Post aus Harvard: Der fragliche Aussagewert von Prognosen

kolumnePost aus Harvard: Der fragliche Aussagewert von Prognosen

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Wallstreet: Wächst die US-Wirtschaft?

Häufig fehlen bei Konjunkturprognosen Angaben über die Eintrittswahrscheinlichkeiten. Das schmälert den Nutzen der Vorhersagen für die Praxis, sagt Martin Feldstein.

Wie geht es weiter mit der US-Wirtschaft? Diese Frage beschäftigt derzeit Politiker, Ökonomen und Börsianer gleichermaßen. Die Mehrheit der Beobachter geht davon aus, dass die amerikanische Wirtschaft im nächsten Jahr mit einer Rate von drei Prozent wachsen wird. Aber was genau bedeutet das? Kein Prognostiker sagt, er sei sich sicher, dass das Wachstum bei genau drei Prozent liegen wird. Alle räumen ein, dass die tatsächliche Wachstumsrate höher oder niedriger ausfallen könnte. Tatsächlich gibt es eine Verteilung der möglichen Wachstumsraten, und die Prognostiker nennen uns nur eines der Ergebnisse, die sie sich vorstellen können.

Wie ungenau solche Aussagen sind, zeigt das folgende Beispiel. Angenommen, ein Prognostiker sagt, dass er eine Wachstumsrate von drei Prozent „erwartet“. Meint er damit, die drei Prozent seien der Median, also der mittlere Wert in der Verteilung der Wachstumsraten, was bedeuten würde, dass die tatsächliche Rate ebenso wahrscheinlich über drei Prozent liegen kann wie unter drei Prozent? Oder meint er damit, dass drei Prozent der Modalwert ist, also der am häufigsten vorkommende Wert in der Verteilung, obwohl er selbst vielleicht glaubt, dass eine geringere Rate viel wahrscheinlicher ist als eine höhere?

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Einige Auguren schließen für die nächsten zwölf Monate einen erneuten Absturz der US-Wirtschaft in die Rezession nicht aus. Trotzdem sieht ihr Basisszenario – gewissermaßen der Median der möglichen Ergebnisse – eine Wachstumsrate von zwei Prozent vor. Um Konjunkturprognosen richtig beurteilen zu können, müssen die Nutzer der Prognosen – Manager, Anleger und Regierungsbeamte – die Wahrscheinlichkeit von hohen und geringen Wachstumsraten ebenso kennen wie die Medianprognose. Doch diese Informationen bleiben häufig im Verborgenen.

Angst vor dem Rückfall in die Rezession

Manche Übersichten über aktuelle Konjunkturprognosen informieren die Leser über die Verteilung der Prognosen. So erfährt man zum Beispiel, dass die Durchschnittsprognose von 20 verschiedenen Prognostikern bei 2,8 Prozent Wachstum liegt, die fünf höchsten Prognosen über 3,2 Prozent und die fünf niedrigsten Prognosen unter 2,5 Prozent liegen. Obwohl diese Informationen nützlich sind, geben sie keine Auskunft darüber, für wie wahrscheinlich es jeder einzelne Prognostiker hält, dass die Wachstumsrate unter ein Prozent oder sogar unter null Prozent sinkt.

In den vergangenen Wochen fielen die Daten zur amerikanischen Konjunktur eher ungünstig aus. Das hat die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass der Wirtschaft in den nächsten zwölf Monaten die Puste ausgeht. Der Hauptgrund dafür ist, dass die staatlichen Konjunkturprogramme, die die Nachfrage seit Sommer 2009 angekurbelt haben, allmählich auslaufen. Werden sie zurückgefahren, könnte sich auch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage abschwächen.

Martin Feldstein ist Professor an der Harvard-Universität. Der renommierte US-Ökonom schreibt jeden Monat exklusiv für WirtschaftsWoche und wiwo.de Quelle: Laif/Polaris

Martin Feldstein ist Professor an der Harvard-Universität. Der renommierte US-Ökonom schreibt jeden Monat exklusiv für WirtschaftsWoche und wiwo.de

Bild: Laif/Polaris

Bisher haben die staatlichen Programme nicht den gewünschten durchschlagenden Stimulierungseffekt gehabt. Sie haben zwar einen ersten Funken gezündet, doch sieht es so aus, als sei dieser nicht auf die übrigen Nachfragekomponenten übergesprungen. So kurbelten beispielsweise die Steuersubventionen für Autokäufe das Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal 2009 kräftig an, mehr als drei Viertel des Zuwachses gingen auf die Kraftfahrzeugproduktion zurück. Doch nach dem Auslaufen der Zuschüsse sind Absatz und Produktion wieder kräftig gesunken. Umfragen unter Verbrauchern zeigen, dass die Kaufabsichten für Autos derzeit so niedrig sind wie seit 40 Jahren nicht mehr.

Im ersten Quartal dieses Jahres ist die US-Wirtschaft, auf das Jahr hochgerechnet, um 3,7 Prozent gegenüber dem vierten Quartal 2009 gewachsen. Davon gingen allein 2,6 Prozentpunkte auf den Lageraufbau der Unternehmen zurück. Ein Teil davon dürfte ungewollt gewesen sein, weil der Absatz hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist. Rechnet man die Lagerinvestitionen aus den Wachstumszahlen heraus, ergibt sich eine annualisierte Zuwachsrate für die Endnachfrage nach inländischen Produkten von lediglich 1,1 Prozent.

Im zweiten Quartal expandierte das reale Bruttoinlandsprodukt mit einer laufenden Jahresrate von 2,4 Prozent. Dabei profitierte die Wirtschaft davon, dass sich viele Bürger noch schnell ein Haus oder eine Wohnung kauften, um den Steuerzuschuss für Erstkäufer zu nutzen, den die Regierung zur Belebung des Häusermarktes gewährt hatte und der im April auslief.

Doch was wird im dritten Quartal und danach passieren, wenn all die Sonderfaktoren entfallen? Es wäre sicherlich voreilig, gleich einen Rückfall in die Rezession vorherzusagen. Doch die Wahrscheinlichkeit dafür hat sich in den Augen vieler Auguren erhöht. Allerdings gilt auch hier: Die Wahrscheinlichkeitsverteilung der Prognosen ist unklar.

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