Post aus Harvard: Kommt Inflation oder Deflation?

kolumnePost aus Harvard: Kommt Inflation oder Deflation?

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Martin Feldstein ist Professor der Harvard-Universität. Der renommierte US-Ökonom schreibt jeden Monat exkulsiv für WirtschaftsWoche und wiwo.de.

Kolumne

Laut Harvard-Professor Martin Feldstein verkennen internationale Anleger die Situation in Amerika: Sie fürchten sich entweder vor Inflation oder Deflation, doch die wirkliche Gefahr lauert in Form des horrenden US-Haushaltsdefizits. Feldstein warnt Investoren vor den Konsequenzen der wachsenden Staatsverschuldung.

In diesen Tagen spreche ich oft mit Investoren. Viele von ihnen wissen nicht, worüber sie sich mehr sorgen sollen: Eine kommende Inflation in den USA oder eine Deflation. Die gute Nachricht ist, dass sich Anleger vor keinem dieser beiden Dinge fürchten müssen – zumindest, was die nächsten Jahre angeht.

Amerikas Arbeitslosenquote ist so hoch und die Kapazitätsauslastung ist gleichzeitig so niedrig, dass es in den USA von dieser Seite kaum einen Aufwärtsdruck bei Löhnen und Preisen gibt. Auch der jüngste Anstieg des Dollars gegenüber dem Euro und dem britischen Pfund hilft, weil er die Importpreise drückt.

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Wer Inflation befürchtet, verweist häufig auf Amerikas enorme Staatsschulden. Das Haushaltsamt des US-Kongresses prognostiziert für den Rest des Jahrzehnts ein Budgetdefizit in Höhe von fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Dies würde den Anteil der Staatsverschuldung am BIP auf 90 Prozent erhöhen – ausgehend von weniger als 60 Prozent im Jahr 2009. Derartige Haushaltsdefizite stellen die US-Wirtschaft, wenn nichts zu ihrer Reduzierung getan wird, vor ein großes Problem. Zu Inflation müssen aber nicht automatisch führen. Sie bergen aber andere Gefahren. Das ist die schlechte Nachricht.

Nachhaltige Haushaltsdefizite verdrängen private Investitionen, lassen die langfristigen realen Zinssätze in die Höhe schießen und steigern die Belastung der künftigen Steuerzahler. Aber Inflation verursachen sie nicht, es sei denn, sie führen zu einem Überhang der Nachfrage nach Waren und Arbeitskräften. Das letzte Mal, als die USA es Anfang der 1980er Jahre mit hohen Haushaltsdefiziten zu tun hatten, ging die Inflation aufgrund der restriktiven Geldpolitik sogar deutlich zurück. Sowohl Europa als auch Japan haben heute hohe Haushaltsdefizite aber niedrige Inflation.

Die Inflationspessimisten fürchten zudem, dass sich die Regierung bewusst zur Politik eines schnellen Preiswachstums entschließen könnte, um den realen Wert der staatlichen Schulden zu drücken. Doch eine derartige Strategie funktioniert nur, sofern die Restlaufzeiten der Staatsanleihen lang und die Zinsen für diesen Zeitraum fix sind. Ein Anstieg der Inflationsrate führt nämlich in selber Höhe zu einem Anstieg der Zinsen für neu aufgenommenes Kapital. Die sich daraus ergebenden höheren Zinszahlungen steigern die Staatsverschuldung, was die durch Inflation verursachte Erosion des realen Wertes der Altschulden zu Nichte macht.

Laufzeit der Staatsanleihen sehr kurz

In der gegenwärtigen Lage können die USA den realen Wert ihrer Verbindlichkeiten durch eine Inflationspolitik nicht wesentlich reduzieren, weil die durchschnittliche Laufzeit der im Umlauf befindlichen Staatsanleihen sehr kurz ist. Sie liegt bei nur etwa vier Jahren. Und die prognostizierten Haushaltsdefizite implizieren, dass der Betrag der im kommenden Jahrzehnt ausgegebenen Staatsanleihen dem der heutigen Gesamtverschuldung entspricht. Mehr Inflation ist also kein Heilmittel gegen aktuelle oder künftige staatliche Defizite.

Wer sich dagegen vor Deflation fürchtet, verweist oft darauf, dass der US-Verbraucherpreisindex in den letzten drei Monaten überhaupt nicht gestiegen ist. Warum sollte das nicht so weitergehen und sich selbst verstärken? In Japan etwa haben die Verbraucher ihre Ausgaben in Erwartung noch niedrigerer künftiger Preise lange Zeit hinausgezögert. Und zeigt Japans hartnäckige Deflation seit Anfang der 1990er Jahre nicht auch, dass eine Deflation, wenn sie erst einmal begonnen hat, nicht durch eine Politik des lockeren Geldes oder der Haushaltsdefizite rückgängig gemacht werden kann?

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