Post aus Harvard: Was für eine dauerhafte Euro-Zone fehlt

kolumnePost aus Harvard: Was für eine dauerhafte Euro-Zone fehlt

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Martin Feldstein ist Professor an der Harvard-Universität. Der renommierte US-Ökonom schreibt jeden Monat exklusiv für WirtschaftsWoche und wiwo.de

Um sich dauerhaft zu festigen, fehlen der Euro-Zone drei Voraussetzungen: mobile Arbeitskräfte, flexible Löhne und eine zentrale Steuerverwaltung, sagt Martin Feldstein.

Die Krise in Griechenland und die Schuldenprobleme in Spanien und Portugal haben die strukturellen Mängel der Europäischen Währungsunion schonungslos aufgedeckt. Keine noch so hohen Finanzbürgschaften – geschweige denn mündliche Versicherungen – der EU können sie vertuschen. Elf Jahre ging alles gut. Nun treten die grundlegenden Probleme des Systems deutlich zutage.

Ich behaupte: Der Versuch, eine Einheitswährung für 16 eigenständige und völlig unterschiedliche Länder einzuführen, musste scheitern. Mit dem Wechsel zur Einheitswährung konnten die Mitgliedstaaten ihre Währungspolitik und Zinssätze nicht mehr steuern, um auf nationale wirtschaftliche Bedingungen zu reagieren. Es bedeutete auch, dass die Wechselkurse der einzelnen Länder nicht mehr auf die kumulativen Effekte reagieren konnten, die durch Produktivitätsdifferenzen und globale Nachfragetrends hervorgerufen werden.

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Eine gemeinsame Währung schwächt die Marktsignale, die ein Land davor warnen, dass seine Haushaltsdefizite zu hoch werden. Wenn ein Land mit exzessiven Defiziten dann die Steuern anheben und staatliche Ausgaben kürzen muss, wie es bei Griechenland derzeit der Fall ist, kann der darauffolgende Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) nicht durch eine Abwertung abgefedert werden, die den Export ankurbelt und die Importe verringert.

EZB kann mit ihrer Zinspolitik schädigen

Warum aber können dann die USA trotz beträchtlicher Unterschiede zwischen ihren 50 Bundesstaaten mit einer Einheitswährung funktionieren? Es gibt drei entscheidende wirtschaftliche Voraussetzungen, von denen in Europa keine gegeben ist: mobile Arbeitskräfte, Lohnflexibilität und eine zentrale Finanzbehörde. Als die Textil- und Schuhindustrie in den nordöstlichen Bundesstaaten Amerikas -einging, zogen die Arbeiter in den Westen, wo neue Industrien entstanden. Dagegen ziehen die erwerbslosen Arbeiter aus Griechenland, Portugal und Spanien aufgrund der Unterschiede in Sprache, Geschichte, Religion oder Gewerkschaftsmitgliedschaft nicht in schneller wachsende Regionen Europas. In den USA führten zudem flexible Löhne dazu, dass Staaten, in denen Industrie verloren ging, durch wesentlich langsameres Lohnwachstum andere Industrien anziehen und erhalten konnten. Zudem werden rund zwei Drittel aller Steuern in den USA auf nationaler Ebene erhoben, sodass automatisch ein beträchtlicher Nettotransfer von Steuern an Staaten mit vorübergehend fallenden Einkommen stattfindet.

Die Europäische Zentralbank (EZB) muss eine Währungspolitik für die Euro-Zone als Ganzes festlegen, selbst wenn diese Politik für einzelne Mitgliedstaaten schädlich ist. Als die Nachfrage in Deutschland und Frankreich Anfang des letzten Jahrzehnts relativ schwach war, senkte die EZB ihre Zinssätze stark. Das half Deutschland und Frankreich – und führte zu Immobilienblasen in Spanien und Irland. Als diese Spekulationsblasen platzten, kam es zu einem Konjunktureinbuch und erheblich wachsender Arbeitslosigkeit in beiden Ländern.

Der Euro brachte eine niedrigere Inflationsrate, führte aber zu stark sinkenden Zinssätzen in Griechenland und anderen Ländern, die zuvor hohe Sätze hatten. Diese Länder erlagen daraufhin der Versuchung, die staatliche Kreditaufnahme zu erhöhen – was das Verhältnis der Staatsschulden zum BIP in Griechenland und Italien auf über 100 Prozent trieb.

Bis vor Kurzem behandelten die Anleihemärkte alle Euro-Staatsschulden praktisch gleich und erhöhten die Zinssätze für Länder mit hohem Schuldenstand nicht – bis deutlich wurde, dass eine Zahlungsunfähigkeit durchaus möglich ist. Dass diese Länder jetzt massive finanzpolitische Anpassungen ohne Abwertung ihrer Währung vornehmen müssen, wird dazu führen, dass Griechenland und vielleicht auch einige andere ihre Staatsschulden nicht bezahlen können – und am Ende wahrscheinlich mit Unterstützung des IWF doch noch umschulden müssen.

Der Euro wurde mit dem Slogan „Ein Markt, eine Währung“ beworben und als notwendig für den freien Handel zwischen den Mitgliedsländern dargestellt. In Wirklichkeit sind weder eine Einheitswährung noch ein fester Wechselkurs notwendig, damit der Handel floriert. Die USA haben einen jährlichen Handelsumsatz von über zwei Billionen US-Dollar, trotz eines flexiblen Wechselkurses, der in den letzten Jahrzehnten große Schwankungen erlebt hat. Das Nordamerikanische Freihandelsabkommen hat den Handel zwischen Kanada, Mexiko und den USA verstärkt – alle drei Länder verfügen über unabhängige freie Wechselkurse. Japan, Südkorea und andere große asiatische Wirtschaftsnationen haben sehr flexible Wechselkurse. Zudem verwenden nur 16 von 27 Mitgliedern der EU den Euro.

Wie geht es nun weiter mit der Währungsunion? Der Euro dürfte die aktuelle Krise wohl überstehen. Doch ich bin mir nicht sicher, ob in einem Jahr noch alle derzeitigen Mitglieder mit dabei sind. 

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