kann. Das zeigt, dass die Mikroperspektive für die Beurteilung systemischer Risiken nicht ausreicht. Deshalb sollte man die Bankenaufsicht bei einer Institution ansiedeln, die auch die makroökonomische Dimension mit im Blick hat.

In Deutschland teilen sich die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) und die Deutsche Bundesbank die Aufsicht über die Banken. Funktioniert diese Arbeitsteilung?

Das Nebeneinander von zwei Regulierungsbehörden kann man vielleicht politisch begründen, ökonomisch effizient ist es aber nicht. Wir sollten den Mut zu einer radikalen Lösung haben und die Bankenaufsicht bei der Bundesbank ansiedeln.

Also die BaFin abschaffen?

Entscheidend ist, dass wir eine einheitliche Institution haben – wie sie heißt, ist von zweitrangiger Bedeutung. Sie sollte aber auf jeden Fall eng mit der Notenbank verzahnt sein. Irland hat eine sehr gute Lösung gefunden. Dort ist die Bankenaufsicht in die Notenbank integriert, aber sie hat eine eigene Struktur. Die Notenbank ist nah an den Märkten und kann frühzeitig Probleme erkennen. Davon profitiert die Aufsicht. Bei uns haben sowohl die BaFin als auch die Bundesbank sehr wohl gewusst, dass es diese Zweckgesellschaften gibt. Da hat es nicht an Transparenz gefehlt. Man glaubte nur fälschlicherweise, die außerbilanziellen Geschäfte seien nur ein kleiner Riss in der Fassade. Dass aber dieser Riss das ganze Haus zusammenbrechen lassen kann, hat niemand erkannt.

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