Professor Hans Wolfgang Brachinger im Interview: "Wir sind mittendrin"

Professor Hans Wolfgang Brachinger im Interview: "Wir sind mittendrin"

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Hans Wolfgang Brachinger

Die wahrgenommene Inflation klettert auf zwölf Prozent. Gerade Produkte des täglichen Lebens werden teurer. Hans Wolfgang Brachinger, Professor an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Fribourg in der Schweiz über die gefühlte Teuerung, den aktuellen Preisschock und den richtigen Lohnzuwachs.

WirtschaftsWoche: Herr Brachinger, d Die Neuberechnung Ihres „Index der wahrgenommenen Inflation“ (IWI) zeigt einen dramatischen Anstieg auf rund zwölf Prozent – das ist sogar noch mehr als nach der Euro-Einführung. Wie kommt das?

Hans Wolfgang Brachinger: Die Inflationswahrnehmung ist deshalb besonders hoch, weil vor allem die Güter teurer geworden sind, die wir besonders häufig kaufen, also zum Beispiel Benzin oder Lebensmittel. Deren Anteil an unseren Gesamtausgaben ist aber vergleichsweise gering – deshalb steigt der offizielle Verbraucherpreisindex weit weniger stark an.

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Und was lernen wir daraus – ist das mehr als nur ein Rechenspielchen?

Der IWI stellt eine Abschätzung des Inflationsgefühls der Konsumenten dar. Er beschreibt das Teuerungsgeschehen, dem der Durchschnittskäufer nach seiner Wahrnehmung täglich ausgesetzt ist und quantifiziert das Ausmaß der subjektiven täglichen Inflationserfahrung. Das ist in der Tat nicht nur ein Rechenspielchen: Wer den Konsumenten ernst nimmt, kommt an der Inflationswahrnehmung nicht vorbei.

Ist der offizielle Verbraucherpreisindex also Unsinn?

Nein, keineswegs. Daran wollen wir mitnichten rütteln. Nur: Verbraucherpreisindex quantifiziert die allgemeine Geldentwertung. Deshalb berücksichtigt er auch die Geldentwertung bei den Ersparnissen, die für größere Anschaffungen gedacht sind. Diese spürt der Verbraucher aber erst dann, wenn er aus diesen Ersparnissen tatsächlich Anschaffungen tätigt, nicht bei seinen täglichen Einkäufen. Der Verbraucher unterscheidet also zwischen der Teuerung bei kaufhäufigen Gütern und bei Gütern, die er selten kauft.

Nach dem „Teuro“-Schock folgte eine lange Phase der Konsumschwäche in Deutschland. Steht uns das nach dem aktuellen Preisschock wieder bevor?

Ja, ich fürchte, wir sind mittendrin. Vermutlich ist für die Konsumneigung der Konsumenten die Teuerung bei den kaufhäufigen Gütern entscheidend: Wenn die teurer werden, so spart man eher bei den größeren Anschaffungen, weil man Reserven anlegen möchte, um das teurer werdende „normale“ Konsumniveau aufrecht erhalten zu können. Genau das beobachtet man seit längerem: Steigende Sparquoten bei steigender Inflationswahrnehmung. Ich erwarte jedenfalls, dass sich die Konsumlust des Beziehers eines normalen Lohns in der derzeitigen Situation weiter in engen Grenzen halten wird.

Die Wirtschaftsforschungsinstitute rechnen immerhin mit einem Konsumplus von 0,8 Prozent in diesem Jahr, nach minus 0,4 Prozent im vergangenen Jahr.

Das halte ich schon für ziemlich optimistisch. Entgegen den Hoffnungen vieler Kollegen befürchte ich, dass der Konsum in diesem Jahr nicht anzieht. Zumal die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt auch zum Halten gekommen ist. Die Arbeitslosenzahlen gehen ja nicht noch weiter zurück.

Was kann denn die Politik tun, um den Konsum zu stützen?

Die Erhöhungen bei Lohn, Arbeitslosengeld oder Rente, die derzeit im Gespräch sind, kompensieren die Inflation bei den kaufhäufigen Gütern bei weitem nicht. Ich glaube deshalb, dass solche Anpassungen sich bei den sozial Schwächeren an einem Index orientieren sollten, der stärker auf die kaufhäufigen Güter gemünzt ist und so die tägliche Inflationslast der Menschen berücksichtigt. Wohlgemerkt, das ist ein ziemlich radikaler Vorschlag: Wir haben nun einmal eine jahrzehntelange Tradition, eine allgemeine Inflationsrate auszurechnen und die auf alles anzuwenden. Das ist einfacher als spezifische Indizes auszurechnen, es erleichtert das politische Miteinander.

Würde das tatsächlich heißen, dass Löhne, Arbeitslosengeld und Renten um zwölf Prozent steigen sollten, weil der IWI so stark zugelegt hat?

Nein, nicht ganz. Der IWI berücksichtigt neben der Gewichtung nach der Kaufhäufigkeit noch die Neigung der Menschen, Preissteigerungen stärker wahrzunehmen als Preissenkungen. Er ist deshalb kein Kompensationsindex. In einem Index, der zur Kompensation der Inflationsverluste herangezogen würde, wäre dieser Aspekt nicht enthalten. Aber bei sechs bis acht Prozent könnten die aktuellen Zuwächse schon liegen.

Sollte auch die Europäische Zentralbank (EZB) den IWI bei ihren geldpolitischen Entscheidungen berücksichtigen? Unterschätzt sie die Inflationsgefahr, wenn sie nur auf den amtlichen Verbraucherpreisindex sieht?

Die EZB beobachtet die Inflationswahrnehmung der Menschen, wie sie aus Umfragen hervorgeht, intensiv – und inzwischen zeigt sie auch ein lebhaftes Interesse am IWI. Von EZB-Mitarbeitern höre ich, dass die Messung der Inflationswahrnehmung für die Geldpolitik eine wichtige zusätzliche Information darstellt.

Das könnte also ein weiteres Mosaiksteinchen sein, das die EZB in ihrem gegenwärtigen Kurs bestätigt, die Zinsen nicht zu senken – oder sogar zu erhöhen?

Das möchte ich lieber nicht kommentieren – ich möchte der EZB nicht ins Handwerk pfuschen.

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