Post aus Harvard : Leere Versprechen

kolumnePost aus Harvard : Leere Versprechen

Kolumne von Martin S. Feldstein

Der Internationale Währungsfonds bereitet für den G-20-Gipfel der Industrie- und Schwellenländer im Herbst eine Analyse über globale Ungleichgewichte vor. Diese Arbeit kann er sich sparen, sagt Martin Feldstein.

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Martin Feldstein ist Professor an der Harvard-Universität. Der renommierte US-Ökonom schreibt jeden Monat exklusiv für WirtschaftsWoche und wiwo.de

Im April reisten die 20 wichtigsten Finanzminister und Notenbankchefs der Welt aus allen Teilen der Erde nach Washington um über „globale Ungleichgewichte“ zu beraten. Im Mittelpunkt des Treffens stand die Entwicklung eines Verfahrens zur Identifizierung jener G20-Länder, die „anhaltend große Ungleichgewichte“ aufweisen und eine Analyse der Gründe. Diese heikle Aufgabe wurde dem Internationalen Währungsfonds (IWF) zugewiesen, der seine Arbeit im Oktober vor dem nächsten Treffen der Minister abschließen soll.

Es braucht aber kaum ein Team aus IWF-Ökonomen, um die Fragen zu beantworten. Kein Student der Volkswirtschaftslehre im ersten Semester hätte Schwierigkeiten, die Länder mit den höchsten Handelsüberschüssen und -defiziten zu identifizieren. Den ersten Preis gewinnen die Vereinigten Staaten mit einem Handelsbilanzdefizit von über 650 Milliarden Dollar in den letzten zwölf  Monaten. Kein anderes Land reicht so nahe daran heran, dass es den zweiten Preis verdient hätte.

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Der umfassendere Leistungsbilanz-Indikator, der den Handel mit Dienstleistungen und die Einkommensbilanz einschließt, bestätigt Amerikas Führungsrolle: Sein Defizit beträgt hier knapp 500 Milliarden Dollar. Kein anderes Land weist ein Leistungsbilanzdefizit auf, das mehr als 100 Milliarden Dollar beträgt.

Auch wenn wir Leistungsbilanzdefizite im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Länder betrachten, übersteigt Amerikas Anteil in Höhe von 3,3 Prozent den fast aller anderen Volkswirtschaften. Die drei Länder mit höheren Defizitquoten weisen absolut gesehen zusammen nur ein Defizit von weniger als 70 Milliarden Dollar auf – nicht genug, um die Aufmerksamkeit der G20 auf sich zu ziehen.

Hoher Überschuss der Leiistungsbilanz

Das Land mit dem höchsten Leistungsbilanzüberschuss (über 300 Milliarden US-Dollar) ist, wenig überraschend, China. Japan und Deutschland sind die einzigen anderen Länder, deren Überschüsse 100 Milliarden Dollar übersteigen.

Chinas Leistungsbilanzüberschuss beträgt vier Prozent seines BIP. Mehrere erdölproduzierende Länder weisen höhere relative Leistungsbilanzüberschüsse auf, die den von China, zusammengenommen und absolut betrachtet, übersteigen. Und es gibt mehrere europäische und asiatische Länder mit höheren relativen Leistungsbilanzüberschüssen, die zusammengenommen den von China übersteigen.

Doch die Entscheidung der G20,  sich lediglich auf Mitgliedsländer zu konzentrieren, die mehr als fünf Prozent der Wirtschaftsleistung der gesamten G20-Staaten erwirtschaften, wird diese kleineren Länder aus dem Fokus der Aufmerksamkeit rücken. Nur China und die USA und vielleicht Deutschland und Japan werden im Mittelpunkt stehen.

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